Methodisches Vorgehen

In diesem Abschnitt werden die einzelnen Schritte des methodischen Vorgehens begründet. Die Videoanalysen in der vorliegenden Arbeit orientieren sich dabei grundlegend am Vorgehen vorheriger größerer Videostudien, wie der IPN-Videostudie („Lehr-Lern-Prozesse im Physikunterricht“, Seidel et al., 2003a) und der schweizerisch-deutschen „Pythagoras“-Videostudie zu „Unterrichtsqualität, Lernverhalten und mathematischem Verständnis“ (Hugener et al., 2006a).

Zunächst erfolgt die Beschreibung des Vorgehens bei der Entwicklung der Beobachtungsinstrumente und beim Training der Beobachterinnen. Anschließend wird das Vorgehen bei der Überprüfung der Beobachterübereinstimmung und -reliabilität beschrieben sowie auf den Umgang mit dem Teamteaching in einigen BIP-Klassen (vgl. 8.2.4) eingegangen. Diese Informationen wurden zum Teil bereits in einem Kapitel von Lotz und Kollegen (2013a) im Technischen Bericht zu den PERLE-Videostudien veröffentlicht.

Entwicklung und Erprobung der Beobachtungsinstrumente

In Abbildung 4 ist das Vorgehen bei der Entwicklung und Erprobung der Beobachtungsinstrumente schematisch dargestellt (vgl. Lotz et al., 2013a). Grundlegend basiert die Entwicklung der Beobachtungssysteme auf der Anwendung inhaltsanalytischer Verfahren (Bos & Tarnai, 1999; Hugener, 2006b; Seidel, 2003b). In Anlehnung an Hugener (2006b), Jacobs und Kollegen (1999) sowie Seidel (2003b) wurden induktive und deduktive Prozesse in Kombination angewendet. Zunächst wurde die Theorie zu den einzelnen Merkmalen kognitiv aktivierender Leseübungen herangezogen und bestehende Beobachtungssysteme wurden analysiert. Auf dieser Basis wurden die Items für die Videoanalyse grundlegend entworfen (deduktives Vorgehen). Während des Entwicklungsprozesses des Beobachtungsinstruments wurden aber auch immer wieder Teilstichproben der Unterrichtsaufnahmen herangezogen, um deren Passung zu den entwickelten Kategorien zu überprüfen (induktives Vorgehen).

Oftmals wird empfohlen, für die Entwicklung der Kodierund Ratingregeln keine Videos aus der eigenen Stichprobe zu nutzen (z. B. Dalehefte, 2006). Da allerdings in der vorliegenden Studie nicht auf Videodaten zurückgegriffen werden konnte, die dem zu analysierenden Material – Übungsphasen im Leseunterricht des ersten Schuljahres – ähnlich genug gewesen wären, wurden dafür einige Videos aus der eigenen Stichprobe verwendet. Diese Aufnahmen wurden genutzt, um Ankerbeispiele zu den Kategorien und Indikatoren zu formulieren. Sie wurden im Verlauf des Kodierprozesses von den trainierten Kodiererinnen ausgewertet und die erhobenen Daten werden für weitere Analysen genutzt, um die Stichprobe nicht zu verkleinern (z. B. Studie 2 und Studie 3, vgl. Kapitel 10 und 11). Es wurde aber darauf geachtet, diese Videos nicht auszuwählen, um die Beobachterübereinstimmungen zu berechnen.

Nachdem die Analyseeinheiten, die Kodierund Ratingverfahren sowie die Operationalisierung der Kategorien grundlegend festgelegt wurden, wurde ein erstes Manual entworfen und dessen Praktikabilität getestet, indem Unterrichtsvideos damit probeweise kodiert wurden. Daraufhin konnten einige Regeln zum Teil noch präzisiert werden, um das Manual fertigzustellen. Die Manuale enthalten alle nötigen Informationen für die Kodiererinnen. Neben einer knappen inhaltlichen Einführung in den jeweiligen Themenbereich sind die Erläuterungen zu allen Kategoriensystemen inklusive Beispielen sowie eine genaue Erläuterung zum Kodiervorgang enthalten. Da dies im Detail nicht innerhalb dieser Arbeit dargestellt werden kann, sind alle für die Studie entwickelten und eingesetzten Manuale im Anhang zu finden.

Abbildung 4 Schematische Darstellung des deduktiv-induktiven Vorgehens bei der Entwicklung von Kategorienund Ratingsystemen

Da das Ziel der Arbeit sowohl in der Beschreibung des Leseunterrichts als auch in der Beurteilung seiner Qualität besteht, wurden sowohl niedrig, mittel als auch hoch inferente Beobachtungssysteme entwickelt, die in Abschnitt 9.3 näher beschrieben werden.

 
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