Was sagt der Prophet Daniel über den Verlauf der Weltgeschichte?

Das Buch Daniel handelt von dem Judäer Daniel, der am Hof des babylonischen Königs Dienst tut. Dem in der Wissenschaft von der Traumdeutung kundigen Beamten geben Träume Aufschluss über den Verlauf der Weltgeschichte und das Schicksal des jüdischen Volkes. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen zwei Träume; den einen hat der babylonische König Nebukadnezzar, den anderen Daniel selbst

(Daniel 2; 7). Im Traum sieht Nebukadnezzar die Kolossalstatue eines Mannes: Das Haupt ist aus Gold, Brust und Arme sind aus Silber, Bauch und Lenden aus Bronze, die Beine aus Eisen, die Füße teils aus Eisen, teils aus Ton. Von einem Felsbrocken getroffen, wird das Standbild zerstört (Abb. 10).

In einem anderen Traum wird Daniel selbst Zeuge eines seltsamen Geschehens: Die vier Winde des Himmels wühlen das Meer auf, und aus dem Meer erheben sich vier gewaltige Bestien: ein geflügelter Löwe, ein Bär und ein geflügelter mehrköpfiger Panther; das namenlos bleibende vierte Tier ist wohl ein Elefant, dem Hörner angedichtet werden. Beide Träume beziehen sich auf die Abfolge der Imperien, die sich in der Herrschaft über die Welt des Orients ablösen. Jedes Reich wird in dem einen Traum durch einen Teil der Statue eines Menschen, in dem anderen durch ein mythisches Tier oder den Teil eines solchen Tieres repräsentiert:

Reich der Babylonier - goldenes Haupt; geflügelter Löwe

Reich der Meder - Brust und Arme aus Silber; Bär

- Bauch und Lenden aus Bronze; Reich der Perser

mehrköpfiger Panther

Reich Alexanders des

  • - Beine aus Eisen; gehörnter Elefant Großen
  • - Füße aus Eisen und Ton; Hörner des Reiche der Diadochen

Elefanten

Die für die Juden schlimmste Zeit ist die der Diadochen, jener Männer, die das Reich Alexanders des Großen unter sich aufteilen. Zu ihnen gehört der als Judenfeind geschilderte seleukidische König Antiochus IV. Epiphanes (175-164 v. Chr.). Im Danielbuch erscheinen die Diadochenreiche nicht als dauerhafte politische Gebilde, denn sie werden in Daniels Weissagung von einem weiteren Reich abgelöst. Von Gott beauftragt, wird ein mächtiger, als Menschensohn bezeichneter Engel dieses ewige Reich errichten, das nicht mehr im Zeichen einer Bestie steht, sondern im Zeichen des Menschen.

Die Botschaft des während der Herrschaft der Diadochen entstandenen Danielbuches lautet: Wie die anderen Reiche der Weltgeschichte untergegangen sind, so wird auch das Reich des Judenfeindes Antiochus untergehen.

Gibt es ein «Evangelium» im Alten Testament?

«Evangelium» heißt «gute Nachricht». Tatsächlich gibt es ein Prophetenbuch, das -anders als andere prophetische Schriften des Alten Testaments - nicht von Gottes Strafe, sondern von kommendem Heil kündet. Es handelt sich um ein anonym überliefertes Buch, das wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. entstand. Es wurde an das Jesajabuch angehängt und wird deshalb heute auch als «zweiter Jesaja» oder «Deuterojesaja» bezeichnet (Jesaja 40-55).

Die Schrift erzählt davon, wie die aus Palästina nach Babylonien verschleppten Judäer für ihre Sünden büßen. Aber eine namenlos bleibende Gestalt, der «Gottesimecht», hat die Strafe auf sich genommen, bis zum Tod durchlitten und so den Weg zum Heil bereitet. Mit dem Knecht ist wahrscheinlich das Volk Israel selbst gemeint, doch erscheint er gelegentlich auch als Einzelperson und ist dann vielleicht mit dem anonymen Propheten Deuterojesaja selbst gleichzusetzen. Nun lässt Gott verkünden: Die Sünde ist gesühnt, Gott nimmt sich seines Volkes wieder an, wie sich Vater und Mutter eines Kindes annehmen. Von Gott dazu ausersehen und beauftragt, lässt der namentlich genannte Perserkönig Kyrus (Regierungsdaten ca. 559-530) die nach Babylonien deportierten Judäer wieder nach Palästina zurückkehren. Gottes besondere Liebe gilt der wieder erblühenden Stadt Jerusalem. Keine Waffe wird der volkreichen Stadt mehr etwas anhaben, und alle Bewohner werden ein hohes Alter erreichen.

Durch die Leidensgeschichte des Gottesknechts und die gute Nachricht von Gottes erneuter Nähe ist das Buch den Evangelien des Neuen Testaments vergleichbar. «Wie lieblich klingen die Schritte des Freudenboten», der gute Botschaft (= Evangelium) bringt, der Jerusalem zuruft: Das Reich Gottes ist da! (Jesaja 52,7). Den

Ausdruck «das Evangelium des Alten Testaments» hat Johann Gottfried Herder vorgeschlagen (Vom Geist der ebräischen Poesie, Band 2, 1783).

 
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