Was hat die griechische Prophetin von Delphi mit den biblischen Propheten zu tun?

Das aus dem Griechischen entlehnte Wort Prophet bedeutet «Sprecher». In der Antike bezeichnete es den «stellvertretenden Sprecher» einer Gottheit. In dieser Rolle finden wir auch Frauen wie die delphische Pythia. Im Tempel von Delphi saß eine als Pythia bezeichnete Priesterin auf einem Dreifuß (einem hohen Hocker mit drei Beinen), hielt in der Hand einen Lorbeerzweig und eine Schale mit heiligem Wasser und nahm die ihr gestellten Fragen entgegen (Abb. 18). Nach kurzer Meditation gab sie die Antwort - das Orakel - des Gottes Apollon bekannt. Die Menschen strömten nach Delphi, um sich in politischen und privaten Angelegenheiten den Rat des Gottes zu holen. Einer der Titel der Pythia war «Prophetin», Sprecherin des Gottes Apollon. Wird ein Orakel zitiert, sagt keiner: «Die Pythia hat gesagt», sondern es heißt: «der delphische Gott hat verkündet».

Als die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde, erkannten die jüdischen Gelehrten in der Priesterin von Delphi eine nahe Verwandte jener Gestalten, die in ihren Schriften als Seher, Gottesmänner oder nebi’im (Singular: nabi) bezeichnet wurden. Für das hebräische Wort nabi bot sich «Prophet» an, da die biblischen Propheten wie die delphische Seherin als stellvertretende Sprecher eines Gottes auftraten. Tatsächlich sind die Orakelsprüche der griechischen Prophetin manchmal in der ersten Person abgefasst: Der Gott spricht unmittelbar aus der Pythia, die Prophetin ist sein «Instrument». Das ist bei den Propheten der Bibel nicht anders. Allerdings gibt es doch einen Unterschied: Während die Pythia stets auf Anfragen antwortet, verkünden Israels Propheten ihr Gotteswort fast immer ungebeten. Israels Gott ergreift selbst die Initiative; er mischt sich ungefragt ins menschliche Leben ein - zumeist in die Politik.

18 Befragung des Orakels von Delphi. In sich versunken sitzt die Pythia auf dem Dreifuß, Lorbeerzweig und Wasserschale in der Hand - beides Mittel, sie mit dem Gott Apollon zu verbinden. Sie empfängt die Inspiration des Gottes, dessen Spruch sie dem Befrager kundtun wird. Vor ihr der Befrager, bärtig, bekränzt und die «Prophetin» erwartungsvoll anblickend.

Schon antike Bibelübersetzer haben den griechischen Prophetentitel auf die biblischen Gottesmänner übertragen. - Rotfigurige Trinkschale des Kodrosmalers, ca. 440/30 v. Chr.; Altes Museum, Antikensammlung, Berlin.

 
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