Wie war die fränkische Gesellschaft zur Zeit Karls aufgebaut?

Berühmt ist das Wort Karls des Großen aus den Jahren nach 800: Es gibt nur Freie und Knechte. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus, denn es gab zahlreiche Formen von Freiheit und Unfreiheit: Es gab Freigelassene und Sklaven, Halbfreie und Vollfreie und vor allem - es gab auch eine über den Freien stehende Gruppe, den Adel. Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht hing mit der Abstammung und mit dem Besitz an Grund und Boden zusammen.

Die Adligen waren meist Großgrundbesitzer; manche von ihnen besaßen in verschiedenen Regionen des Reiches ausgedehnte Ländereien, die sie durch Heirat, Erbgang und königliche Schenkungen erhalten hatten und zu mehren suchten.

Die Freien besaßen meist eine eigene Hofstelle, die ihre Familie ernährte; es gab aber auch Freie, die eine Hofstelle bearbeiteten, die einem Großgrundbesitzer gehörte.

Die Unfreien hingegen arbeiteten zum Teil auf dem zentralen Hof ihres Herrn; manche von ihnen waren aber auch mit einem von ihrem Herrn abhängigen kleinen Bauerngut ausgestattet. Sie mussten neben der Arbeit auf dieser Bauernstelle, für deren Nutzung sie Abgaben in Form von Naturalien zu leisten hatten, auch noch drei Tage in der Woche auf dem zentralen Gut des Herrn Fronarbeit verrichten. Nicht nur weltliche Herren, sondern auch die Kirche verfügte über Unfreie. In jedem Fall waren Unfreie persönliches Eigentum ihrer Herren. Im Fall eines Delikts übten diese richterliche Gewalt über ihre Unfreien aus; die fränkischen Rechtsbücher suchten allerdings zu verhindern, dass ein Herr seinen Knecht mit dem Tod bestrafte. Da im Frankenreich eher ein Mangel an Menschen herrschte, lag es auch nicht im Interesse der großen Grundherren, die Zahl ihrer unfreien Arbeiter durch Todesurteile zu mindern. Alle Unfreien konnten freigelassen werden; ob ihr Los dann tatsächlich besser war als vorher, ist nicht sicher.

Die Freien unterschieden sich vor allem darin von den Knechten, dass sie zur Gerichtspflicht und zur Wehrpflicht herangezogen wurden. Gerichtspflicht bedeutet, dass sie an den mehrfach im Jahr zusammentretenden Gerichtsversammlungen teilnehmen mussten (siehe Frage 11); Wehrpflicht bedeutet, dass sie im Fall eines Krieges zu Heeresfolge verpflichtet waren, also an den vom König angeordneten Kriegszügen teilzunehmen hatten. Da Grafen sowohl Gerichtsherren als auch oberste Heerführer in ihren Amtsbezirken waren, konnten sie Freie so oft verpflichten, an Kriegszügen teilzunehmen oder zu Gerichtsversammlungen laden, dass diesen keine Zeit blieb, ihre Äcker ordentlich zu bestellen, die sie deshalb dem Grafen übertragen mussten. Karl versuchte, durch Herrschererlasse, sogenannte Kapitularien, derartige Missbräuche abzustellen. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass ihm dies gelang. Ob sich durch solche Machenschaften die Zahl der Freien in der Karolingerzeit insgesamt verringert hat, können wir mangels Zahlenmaterial nicht sagen. Die Versuche Karls des Großen, die Freien zu schützen, scheinen aber in diese Richtung zu deuten. Anscheinend haben sich manche Freie in die Abhängigkeit der Kirche geflüchtet, um dem dauernden Druck der Heerund Gerichtsfolge zu entkommen. Die Kirche hat ihrerseits die Möglichkeit genutzt, freie Bauern auf dem Totenbett zu veranlassen, ihre Güter zugunsten ihres Seelenheils der Kirche zu übertragen. In einem Kapitular klagt Karl der Große darüber, dass auf diese Weise enterbte Kinder aus Not zu Räubern und Dieben geworden seien; daher sollten sich die Priester bei der Beratung ihrer Pfarrkinder zurückhalten.

Jenseits von Adligen, Freien und Unfreien gab es Fremde, die sich länger im Reich Karls aufhielten. Zu dieser Gruppe gehörten nicht zuletzt die Juden, die vor allem als Händler oder Ärzte tätig waren. Deren Schutz versuchten Karl und sein Sohn Ludwig der Fromme durch entsprechende Gesetze zu gewährleisten.

 
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