Welche Stellung hatten die Frauen in der fränkischen Gesellschaft?

Auch für die Frauen in der fränkischen Gesellschaft gilt, dass ihre Stellung und ihre Lebensbedingungen durch die soziale Schicht bestimmt wurden, in die sie hineingeboren worden waren.

Frauen aus der untersten Schicht, also der der Unfreien oder Hörigen, waren von ihren Herrn völlig abhängig und hatten kaum Rechte; so konnten sie beispielsweise ohne deren Erlaubnis nicht einmal heiraten. Einhard, der Biograph Karls des Großen, hat sich für unfreie Paare, die ins Kirchenasyl geflohen waren, weil sie heiraten wollten, aber nicht durften, in Briefen an deren Herren eingesetzt.

Die Lebensbedingungen der einfachen freien Frauen dürften sich wenig von jenen aus der Unfreienschicht unterschieden haben. Der tägliche Kampf um den Lebensunterhalt wird das beherrschende Thema gewesen sein. Viele sind wohl bereits in jungen Jahren im Kindbett gestorben. Aus den Quellen erfahren wir freilich nur wenig über Frauen aus dieser Schicht.

Mehr wissen wir über die Frauen von Adel und die Königinnen. Hinsichtlich ihrer Stellung in der Gesellschaft bildet die Zeit Karls des Großen eine Phase des Umbruchs: Während die adeligen Frauen in der Merowingerzeit über ihr eigenes Vermögen verfügen und auch, ohne verheiratet zu sein, einen eigenen Hausstand mit Bediensteten führen konnten - das gilt auch für die Königstöchter -, war dies in der Karolingerzeit nicht mehr möglich: Die adeligen jungen Mädchen mussten sich entscheiden zwischen einem Leben als verheiratete Ehefrau oder einem Leben im Kloster. So lebte Karls Schwester Gisela, für die zweimal eine Eheschließung verabredet worden war, die dann aber nicht zustande kam, schließlich bis zu ihrem Tod im Kloster Chelles bei Paris, wohin sich später auch Karls älteste Tochter Rotrud zurückzog. Zwei weitere Töchter des Königs wurden Äbtissinnen. Und auch jenen, die nicht förmlich als Nonnen eintraten, wurde ein Kloster übertragen, aus dessen Einkünften sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten; dieses Kloster sollten sie nach dem Tod des Vaters auch zu ihrem Aufenthaltsort machen. Da weder Karl noch seine Söhne oder Enkel ihre Töchter mit ausländischen Königen oder Adeligen verheirateten, spielten die Klöster des Frankenreiches für die Königstöchter eine große Rolle.

Die Töchter des fränkischen Adels hatten eine Chance, zum Aufstieg der Familie beizutragen, wenn sie einen König heirateten; und umgekehrt wählte der Herrscher Frauen aus einflussreichen Familien, um diese an sich zu binden. Die Eltern von Karls dritter Gemahlin Hildegard hatten beispielsweise große Besitzungen im Reichsteil von Karls Ende 771 verstorbenem Bruder Karlmann; der König wollte also mit dieser Eheschließung seine Macht in dieser Region stabilisieren. Später machte er Hildegards Bruder zum Präfekten in Baiern, nachdem er Herzog Tassilo III. abgesetzt hatte und einen loyalen Vertreter der Reichsgewalt brauchte (siehe Frage 45). Karls vierte Gemahlin kam schließlich aus einer mächtigen fränkischen Familie, und Karls Söhne heirateten Frauen aus wichtigen Adelsfamilien in ihren Teilreichen.

Im Unterschied zu ihren merowingischen Vorgängerinnen hatten die Königinnen der Karolingerzeit aber keinen großen politischen Einfluss mehr (siehe Frage 25). Das lässt sich daraus schließen, dass sie in den Urkunden Karls des Großen nicht als Fürsprecherinnen begegnen und keine einzige Königin in der gesamten Karolingerzeit eine Regentschaft wahrnahm.

Wenn die aus Italien stammende Kaiserin Angilberga, die Gemahlin Kaiser Ludwigs II. (f875), über ein größeres eigenes Vermögen verfügte, dann ist das eine Ausnahme in der ganzen Karolingerzeit. Es scheint so, als habe mit Karl dem Großen eine Zeit begonnen, die die Königinnen - wie es später das 19. Jahrhundert in Bezug auf alle Frauen wollte - auf die «3 K» beschränkte: Kinder, Küche und Kirche. Erst mit dem Aufstieg der nachfolgenden Dynastie der Ottonen sollte sich dies im 10. Jahrhundert wieder ändern.

Während wir eine gute Vorstellung davon haben, wie merowingische Königinnen gekleidet waren und welch kostbaren Schmuck sie besaßen, den man ihnen mit ins Grab gab, hat sich kein einziges Grab einer karolingischen Königin erhalten. Wir kennen zwar den Todestag und den Begräbnisort der Königinnen, aber alle Gräber sind später verloren gegangen. So hinterließen die Karolingerinnen ihre nachhaltigsten Spuren, indem sie Klöster gründeten bzw. Kirchen und Klöster förderten.

 
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