Wie war das Verhältnis Karls zu seinen Kindern, und wann wurde er zum letzten Mal Vater?

Da die Kindersterblichkeit im Mittelalter hoch war, wurde Kindern, zumal sie oft schon bald nach der Geburt starben, meist keine große Beachtung geschenkt - nicht einmal in der Königsfamilie. Auch Einhard macht darin keine Ausnahme, denn er behauptet, Karls Gemahlin Hildegard habe ihm sechs Kinder geboren. Aus anderen Quellen wissen wir aber, dass es neun waren: Das erste Kind, ein Mädchen namens Adelheid, starb bald nach der Geburt, nicht anders als ein Zwillingsbruder Ludwig des Frommen und ebenso wie das letzte Kind, das nach der Mutter Hildegard genannt wurde, der es bald nach deren Tod im Kindbett folgte.

Der außergewöhnliche Fund eines Säuglingssarkophags in Aachen lässt indes darauf schließen, dass die karolingische Familie auch um die früh verstorbenen Kinder trauerte, und so ließ Karl für die kleine

Adelheid sowie für die kleine Hildegard und ihre Mutter, die alle in der alten Familiengrablege Sankt-Arnulf in Metz bestattet wurden, Gedenkinschriften dichten. Auch seinen nichtehelichen Kindern gegenüber hat sich der König verantwortungsvoll gezeigt. Diese konnten zwar keinen Anteil am Frankenreich erhalten, da die Kirche inzwischen durchgesetzt hatte, dass nur die Söhne aus legitimen Ehen des Vaters Könige werden konnten, aber Karl behielt sie am Hof in Aachen und sorgte anscheinend für ihre Zukunft: So wissen wir von einer Tochter aus einem Konkubinatsverhältnis, dass sie Äbtissin eines Klosters wurde, und die beiden spät geborenen Söhne Drogo und Hugo von der Konkubine Regina wurden Bischof von Metz bzw. Abt von Saint-Quentin und Saint-Bertin (siehe Frage 24). Karls Verantwortung und dabei gewiss auch echte Zuneigung zu seinen Kindern und Enkeln lässt sich zudem daran erkennen, dass er die fünf Töchter seines Sohnes Pippin von Italien nach Aachen kommen ließ, nachdem dieser 810 gestorben war, und er auch seinen illegitimen Enkel Ludwig, den Sohn seiner Tochter Rotrud, versorgte.

Über die Erziehung der Kinder berichtet Einhard, dass Jungen wie Mädchen zunächst in den Wissenschaften unterrichtet werden sollten; daneben sollten die Söhne reiten, jagen und den Umgang mit Waffen erlernen, während die Töchter Fertigkeiten im Weben, Spinnen und bei anderen Wollarbeiten zu erwerben hatten. Als immerhin ungewöhnlich darf gelten, dass Karl während eines Zeitraums von 37 Jahren insgesamt 18-mal Vater wurde. Wenn wir aus den Quellen von allen seinen Kindern erfahren, dann hatte er fünf legitime und drei illegitime Söhne sowie sieben eheliche und drei uneheliche Töchter. Als Karl mit der Geburt Pippins des Buckligen zum ersten Mal Vater wurde, war er 22 oder 23 Jahre alt, und bei der Geburt Theoderichs durch seine Konkubine Adallind im Jahr 807 hatte er ein Alter von 59 oder 60 Jahren erreicht.

Im Jahr 810 und 811 starben vier seiner Kinder - der älteste im Kloster lebende Sohn Pippin der Bucklige sowie die als Nachfolger in den Teilreichen vorgesehenen Söhne von Hildegard, Karl der Jüngere und Pippin von Italien, sowie die Tochter Rotrud. Mochte Einhard und der Kirche auch das ausschweifende Triebleben des Herrschers nicht behagen, so weiß der Biograph doch immerhin glaubwürdig vom Schmerz und der Trauer des liebenden Vaters um seine verstorbenen Nachkommen zu berichten.

 
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