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9.4.2. Diskussion des methodischen Vorgehens

Bei der Beobachtung von Unterricht kommen grundsätzlich sehr unterschiedliche Herangehensweisen in Frage. In der vorliegenden Arbeit wurde eine Kombination aus niedrig, mittel und hoch inferenten Beobachtungssystemen gewählt, um alle im theoretischen Modell postulierten Aspekte kognitiv aktivierender Leseübungen möglichst präzise beschreiben und zudem qualitativ beurteilen zu können. Somit wurden auf den videografierten Unterricht parallel unterschiedliche Auswertungen angewendet, die im Nachhinein wieder zusammengebracht und miteinander verglichen werden können (vgl. Studie 3, Kapitel 11).

Insbesondere die feingliedrigen Analysen der Lehreraktivitäten im Event-Sampling-Verfahren sind sehr aufwändig und zeitintensiv. Für jedes zu beobachtende Merkmal mussten die Kodiererinnen den Unterricht mit Hilfe eines neuen Manuals beobachten. Vorteilhaft ist dies, weil die Beobachtenden sich dabei nur auf jeweils ein Merkmal konzentrieren müssen und dieses detailliert betrachten können. Andererseits sind dadurch Zusammenhänge und Aufeinanderfolgen der einzelnen Lehreraktivitäten nicht mehr unmittelbar ersichtlich. Eine andere Möglichkeit wäre daher das lückenlose Kodieren der gesamten Unterrichtszeit anhand eines Gesamtsystems, das alle Einzelkategorien (z. B. Lehrerfragen, Schülerantwort, Hilfen, Feedback etc.) umfasst. Der Vorteil eines solchen Systems wäre, dass die gesamte Lehrer-Schüler-Interaktion lückenlos in ihrem Prozesscharakter erfasst werden könnte. Schwierig daran ist allerdings, dass sich viele Lehreräußerungen nicht disjunkt einer bestimmten Kategorie zuweisen lassen, da ein Feedback beispielsweise auch in Form einer Frage gegeben werden kann (z. B. „HastdudeineLösungschonüberprüft?“) oder eine Hilfestellung gleichzeitig eine Strategieanregung darstellen kann (z. B. „Nimm doch denFinger zum Lesen dazu.“). Insbesondere die Abgrenzung von Aufgaben und Fragen ist schwierig (vgl. auch Abschnitt 10.3.4) und jede Entscheidung bei der Definition und Abgrenzung dieser einzelnen Aktivitäten bringt Einbußen in der Validität mit sich. Um ein vollständiges, disjunktes Kategoriensystem zur Kodierung der gesamten LehrerSchüler-Interaktion zu entwickeln, müssten also viele Kompromisse und hierarchisierende Kodierregeln gefunden werden, welche wiederum den Präzisionsgrad der Kodierungen einschränken könnten. Zudem würde ein solches umfassendes Kategoriensystem die Komplexität und damit die kognitive Belastung der Beobachtenden deutlich erhöhen. Daher erschien für das Ziel der vorliegenden Arbeit – die Beschreibung verschiedener Aspekte kognitiv aktivierender Leseübungen – das Vorgehen geeigneter, verschiedene Kategoriensysteme zu entwickeln, um die einzelnen Merkmale zunächst getrennt voneinander analytisch betrachten zu können. Für weitere Analysen (vgl. auch 12.2) sollen aber auch Zusammenhänge zwischen den Beobachtungen mittels der unterschiedlichen Systeme hergestellt werden.

Im Fokus der vorliegenden Teilstudie stand die Entwicklung reliabler und objektiv anwendbarer Beobachtungssysteme. Dies konnte anhand der überwiegend sehr guten Übereinstimmungen und Reliabilitäten belegt werden. Ein weiteres Ziel stellt die Entwicklung möglichst valider Beobachtungssysteme dar. Hier geht es darum, dass mit dem Beobachtungssystem tatsächlich das Merkmal gemessen wird, welches gemessen werden soll. Die Minimalvoraussetzung für die Validität ist, dass alle Kodierenden ähnliche Werte vergeben, also ein ähnliches Verständnis des Konstrukts haben (Wirtz & Caspar, 2002), wozu ein intensiver Austausch während der Beobachtertrainings und über den Verlauf der Kodierungen notwendig ist. Die Validität von Beobachtungssystemen ist allerdings deutlich schwieriger zu überprüfen als deren Objektivität oder Reliabilität. In der vorliegenden Studie wurden die Instrumente in enger Anlehnung an theoretische Grundlagen zu den jeweils zu erfassenden Merkmalen entwickelt, um eine grundlegende inhaltliche Validität zu gewährleisten. Wo es möglich war, wurden bereits bestehende Beobachtungssysteme oder einzelne Items daraus adaptiert, um Anschluss an bisherige Forschungsarbeiten zu ermöglichen. Außerdem wurden nicht nur die Übereinstimmungen zwischen den Beobachterinnen untereinander überprüft, sondern es wurde zusätzlich großer Wert auf die Übereinstimmung jeder Beobachterin mit der Entwicklerin des Beobachtungssystems gelegt, da die Master-Kodierung am ehesten das dem Manual zugrunde liegende Verständnis der jeweiligen Merkmale widerspiegelt. Eine weitere Möglichkeit der Validitätsprüfung besteht in der Überprüfung von Zusammenhängen mit weiteren Kriterien. In weiteren Analysen, auf die im Rahmen der Arbeit nicht mehr eingegangen werden kann (vgl. 12.2), soll deshalb die Validität der entwickelten Beobachtungsinstrumente verschiedentlich überprüft werden, indem zum einen Zusammenhänge zur Leistungsund Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler berechnet werden. Zum anderen können die Beobachtungsdaten mit Angaben der Lehrpersonen zu ihrer Unterrichtsgestaltung, die über Fragebögen und Unterrichtstagebücher erfasst wurden, in Beziehung gesetzt werden. Eine dritte Möglichkeit besteht in einer gegenseitigen Validierung verschiedenartig erfasster Beobachtungsdaten, wie beispielsweise hoch und niedrig inferent erfasster Daten zu ähnlichen Merkmalsbereichen. In der dritten Teilstudie (vgl. Kapitel 11) wird daher die Konstruktvalidität noch einmal näher betrachtet, indem Zusammenhänge zwischen den aus der hoch inferenten Qualitätseinschätzung des Unterrichts gewonnenen Faktoren theoriegeleitet mit einzelnen niedrig inferent erfassten Beobachtungsdaten verglichen werden.

 
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