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10. Studie 2: Gestaltung von Leseübungen

Auf Basis der entwickelten Beobachtungsinstrumente, die in Studie 1 vorgestellt wurden, liegt der Fokus der zweiten Studie nun darauf, die Leseübungen in den einzelnen Lerngruppen zu beschreiben. Dazu werden zunächst die Fragestellungen präzisiert. Im Anschluss an die Darstellung des Vorgehens bei der Datenauswertung werden die Ergebnisse berichtet, wobei sich die Gliederung der Ergebnisse an dem in Kapitel 6 dargestellten theoretischen Modell kognitiv aktivierender Leseübungen orientiert. Am Ende jeden Abschnitts werden die Ergebnisse zum jeweiligen Bereich zusammengefasst und unmittelbar kurz diskutiert. Eine Gesamtdiskussion der Ergebnisse und des methodischen Vorgehens schließt die zweite Studie ab.

10.1. Fragestellungen

Insgesamt liegen nur wenige empirische Informationen über die tatsächliche Ausgestaltung der Unterrichtsqualität in der Grundschule vor (Einsiedler, 1997a; Helmke & Weinert, 1997b; Roßbach, 2002a). Da insbesondere kognitive Aktivierung ein noch relativ junges Konstrukt in der empirischen Unterrichtsforschung darstellt, ist die Forschungslage noch dünn (Lipowsky, 2009). Studien zur Konzeptualisierung und Wirkung kognitiver Aktivierung im Leseunterricht der Grundschule fehlen bisher weitgehend. Auch bisher entwickelte Indikatoren kognitiv aktivierenden Unterrichts fokussieren vorwiegend auf mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht.

Wie in Kapitel 5 beschrieben, ist die „Praxis des Deutschunterrichts der letzten Jahrzehnte […] nur spärlich dokumentiert" (Eikenbusch, 2001, S. 52). Eine Ausnahme stellen die Arbeiten von Kleinbub (2010) und Heyne (2014) dar, die sich mit dem Leseunterricht anhand der VERAVideostudie auseinandersetzen (vgl. 5.2.2.1), wobei hier allerdings nicht der Anfangsunterricht, sondern das vierte Schuljahr betrachtet wird. Hier werden einzelne Aspekte untersucht, die auch mit dem Konstrukt der kognitiven Aktivierung korrespondieren, wenn auch der Fokus dieser Studien nicht auf der Konzeptualisierung dieses Qualitätsmerkmals liegt. Kleinbub (2010) stellt in ihrer Zusammenfassung des Forschungsstands fest:

Es mangelt an systematischen Korpora von Unterrichtsstunden, die auf eine Schulart, Klassenstufe und auf einen Kompetenzbereich begrenzt und dennoch hinreichend umfangreich sind, um quantitative Analysen zu erlauben. Der Kompetenzbereich ‚Lesen – mit Texten und Medien umgehen' wurde überdies im Rahmen (nicht nur) deutschdidaktischer Beobachtungsstudien bisher ausgespart. (S. 120)

Da zum Anfangsunterricht im Fach Deutsch der Grundschule also kaum Daten aus Beobachtungsstudien vorliegen, liegt allein in der genauen Beschreibung, wie die videografierten Leseübungen gestaltet werden, ein wichtiger Erkenntnisgewinn. In dieser Studie wird daher anhand der in Studie 1 entwickelten Instrumente der videografierte Leseunterricht in den einzelnen Lerngruppen ausgewertet, um folgende übergeordnete Fragen zu beantworten:

Es wird analysiert, wie die Merkmale kognitiv aktivierender Leseübungen in der Gesamtstichprobe ausgeprägt sind und welche Unterschiede sich hierbei zwischen den einzelnen Lehrpersonen zeigen. Dabei interessiert vor allem, wie sich die Unterrichtsgestaltung und -qualität in Hinblick auf das in Kapitel 6 aufgestellte Modell kognitiv aktivierender Leseübungen charakterisieren lässt. Die einzelnen Fragestellungen orientieren sich daher an diesem Modell. Dazu sollen die Leseübungen zunächst in ihrer Sichtstruktur beschrieben werden. Anschließend wird untersucht, inwiefern die Rahmenbedingungen zur Ermöglichung eines hohen Ausmaßes an aktiver Lernzeit (Effektives Classroom Management, Entspannte Lernatmosphäre und Differenzierung/Individualisierung) verwirklicht werden. Außerdem werden die Aufgabenstellungen, die Lehrerfragen, die Anregungen zum Einsatz von Lesestrategien, die individuellen Lernunterstützungen in Schülerarbeitsphasen und das Feedback durch die Lehrperson als Aspekte kognitiver Aktivierung in den Phasen der Aufgabenstellung und -bearbeitung analysiert. Als letzter Aspekt wird betrachtet, inwiefern in den videografierten Unterrichtsstunden Reflexionsphasen vorkommen, wie diese gestaltet werden und ob sie das Potenzial zur Anregung der Metakognition bei den Schülerinnen und Schüler besitzen. Die Fragestellungen zu diesen Bereichen werden im Einzelnen in den folgenden Abschnitten genauer formuliert. Dabei werden ausschließlich Fragestellungen und keine Hypothesen formuliert. Zwar existieren zu einigen der hier untersuchten Unterrichtsmerkmale bereits Daten aus Beobachtungsstudien, allerdings fehlen Beobachtungen zum Leseunterricht des ersten Schuljahres, sodass die vorliegende Studie eher explorativen Charakter aufweist.

 
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