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10.3. Ergebnisse und Teildiskussionen

Im Folgenden wird dargestellt, wie die Leseübungen in den videografierten Klassen bzw. Lerngruppen [1] gestaltet wurden. Dabei werden alle Aspekte des in Kapitel 6 dargestellten Modells aufgegriffen. Es werden nicht alle Ergebnisse der in Teilstudie 1 erhobenen Beobachtungsdaten berichtet, sondern nur diejenigen, die als bedeutsam für die kognitive Aktivierung der Lernenden sowie für die Schaffung der Rahmenbedingungen erachtet werden. Zunächst wird die Sichtstruktur der videografierten Unterrichtsstunden beschrieben, bevor auf die Rahmenbedingungen kognitiv aktivierender Übungsphasen, die Phase der Aufgabenstellung, der Aufgabenbearbeitung und der Aufgabenreflexion eingegangen wird.

10.3.1. Grundlegende Beschreibung der Leseübungen

In diesem Abschnitt werden grundlegende Informationen zu den videografierten Leseübungen berichtet.

10.3.1.1 Darstellung der Ergebnisse

Zuerst wird thematisiert, inwiefern die Leseübungen in den BIP-Klassen von beiden Lehrpersonen gemeinsam oder in Klassenteilung realisiert wurden. Anschließend wird auf die Dauer der Leseübungen in den einzelnen Lerngruppen, die Verteilung der Sozialformen sowie die Häufigkeit der verschiedenen Übungsphasen eingegangen. [2]

10.3.1.1.1 Klassenteilung und Teamteaching in den BIP-Klassen

Die Videostudie im Fach Deutsch wurde in insgesamt 37 Klassen durchgeführt. Davon sind 20 Klassen staatlichen Schulen zugeordnet und 17 Klassen den BIP-Kreativitätsgrundschulen. Die Besonderheit, dass in den BIP-Schulen im Fach Deutsch zwei Lehrpersonen unterrichten, wurde bereits mehrfach thematisiert (vgl. 8.2.4; 9.2.4). In den BIP-Klassen entstanden 30 Unterrichtsvideos, da in 13 Klassen die Lerngruppe zeitweilig aufgeteilt wurde (26 Videos) und in vier Klassen keine Klassenteilung stattfand. Damit lagen für die Auswertung zunächst insgesamt 50 Unterrichtsvideos vor, von denen allerdings nur in 48 Unterrichtsvideos auch Leseübungen stattfanden. Tabelle 26 stellt im Überblick dar, inwiefern die Leseübung im Teamteaching oder mit Klassenteilung realisiert wurde.

Tabelle 26 Klassenteilung und Teamteaching während der Leseübung in den BIP-Klassen – Häufigkeit (N = 17 BIP-Klassen)

Speziell in der Phase der Leseübung wurde die Klasse meist auf zwei Klassenräume aufgeteilt, sodass zwei Videos mit zwei (nahezu) voneinander unabhängigen Leseübungen resultieren. So können 28 Videos aus BIP-Schulen mit den Kategorienund Ratingsystemen zur Leseübung ausgewertet werden. Mit den 20 Unterrichtsvideos der staatlichen Klassen ergibt sich so eine Stichprobengröße von 48 Unterrichtsvideos für die weiteren Analysen.

10.3.1.1.2 Die Dauer der Leseübungen

Tabelle 27 zeigt die Dauer der Leseübungen in diesen 48 Lerngruppen im Überblick. Die Dauer der Leseübung variiert mit einer minimalen Dauer von 2.67 Minuten und einer maximalen Dauer von 55.50 Minuten deutlich zwischen den einzelnen Lerngruppen. Der Mittelwert beträgt 26.26 Minuten bei einer Standardabweichung von 12.82 Minuten.

Tabelle 27 Dauer der Leseübung in den einzelnen Lerngruppen – Deskriptive Statistik (N = 48 Lerngruppen)

10.3.1.1.3 Die Leseübung in Kombination mit anderen inhaltsbezogenen Aktivitäten

Die Unterschiede in der Dauer der Leseübung kommen teilweise dadurch zustande, dass es sowohl Leseübungen gibt, die ohne weitere zusätzliche inhaltsbezogene Aktivität stattfinden (vgl. 9.3.1.4) als auch Leseübungen, die im Rahmen einer Mischung mehrerer inhaltsbezogener Aktivitäten realisiert werden. In diesen Lerngruppen arbeiten beispielsweise einige Schülerinnen und Schüler an ihren Briefen an Mama Kroko (vgl. 8.2.1), während andere Schülerinnen und Schüler die Leseübung bearbeiten. Abbildung 7 stellt die Dauer der Leseübungen in den einzelnen Lerngruppen aufsteigend dar, wobei reine Leseübungsphasen von Abschnitten unterschieden werden, die im Rahmen einer Mischung mehrerer inhaltsbezogener Aktivitäten (IAMIX) realisiert werden (vgl. Lotz, 2013a).

Insgesamt wird die Leseübung zu 69.25 % als „reine“ Leseübung durchgeführt, zu 30.75 % als Mischphase. Es fällt auf, dass in den längeren Leseübungen tendenziell häufiger weitere inhaltsbezogene Aktivitäten enthalten sind, während die sehr kurzen Leseübungen meist

„reine“ Leseübungen sind. Diese Tendenz bestätigt sich auch in einer positiven Korrelation von r = .52 (p = .00) zwischen der Dauer der gesamten Leseübung (reine Leseübung und Leseübungen im Rahmen der Mischung von mindestens zwei inhaltsbezogenen Aktivitäten) und dem prozentualen Anteil von Leseübungen im Rahmen einer Mischung von mehreren inhaltsbezogenen Aktivitäten: In Lerngruppen, in denen die Leseübung länger dauert, findet diese erwartungsgemäß häufiger im Rahmen der Mischung mehrerer inhaltsbezogener Aktivitäten statt.

Abbildung 7 Inhaltsbezogene Aktivitäten während der Leseübung – Grafische Darstellung der Verteilungen in den einzelnen Lerngruppen (N = 48 Lerngruppen) [3]

10.3.1.1.4 Die Sozialformen während der Leseübung

Der öffentliche Unterricht nimmt im Durchschnitt 40.57 % der Zeit der Leseübung in Anspruch. Einen sehr ähnlich hohen Anteil nehmen mit 40.72 % die Schülerarbeitsphasen Einzelarbeit, Partnerarbeit und Gruppenarbeit gemeinsam ein, wobei hierbei die Einzelarbeit dominiert und Gruppenbzw. Partnerarbeit deutlich seltener vorkommt. In durchschnittlich 18.71 % der Zeit findet eine Mischung von mindestens zwei Sozialformen statt (vgl. Tabelle 28).

Tabelle 28 Sozialformen während der Leseübung – Deskriptive Statistik der prozentualen Anteile (N = 48 Lerngruppen)

Wie unterschiedlich die verschiedenen Sozialformen in den einzelnen Lerngruppen kombiniert werden, zeigt Abbildung 8. Hier wird zunächst deutlich, dass der Anteil des öffentlichen Unterrichts in den einzelnen Lerngruppen stark variiert: Während in zwei Lerngruppen überhaupt kein öffentlicher Unterricht vorkommt, wird die Leseübung in zwei anderen Lerngruppen ausschließlich im öffentlichen Unterricht durchgeführt. In vielen Lerngruppen kommt aber eine Kombination der drei am häufigsten realisierten Sozialformen öffentlicher Unterricht, Einzelarbeit und Sozialformmischung vor, während Gruppenund Partnerarbeit nur in wenigen Lerngruppen realisiert werden.

Abbildung 8 Sozialformen während der Leseübung – Grafische Darstellung der prozentualen Anteile (N = 48 Lerngruppen)

Genauere Aussagen zur Gestaltung der Leseübungen werden im folgenden Abschnitt anhand der Ergebnisse der Kodierung der Übungsphasen dargestellt.

10.3.1.1.5 Unterschiedliche Phasen der Leseübung

Das Kategoriensystem zu den Übungsphasen baut auf der Kodierung der Sozialformen auf und unterscheidet grundlegend zwischen jenen Übungsphasen, die in Schülerarbeitsphasen stattfinden und solchen, die im öffentlichen Unterricht realisiert werden.

Tabelle 29 Übungsphasen während der Leseübung – Deskriptive Statistik der prozentualen Anteile (N = 48 Lerngruppen)

Dabei lassen sich die kodierten Übungsphasen zu 57.22 % den Schülerarbeitsphasen, zu

40.55 % dem öffentlichen Unterricht zuordnen. In 2.23 % der Zeit wurde durchschnittlich die Restkategorie kodiert, das heißt, hier fanden keine Aktivitäten statt, die direkt dem Lesen zugeordnet werden konnten. Vergleicht man die Anteile der einzelnen Übungsphasen miteinander, so nehmen mit 25.19 % im Mittel Leseübungen mit der Aufgabe des Leseverstehens den größten zeitlichen Anteil der Leseübung ein. Diese werden gefolgt von Vorlesesituationen im öffentlichen Unterricht (22.43 %), Leseübungen mit dem Ziel der Verbesserung der Lesetechnik (9.56 %), der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Text im öffentlichen Unterricht (8.24 %) sowie Einleitungen von Schülerarbeitsphasen (7.65 %). Des Weiteren kommen verschiedene Formen der Mischung unterschiedlicher Aufgaben für die Schülerarbeitsphasen vor. Diese resultieren aus einer Aufgabendifferenzierung, wenn die Lehrperson unterschiedliche Schülerinnen und Schüler Aufgaben mit verschiedenen Zielschwerpunkten bearbeiten lässt (vgl. auch 10.3.2). Die für den öffentlichen Unterricht definierten Kategorien Sprachliche Auseinandersetzung mit dem Text und Vorankündigungen zur Weiterarbeit mit den Texten treten mit einem durchschnittlichen Zeitanteil von weniger als 1.00 % nur sehr selten in den videografierten Stunden auf. Vier weitere vorab definierte Kategorien (Kombinationsmöglichkeiten verschiedener Formen der Arbeit in Schülerarbeitsphasen) kommen überhaupt nicht vor. [4]

  • [1] In den BIP-Klassen wurden die Schüler einer Klasse für die Leseübung oftmals in zwei Lerngruppen aufgeteilt, sodass für eine Klasse die Gestaltung der Leseübung mit beiden Lerngruppen beschrieben werden kann. Da als Analyseeinheit größtenteils die einzelnen videografierten Leseübungen dienen, wird bei der Ergebnisdarstellung meist von Lerngruppen statt von Klassen gesprochen
  • [2] Die hier berichteten Daten resultieren aus der niedrig inferenten Kodierung von Klassenteilung und Teamteaching, aus der niedrig inferenten Kodierung der inhaltsbezogenen Aktivitäten, der Sozialformen sowie den Phasen der Leseübung. Die genauen Definitionen und Kodierregeln zu diesen Beobachtungsinstrumenten können im Technischen Bericht zu den PERLE-Videostudien nachgelesen werden (Lotz et al., 2013c).
  • [3] In allen Abbildungen, in denen die einzelnen Lerngruppen dargestellt sind, werden diese meist aufsteigend nach dem jeweils interessierenden Merkmal angeordnet, um die Ergebnisse zu veranschaulichen. Die Nummern (1 bis 48) zur Beschriftung der x-Achse dienen daher nicht als Identifikationsnummer für eine bestimmte Lerngruppe und entsprechen auch nicht immer derselben Lerngruppe
  • [4] Da die einzelnen Kategorien der Mischung unterschiedlicher Aufgaben für die Schülerarbeitsphasen (vgl. 9.3.2.1) nur sehr geringe prozentuale Anteile einnehmen, werden die Ergebnisse nur gruppiert dargestellt
 
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