Wie agierte Hitler im Prozess vor dem Volksgericht

München? Am 26. Februar 1924 begann vor dem Volksgericht München I der Prozess gegen Hitler, Ludendorff und acht weitere Angeklagte. Das Interesse der Öffentlichkeit war sehr groß, der Sitzungssaal in der ehemaligen Kriegsschule in der Blutenburgstraße 3 bis auf den letzten Platz gefüllt. Von Anfang an spielte sich Hitler als Herr des Verfahrens auf. In seiner vierstündigen Verteidigungsrede zum Auftakt des Prozesses übernahm er die volle Verantwortung für den Putsch: «Ich allein habe letzten Endes die Sache gewollt.» Zugleich aber wies er den Hauptanklagepunkt, den Vorwurf des Hochverrats, zurück, da es «keinen Hochverrat gegen die Landesverräter von 1918» geben könne.

Hitler hatte das Glück, in dem Vorsitzenden des Gerichts, Georg Neithardt, auf einen Repräsentanten der bayerischen Justiz zu stoßen, der aus seinen Sympathien für die Angeklagten keinen Hehl machte. Er ließ es zu, dass Hitler das Tribunal zur Bühne für seine Agitation umfunktionieren konnte. Die Rolle des Angeklagten mit der des Anklägers vertauschend, durfte Hitler in den nichtöffentlichen Sitzungen des Prozesses die Zeugen, vor allem die Mitglieder des Triumvirats, ausführlich befragen. Er nutzte die Gelegenheit, um Kahr, Lossow und Seißer regelrecht vorzuführen: Sie hätten schließlich auch den Umsturz gewollt, seien dann aber aus Angst vor der eigenen Courage abgesprungen. In seinem theatralischen

Schlusswort wandte sich Hitler direkt an die Richter: «Nicht Sie sprechen hier das letzte Urteil, sondern das Urteil spricht jene Göttin des letzten Gerichts, die sich aus unsren und Ihren Gräbern als einst erheben wird (...) Mögen Sie tausendmal Ihr sprechen, diese ewige Göttin des ewigen Gerichts wird lächelnd den Antrag des Staatsanwalts zerreißen und lächelnd zerreißen das Urteil des Gerichts, denn die spricht uns frei.»

Am 1. April 1924 wurde das Urteil gesprochen: Ludendorff, der immer noch von seinem Bonus als berühmter Weltkriegsgeneral zehrte, wurde freigesprochen. Hitler wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, allerdings mit der Aussicht, bereits nach sechs Monaten auf Bewährung freizukommen. Auch die übrigen Angeklagten kamen mit äußerst milden Strafen davon. Bei den Verteidigern der Weimarer Demokratie stieß das Urteil auf scharfe Kritik. «In München ist ein Justizmord an der Republik begangen worden», kommentierte die linksliberale «Weltbühne». Hitler sah sich durch den Ausgang des Verfahrens in seinem Glauben an seine historische Sendung bestätigt. Er hatte es verstanden, das Fiasko des Staatsstreichs in einen propagandistischen Triumph zu verwandeln. Der gescheiterte Coup vom 8./9. November sollte nach 1933 zu einem zentralen Bezugspunkt der nationalsozialistischen Parteilegende und zu einem der wichtigsten Gedenktage des Regimes werden.

 
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