Wie entstand «Mein Kampf»?

Anfang Juni 1924 bat Hitler seine Anhänger in einer Presseerklärung, von weiteren Besuchen in Landsberg abzusehen, da er an einem Buch schreibe und die dafür nötige freie Zeit nutzen wolle. Die Vorarbeiten reichten zurück bis in die ersten Wochen der Haft. Bereits bei seiner ersten Vernehmung durch den Staatsanwalt Mitte Dezember 1923 hatte Hitler mitgeteilt, er wolle eine umfangreiche Denkschrift verfassen, in der er seinen Gegnern «die Maske vom Gesicht reißen» werde. Diese Denkschrift ist nicht erhalten geblieben, ihr Inhalt aber lässt sich den ausschweifenden Reden entnehmen, die der Angeklagte im Prozess vor dem Münchner Volksgericht hielt.

Ursprünglich dachte Hitler demnach vor allem daran, mit all jenen in der bayerischen Politik abzurechnen, die ihn erst unterstützt, dann aber nach dem Putschversuch vom 8./9. November 1923 wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen hatten. Anfang Juni 1924 kündigte der parteieigene Eher-Verlag in einer Werbebroschüre das Erscheinen des Buches bereits für Juli an, und zwar unter dem Titel: «472 Jahre Kampf gegen Lüge, Dummheit und Feigheit. Eine Abrechnung». Doch die Veröffentlichung ließ auf sich warten, denn Hitler hatte sich entschlossen, das Buch zu erweitern zu einer Kombination aus Autobiographie und Programmschrift. Das bot ihm die Chance, seine wenig rühmlichen Jahre vor 1914 nach dem Vorbild des bürgerlichen Bildungsromans umzudeuten zur Geschichte einer historischen Sendung, die er, das vom Leben gehärtete Künstlergenie, nunmehr als «Führer» der «Bewegung» zu erfüllen habe.

Hitler und Mitgefangene in der Festung Landsberg 1924. (V. I. n. r.: A. H., Emil Maurice, Hermann Kriebel, Rudolf Heß, Friedrich Weber).

Doch inwieweit war das Buch überhaupt Hitlers Werk? Hatten womöglich andere mitgeschrieben oder zumindest Einfluss genommen auf das Manuskript? Eine der zählebigen Legenden im Zusammenhang mit der Entstehung lautet, Hitler habe den Text dem Mithäftling Rudolf Heß in die Schreibmaschine diktiert. Diese Version geht zurück auf die Erzählung eines ehemaligen Gefängniswärters und wurde ungeprüft in vielen Biographien übernommen. Tatsächlich tippte Hitler das Manuskript selbst. Wie bei der Vorbereitung seiner Reden hatte er sich zuvor Stichworte notiert. In seinen Briefen aus dem Gefängnis hat Heß genau geschildert, wie er Hitler zu Diensten war. So schrieb er Ende Juli 1924: «Er (Hitler) liest mir jetzt regelmäßig aus seinem Buch vor, das er gerade schreibt, wenn ein Kapitel fertig ist, kommt er damit zu mir. Er erläutert (es) mir, und wir sprechen über den einen oder den anderen Punkt.» Heß war also weder Co-Autor, noch hat er den Inhalt des Buches wesentlich beeinflusst. Was Hitler bei ihm suchte, war nicht Rat, sondern Bestätigung, und die ließ ihm sein gläubiger Gefolgsmann reichlichzuteil werden.

Als Hitler am 20. Dezember 1924 aus der Haft entlassen wurde, war ein Großteil des Manuskripts abgeschlossen. Doch das Erscheinen verzögerte sich abermals - aus politischen Gründen: Hitler wollte seine Bemühungen um eine Aufhebung des NSDAP-Verbots und eine Neugründung der Partei nicht gefährden. In diesem Zusammenhang ist nicht nur die Entschärfung des Titels zu sehen - ab Februar 1925 lautete er in verknappter Form nur mehr «Mein Kampf» sondern auch eine weitere einschneidende Veränderung: Aus einem Band wurden zwei. Hitler entschied sich, den ersten mit der Verkündung des Parteiprogramms am 24. Februar 1920 enden zu lassen und einige bereits fertiggestellte programmatische Kapitel für den zweiten Band aufzusparen. Der sollte bis ins Krisenjahr 1923 führen, den Novemberputsch aber bewusst nicht mehr behandeln, um das politische Comeback nicht zu gefährden.

In der Literatur finden sich zahlreiche Namen von Mitarbeitern, die angeblich bei der Endredaktion des ersten Bandes Hitler zur Hand gegangen seien und ganze Abschnitte umformuliert hätten. Doch sicher belegt ist nur die Mitwirkung von Josef Stolzing-Cerny, Musikkritiker beim «Völkischen Beobachter», und Ilse Pröhl, der Freundin und späteren Frau von Rudolf Heß. Ihr Beitrag beschränkte sich aber im Wesentlichen auf stilistische Korrekturen.

Der erste Band von «Mein Kampf» kam am 18. Juni 1925 heraus. Erst im Herbst 1926 fand Hitler die Zeit, um auf dem Obersalzberg einer Sekretärin die letzten Teile des zweiten Bandes zu diktieren. Rudolf Heß, seit April 1925 sein Privatsekretär, übernahm die Korrekturarbeiten. Am 11. Dezember 1926 wurde das Buch ausgeliefert. «Eine Welle von Erstaunen, Wut und Bewunderung» werde nach der Publikation «durch die deutschen Lande gehen», prophezeite Heß. Doch davon konnte zunächst keine Rede sein. Der erste Band, aufgelegt mit einer Startauflage von 10.000 Exemplaren, war zwar rasch verkauft, doch für den zweiten Band war das Interesse schon deutlich geringer. Erst 1929/30, mit dem politischen Durchbruch der NSDAP, entwickelte sich «Mein Kampf» zum

Bestseller, bevor das Buch - von 1933 an - zur Bibel der Deutschen wurde.

 
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