Wie reagierte die Öffentlichkeit auf den 30. Januar 1933?

In seiner 1939 im englischen Exil geschriebenen «Geschichte eines Deutschen» erinnerte sich der Publizist Sebastian Haffner an den «eisigen Schreck», der ihn sechs Jahre zuvor als Referendar am Berliner Kammergericht bei der Nachricht von Hitlers Ernennung zum

Reichskanzler befallen hatte. Doch am Abend des 30. Januar 1933 habe er mit seinem Vater, einem liberalen Reformpädagogen, die Aussichten der neuen Regierung diskutiert, und man sei sich rasch einig geworden, dass sie wohl einiges Unheil anrichten könne, aber nicht lange im Amt bleiben werde: «Nein, alles in allem genommen, war diese Regierung kein Grund zur Beunruhigung.»

Berlin, 30. Januar 1933: Der frischernannte Reichskanzler Adolf Hitler zeigt sich am Fenster der Reichskanzlei seinen Anhängern.

Diese Reaktion war nicht untypisch für die Haltung vieler Zeitgenossen. Zweimal hatten die Kanzler der Präsidialkabinette im Laufe des Jahres 1932 gewechselt - auf Heinrich Brüning war Anfang Juni Franz von Papen gefolgt, und auf diesen Anfang Dezember Kurt von Schleicher. Warum sollte auch die neue Regierung mehr sein als eine bloße Episode? Kaum jemand ahnte, was die Ernennung Hitlers tatsächlich bedeutete: einen dramatischen Wendepunkt nicht nur der deutschen, sondern der europäischen, ja der Weltgeschichte.

Es wird schon nicht so schlimm kommen - das war auch der Tenor der großen liberalen Blätter. Theodor Wolff, der Chefredakteur des «Berliner Tageblatts», prophezeite in seinem Leitartikel vom

31. Januar, die neue Regierung werde wohl nichts unversucht lassen, «um die Gegner einzuschüchtern und mundtot zu machen». Doch auch die Phantasie des sonst so hellsichtigen Journalisten reichte nicht aus, um sich auch nur einen halbwegs zutreffenden Begriff von den Möglichkeiten eines totalitären Regimes zu machen. Im deutschen Volk, das immer stolz gewesen sei auf «die Freiheit des Denkens und Wortes», werde sich Widerstand regen und allen Diktaturgelüsten Schranken setzen.

In der «Frankfurter Zeitung» äußerte der für die Innenpolitik zuständige Redakteur Benno Reifenberg Zweifel an der «menschlichen Qualifikation» Hitlers für das Amt des Reichskanzlers, schloss aber nicht aus, dass er sich mit der Verantwortung wandeln und Respekt verschaffen könne. Wie Theodor Wolff bezeichnete es Reifenberg als «eine hoffnungslose Verkennung unserer Nation, zu glauben, man könne ihr ein diktatorisches Regime aufzwingen»: «Die Vielfältigkeit des deutschen Volkes verlangt die Demokratie.»

Weniger zuversichtlich zeigte sich der Chefredakteur Julius Eibau in der «Vossischen Zeitung»: «Die Zeichen stehen auf Sturm», hieß es in einem ersten Kommentar. Zwar habe sich Hitler mit seinem Anspruch auf den ausschließlichen Besitz der Macht nicht durchsetzen können: «Es ist kein Kabinett Hitler, sondern eine Regierung Hitler/Papen/Hugenberg.» Aber bei allen inneren Gegensätzen sei sich dieses Triumvirat einig darin, «den völligen Bruch mit dem Bisherigen zu vollziehen». Angesichts dieser Aussicht warnte die Zeitung: «Ein gefährliches Experiment, das man nur mit tiefer Sorge und schärfstem Mißtrauen begleiten kann.»

Besorgt zeigten sich auch die Sozialdemokraten. In einem Aufruf vom 30. Januar hielten Parteivorstand und Reichstagsfraktion der SPD ihre Anhänger dazu an, den «Kampf auf dem Boden der Verfassung» zu führen. Jeder Versuch der neuen Regierung, die Verfassung zu verletzen, werde «auf den äußersten Widerstand der Arbeiterklasse und aller freiheitlich gesinnten Volkskreise stoßen».

Dabei übersah die SPD-Führung, dass die demokratische Verfassung von Weimar unter den vorangegangenen Präsidialregierungen schon ausgehöhlt worden war und Hitler nicht zögern würde, die letzten Reste zu zerstören.

Einer Fehleinschätzung unterlag auch die KPD, als sie zum «Generalstreik gegen die faschistische Diktatur der Hitler, Hugenberg, Papen» aufrief. Denn zum einen war das am 30. Januar 1933 gebildete «Kabinett der nationalen Konzentration» noch nicht gleichzusetzen mit einer offenen Rechtsdiktatur; zum anderen gab es angesichts von sechs Millionen Arbeitslosen unter den Beschäftigten wenig Neigung, in den Ausstand zu tie ten. Der Appell, eine gemeinsame Abwehrfront zu bilden, stieß bei den Sozialdemokraten auf wenig Gegenliebe, konnten sie doch nicht so schnell vergessen, dass die Kommunisten sie noch kurz zuvor als «Sozialfaschisten» diffamiert hatten.

Den Gewerkschaften lag der Gedanke an außerparlamentarische Aktionen ebenfalls fern. «Organisation, nicht Demonstration: das ist die Parole der Stunde!», verkündete der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Theodor Leipart, am 31. Januar. Für die Repräsentanten der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung war Hitler ein Handlanger der alten sozialreaktionären Machteliten aus ostelbischem Grundbesitz und rheinisch-westfälischer Schwerindustrie. Nicht er, sondern Papen und der «Wirtschaftsdiktator» Hugenberg würden die künftige Politik bestimmen und den braunen Messias bald entzaubern.

Anfang Februar 1933 bezeichnete der SPD-Abgeordnete Kurt Schumacher den NSDAP-Führer als bloßes «Dekorationsstück»: «Das Kabinett heißt Adolf Hitler, aber das Kabinett ist Alfred Hugenberg. Adolf Hitler darf reden, Alfred Hugenberg wird handeln.» Grotesker konnte man die von Hitler ausgehende Gefahr nicht verkennen. Die meisten führenden Sozialdemokraten und Gewerkschafter waren im Kaiserreich groß geworden. Sie konnten sich allenfalls eine Repression in Gestalt des Bismarck’schen Sozialistengesetzes vorstellen, nicht aber, dass die neue Regierung mit der völligen

Zerstörung der Arbeiterbewegung Ernst machen würde.

Dass mit Hitler ein fanatischer Antisemit an die Macht gekommen war, hätte die in Deutschland lebenden Juden am stärksten beunruhigen müssen. Das war aber keineswegs der Fall. «Im übrigen gilt heute ganz besonders die Parole: Ruhig abwarten!» So schloss der Vorstand des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens seine Erklärung vom 30. Januar. Zwar begegne man der neuen Regierung «selbstverständlich mit größtem Mißtrauen», doch sehe man in Reichspräsident Hindenburg «den ruhenden Pol». An dessen «Gerechtigkeitssinn» und «Verfassungstreue» habe man keine Zweifel. So sei man überzeugt, dass «niemand es wagen» werde, «unsere verfassungsmäßigen Rechte anzutasten». In einem Leitartikel in der «Jüdischen Rundschau» vom 31. Januar wurde überdies die Erwartung ausgesprochen, «daß auch im deutschen Volk die Kräfte noch wach sind, die sich gegen eine barbarische antijüdische Politik wenden würden». Es sollte nur wenige Wochen dauern, bis sich alle diese Annahmen als trügerisch erwiesen.

 
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