War das, was sich in der ersten Jahreshälfte 1933 in Deutschland vollzog, eine Revolution?

Hitler brauchte nur fünf Monate, um seine Diktatur zu etablieren. Bis zum Sommer 1933 waren Grundrechte und Verfassung außer Kraft gesetzt, die Länder gleichgeschaltet, die Gewerkschaften zerschlagen, die Parteien bis auf die NSDAP verboten oder aufgelöst, Presse und Rundfunk auf Linie gebracht, die rechtliche Gleichstellung der Juden beseitigt. Frappierend war nicht nur die Schnelligkeit, sondern auch die Leichtigkeit, mit der sich die Umwälzung vollzog. «Alles, was in Deutschland außerhalb der nationalsozialistischen Partei existierte», sei «zerstört, zerstreut, aufgelöst, angegliedert oder aufgesaugt», zog der französische Botschafter in Berlin, Andre Frangois-Poncet, Anfang Juli 1933 Bilanz. Hitler habe die Partie mit geringem Aufwand gewonnen: «Er mußte nur pusten - das Gebäude der deutschen Politik stürzte zusammen wie ein Kartenhaus.»

Nicht wenige Zeitgenossen sprachen angesichts der Dynamik der Veränderungen von einer «nationalen Revolution». Und auch in der NS-Führung nahm man dieses Wort mit großer Selbstverständlichkeit in den Mund. Die Historiker haben dagegen immer eine gewisse Zurückhaltung geübt, das, was sich zwischen Februar und Juli 1933 in Deutschland ereignete, eine Revolution zu nennen. Denn darunter wird in der Regel nicht nur eine politische, sondern auch eine grundlegende gesellschaftliche Umwälzung verstanden, bei der ein Austausch der Eliten stattfindet. Kennzeichnend für den Prozess der Machteroberung 1933 war dagegen gerade das Bündnis der traditionellen Eliten in Armee, Großlandwirtschaft, Großindustrie und Bürokratie mit der NS-Massenbewegung und ihrem charismatischen Führer.

Seit den transatlantischen Revolutionen, der amerikanischen von 1776 und der französischen von 1789, war «Revolution» überdies positiv konnotiert im Sinne einer Entwicklung zu mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität. Davon aber konnte unter der Hitler-Regierung von Anfang an keine Rede sein. Vielmehr trat bereits in den ersten Monaten ihrer Existenz ihr zutiefst inhumaner, allen Prinzipien von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Moral zuwiderlaufender Charakter deutlich zutage. Im Hinblick auf die Absicht des NS-Regimes, das ganze Volk seinem Herrschaftsanspruch zu unterwerfen und auf sein rassenideologisches Programm auszurichten, hat der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler vorgeschlagen, von einem neuen Typus politisch-gesellschaftlicher Transformation, von einer «totalitären Revolution», zu sprechen («Deutsche Gesellschaftsgeschichte», Bd. IV, 2003). Dieser Begriff erscheint noch am ehesten geeignet, den spezifischen Charakter der Umwälzung von 1933 zu erfassen.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >