Welche Funktion erfüllte der Führermythos?

In seinen Erinnerungen hat Hitlers Adjutant Fritz Wiedemann eine charakteristische Episode festgehalten. Während eines Führer-Besuchs in Hamburg schon Mitte der dreißiger Jahre drängte die begeisterte Menge das Begleitkommando beiseite, und einem Mann gelang es, Hitlers Hand zu fassen. «Dann fing er an, wie verrückt herumzutanzen, und schrie immer wieder: Wenn er erklärt hätte, er sei vorher lahm gewesen und könnte jetzt wieder gehen, hätte mich auch das nicht gewundert, und die Menge hätte es bestimmt geglaubt.» In dieser Schilderung zeigt sich der Kern des Hitler-Mythos: die Vorstellung, es bei ihm mit einem Politiker zu tun zu haben, der über außeralltägliche Kräfte verfügte, ja dem die Eigenschaften eines Wundertäters zugeschrieben wurden.

Die Mythenbildung hatte schon 1922 eingesetzt mit den Versuchen der Entourage, Hitler zu einem «deutschen Mussolini» zu stilisieren. In den Jahren der Neugründung der Partei nach 1925 wurde die Grußformel «Heil Hitler!» für die Parteimitglieder verbindlich. In ihr drückte sich nicht nur die unbestrittene Führungsposition des NSDAP-Vorsitzenden aus, sondern auch eine Art Kanonisierung seiner Person bereits zu Lebzeiten. Die Propaganda war unaufhörlich damit beschäftigt, den Führerkult zu popularisieren und bis in den letzten Ortsverein hineinzutragen. Besonders Hitlers «Leibphotograph» Heinrich Hoffmann trug mit seinen Bildbroschüren dazu bei, Hitlers quasireligiösen Nimbus zu bekräftigen: «Ein Mann, aufgestanden mitten aus dem Volk, verkündet das Evangelium der Liebe zum Vaterland.»

Zum Massenphänomen wurde der Führermythos in den frühen dreißiger Jahren, als die NSDAP zur stärksten Partei wurde und Hitler in den Augen vieler als der einzige Politiker galt, der Deutschland aus der Krise herausführen könne. «Wieviele sehen zu ihm auf in ergreifender Gläubigkeit als dem Helfer, Erretter, als dem Erlöser aus übergroßer Not», schrieb die Hamburger Lehrerin Luise Solmnitz im Frühjahr 1932.

Bereits in den ersten Jahren nach der «Machtergreifung» nahm der Kult um Hitler ungeahnte Ausmaße an. Viele Städte und Gemeinden trugen ihm die Ehrenbürgerschaft an, Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt, «Hitlereichen» und «Hitlerlinden» gepflanzt. Die Reichskanzlei wurde mit Fanpost geradezu überschwemmt. Es entwickelte sich ein schwunghafter Handel mit Hitler-Büsten und Hitler-Devotionalien. Wo immer der «Führer» auftauchte, wurde er gefeiert wie ein Popstar. Der Obersalzberg wurde zum Wallfahrtsort. Tausende Pilger strömten zu Hitlers Domizil, um einmal einen Blick auf den Wundermann zu erhaschen.

Der exzessive Führerkult war keineswegs nur das Werk des Chefpropagandisten Joseph Goebbels, der dafür sorgte, dass das Bild des «Führers» in den Medien ständig präsent gehalten wurde. Vielmehr wirkten die «Volksgenossen und Volksgenossinnen» selbsttätig mit an der pseudoreligiösen Überhöhung Hitlers, indem sie ihn zur Projektionsfläche aller ihrer messianischen Erwartungen machten.

Die Hitler-Euphorie blieb nicht auf bürgerliche Kreise beschränkt. Vielmehr erfasste sie zunehmend auch jene Arbeiter, die sich vor 1933 noch weitgehend immun gegen die Verheißungen der NS-Propaganda gezeigt hatten. Entscheidend hierbei waren die Erfolge des Regimes bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. «Große Teile der Arbeiterschaft» seien «der unkritischen Verhimmelung Hitlers verfallen», musste der Sozialdemokratische Parteivorstand im Exil (Sopade) bereits in seinem Bericht vom Sommer 1934 feststellen.

Die gewaltige Popularität, die Hitler genoss, strahlte freilich nicht auf seine Partei ab. Da der immer mehr der Alltagssphäre entrückte «Führer» sakrosankt war, konzentrierte sich alle Unzufriedenheit über bestimmte Auswüchse des Regimes auf die Unterführer, die «braunen Bonzen». Hitler schien sich in seiner Lebensführung positiv von vielen Parteifunktionären zu unterscheiden, die ihre neugewonnene Macht protzig zur Schau stellten und für Korruption anfällig waren. Demgegenüber präsentierte sich der «Führer» als «schlichter Mann aus dem Volk», der persönlich anspruchslos sei und sich kein Privatleben leisten könne. Dass dieses Image mit der Wirklichkeit nichts zu tun hatte, durchschauten die wenigsten.

So erfüllte der Führermythos nicht nur eine integrative, sondern auch eine kompensatorische Funktion. Er entschärfte die Unzufriedenheit über Probleme und Missstände im «Dritten Reich», indem diese allein dem Fehlverhalten der «kleinen Hitler» angelastet wurden, der Mann an der Spitze aber von aller Kritik ausgenommen blieb. «Wenn das der Führer wüsste» - das war schon bald eine stehende Redewendung.

Nach dem Sieg über Frankreich im Frühsommer 1940 wurde die mythische Verklärung Hitlers um eine zugkräftige Dimension erweitert: Nun wurde ihm auch der Nimbus des genialen Feldherrn zugeschrieben. Doch je länger der versprochene «Endsieg» auf sich warten ließ, an die Stelle der «Blitzsiege» katastrophale Niederlagen traten, desto mehr war der Führermythos einem schleichenden Verfall ausgesetzt, ohne freilich seine Bindekraft ganz zu verlieren. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 erlebte er sogar noch einmal eine kurzzeitige Wiederbelebung.

 
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