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10.3.3. Anregung von Denkprozessen durch Aufgabenstellungen

Um Aussagen zur Anregung von Denkprozessen durch Aufgaben zu treffen, können neben den Ereigniskodierungen zu den Aufgaben die Kodierung der Übungsphasen sowie einige Items des hoch inferenten Ratings herangezogen werden. Bevor auf diese inhaltlichen Ergebnisse eingegangen wird, wird in Tabelle 43 dargestellt, wie viele Aufgaben in den einzelnen Leseübungen identifiziert wurden, da diese für die meisten weiteren Ergebnisse die Grundlage darstellen. [1]

Tabelle 43 Anzahl und Dauer der Aufgabenstellungen – Deskriptive Statistik (N = 48 Lerngruppen)

Im Mittel wurden in jeder Lerngruppe etwa 53 Aufgaben [2] gestellt, wobei davon durchschnittlich fünf Hauptaufgaben, 46 Teilaufgaben und zwei Ergänzungsaufgaben sind. Für die genauen Definitionen von Haupt-, Ergänzungsund Teilaufgaben wird auf den Anhang (vgl. Abschnnitt 2.5.2.2; S. 44) verwiesen. Hier soll das Verständnis lediglich an einem Beispiel verdeutlicht werden: Als Hauptaufgaben wurden diejenigen Aufgaben kodiert, die den Arbeitsauftrag allgemein enthalten und auf die sich alle weiteren Aufgaben derselben Themeneinheit beziehen. Werden Arbeitsaufträge unterbrochen und später fortgeführt, so wurden diese Fortführungen als Ergänzungsaufgaben kodiert und bei der weiteren inhaltlichen Kodierung der Hauptaufgaben berücksichtigt. Alle Aufgaben, die im Verlauf der Aufgabenbearbeitung meist einzelnen Schülerinnen und Schülern gestellt werden, um noch einmal zur Bearbeitung der Hauptaufgabe aufzufordern oder diese noch einmal zu modifizieren, wurden als Teilaufgaben kodiert. Beispielsweise könnte die Hauptaufgabe, die zunächst allen Lernenden erteilt wird, im Rahmen einer Vorlesesituation folgendermaßen lauten: „So,aufdieserSeitedesBuchesfindetihreinenText,derunsetwasüberLucyundihreElterngenauererzählt unddaihrschonlesenkönnt, kriegtihr dieAufgabe,mitunsgemeinsamzulesen.“ Diese erste Erwähnung des neuen Arbeitsauftrags wird als Hauptaufgabe kodiert. Nach einer kurzen Pause führt die Lehrperson den Arbeitsauftrag dann noch weiter aus: „Wirwerdengemeinsamlesen.Unddasmachen wir so: Ichsagimmer"Stopp"und dann liest derNachbarweiter.Gut aufpassen.“ Dies wird als Ergänzung zur Hauptaufgabe kodiert, da die Erläuterung die vorangegangene Hauptaufgabe weiter spezifiert, aber in zeitlichem Abstand erteilt wird. [3] Im Verlauf der Vorlesesituation erfolgen dann weitere Teilaufgaben, die sich inhaltlich der übergeordneten Hauptaufgabe zuordnen lassen, aber beispielsweise noch einmal einzelne Schülerinnen und Schüler zu deren Ausführung auffordern (z. B. „Weiter, Schüler x“; „Hier unten weiter“) oder die Schülerinnen und Schüler noch einmal an die Aufgabenstellung erinnern („Mitlesen!“; „JederhatdenFingerdrauf!“).

Die absolute Anzahl der Aufgaben kann allerdings inhaltlich nicht weitergehend interpretiert werden, da die Leseübungen in den einzelnen Lerngruppen eine sehr unterschiedliche Dauer aufweisen. Sie wird hier lediglich aufgeführt, um zu dokumentieren, auf welche Analyseeinheiten sich die folgenden Ergebnisse beziehen. Wird die Anzahl der Aufgaben an der Dauer der Leseübung relativiert, fallen deutliche Unterschiede in der Häufigkeit von Aufgabenstellungen zwischen den Lehrpersonen auf. Während einige Lehrpersonen nur 0.77 Aufgaben pro Minute stellen, kommen in anderen Lerngruppen bis zu 5.49 Aufgaben pro Minute vor. Der Mittelwert liegt bei 2.17 Aufgaben pro Minute. Den größten Anteil daran nehmen Teilaufgaben mit durchschnittlich 1.84 Teilaufgaben pro Minute ein.

Thematisch und organisatorisch zusammengehörige Aufgaben wurden noch einmal zu Komplexen zusammengefasst. In dem oben genannten Beispiel der Vorlesesituation würden alle im Text genannten Haupt-, Ergänzungsund Teilaufgaben beispielsweise zu einem Komplex gehören, da alle Aufgaben zur Vorlesesituation zählen. Wenn die Lehrperson im Anschluss dazu ein Arbeitsblatt mit Fragen zu den vorgelesenen Texten austeilt, würden alle hierzu gehörenden Aufgabenstellungen dann dem zweiten Komplex zugeordnet werden. Für die genauen Kodierregeln zur Gruppierung von Einzelaufgaben in Komplexe wird auf den Anhang (Abschnitt 2.5.2.1; S. 39) verwiesen. Hierzu zeigen die Ergebnisse, dass im Schnitt in einer Leseübung 3.50 Aufgabenkomplexe vorkommen, wobei auch dies zwischen den einzelnen Lerngruppen stark variiert (von einem bis zu acht Aufgabenkomplexen). In Lerngruppen, in denen lediglich ein Aufgabenkomplex zu beobachten war, bearbeiteten die Schülerinnen und Schüler diesen meist ausschließlich in einer längeren Schülerarbeitsphase, wie das folgende Beispiel verdeutlicht: „Wirhabenuns malganzlustigeFragenzudemerstenTeilvonunsererGeschichteüberlegt.Diesollt ihr lesen und zu Frage gibt's drei Antworten, es ist aber nur eine Antwort richtig. Diese sollt ihr ankreuzen. Guckt mal wieder,dassesjederfürsichmacht!DennderNachbarkönntejaauchetwasFalschesankreuzen.“ Insgesamt war das Minimum von nur einem Aufgabenkomplex in sieben Lerngruppen zu beobachten. Das Maximum von acht Aufgabenkomplexen kommt hingegen nur einmal vor. Hier werden viele verschiedene Arbeitsaufträge mit einer jeweils kürzeren Bearbeitungszeit gegeben:

Zuletzt wird auf die Dauer der Aufgabenstellungen eingegangen. Die einzelnen Aufgabenstellungen dauern durchschnittlich 7.57 Sekunden. Addiert man die Dauer aller einzelnen Aufgaben, die in einem Unterrichtsvideo vorkommen, nehmen diese zusammen im Schnitt 25.72 % der Unterrichtszeit ein. Hierbei ist allerdings zu bedenken, dass nur knapp 16 % der Aufgaben an die gesamte Lerngruppe gerichtet werden (vgl. Tabelle 39, S. 256), sodass nicht von jeder Aufgabe alle Kinder angesprochen werden. Außerdem sind die Aufgabenstellungen nicht diskunkt zu weiteren Lehreraktiviäten definiert worden. Das bedeutet, dass einzelne Aufgabe zusätzlich auch beispielsweise als Fragen oder Hilfestellungen kodiert wurden. Somit ist es nicht möglich, die Dauer aller identifizierten Lehreraktivitäten aufzusummieren und deren prozentualen Anteil an der Unterrichtszeit im Vergleich zueinander auszumachen (vgl. hierzu auch die Diskussion von Teilstudie 1 in Abschnitt 9.4.2).

  • [1] Die genauen Definitionen und Kodierregeln können im Anhang (Abschnitt 2; S. 9) nachgelesen werden
  • [2] Zur Abgrenzung von Aufgabenstellungen und Fragen wird für eine Kurzdarstellung auf Abschnitt 10.3.4 sowie für die ausführliche Erläuterung und Definition beider Ereignisse auf die Manuale im Anhang (2. Aufgabenstellungen, S. 7; 3. Fragen und Impulse, S. 65) verwiesen
  • [3] Die Einführung dieser Kategorie soll dazu dienen, dass jede Hauptaufgabe nur einmal in die Bewertung eingeht, die Informationen aber dennoch nicht verloren gehen
 
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