Wie reagierten die Deutschen auf den Tod Hitlers?

Unter fanatischen Hitler-Anhängern, die bis zuletzt auf die Versprechungen von «Wunderwaffen» und «Endsieg» vertraut hatten, löste die Nachricht vom Tod des Diktators ein Gefühl von Trauer aus, gemischt mit Selbstmitleid. So klagte die Germanistikstudentin Lore Walb am 2. Mai 1945 in ihrem Tagebuch: «Er hat nun Ruhe, für ihn ist es so gewiß am besten. Aber wir? Wir sind verlassen und allem ausgeliefert und können in unserem Leben nicht wieder aufbauen, was dieser Krieg vernichtet hat.» Die meisten Deutschen aber scheinen teilnahmslos, wenn nicht gar erleichtert gewesen zu sein. Hitlers Popularität war in den letzten Kriegsjahren immer mehr zurückgegangen, und mit dem Führermythos hatte auch der

Nationalsozialismus einen großen Teil seiner Anziehungskraft eingebüßt. Die Journalisten Ursula von Kardorff beobachtete am 2. Mai in Berlin: «Den Menschen hier ist es völlig gleichgültig, ob Hitler, der einst so vergötterte, geliebte Führer, noch lebt oder schon tot ist. Er hat seine Rolle ausgespielt.»

Der Prozess der «Selbstentnazifizierung», der bereits vor Kriegsende eingesetzt hatte, beschleunigte sich nach Hitlers Tod und der bedingungslosen Kapitulation in rasantem Tempo. Überall wurden die Symbole der NS-Herrschaft - Führerbilder, Exemplare von «Mein Kampf», Parteiabzeichen, Hakenkreuzfahnen - beseitigt. Über Nacht verwandelten sich überzeugte Nationalsozialisten in entschiedene Gegner des Regimes. Dem deutsch-jüdischen Gelehrten Victor Klemperer, der sich nach der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 mit seiner Frau in ein bayerisches Dorf hatte flüchten können, fiel Anfang Mai auf: «Jetzt ist jeder hier immer Feind der Partei gewesen (...) Das 3. Reich ist schon so gut wie vergessen.»

Das gläubige Vertrauen, das man Hitler lange Jahre entgegengebracht hatte, verkehrte sich ins Gegenteil. Der einst gepriesene Heilsbringer wurde nun zur Unperson erklärt, zu einem Dämon, gegen dessen teuflische Verführungskünste man sich nicht habe zur Wehr setzen können. So entzog man sich der Mitverantwortung für die beispiellose zivilisatorische Katastrophe, in die Hitler Deutschland und die Welt gestürzt hatte.

 
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