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10.3.5. Anregungen zum Einsatz von Lesestrategien

Für die Phase der Aufgabenbearbeitung wird auf Basis des in Kapitel 6 dargestellten Modells angenommen, dass in kognitiv aktivierenden Leseübungen die Lehrperson zum Einsatz von Strategien anregen sollte. Jede Anregung der Lehrperson zum Strategieeinsatz wurde daher im Event-Sampling-Verfahren identifiziert und es wurde kodiert, zu welcher Art von Lesestrategie angeregt wird und in welcher Form diese Anregung erfolgt.

10.3.5.1 Darstellung der Ergebnisse

Bevor die Ergebnisse zur Art der angeregten Lesestrategien sowie zur Form deren Anregung berichtet warden [1], wird in Tabelle 60 auf die Anzahl der identifizierten Strategieanregungen eingegangen. Da auf Basis der Probekodierungen davon auszugehen war, dass sich die einzelnen Strategieanregungen nicht deutlich in ihrer Länge unterscheiden würden, wurde im Gegensatz zu den bisherigen Ergebnissen der Event-Kodierungen für die einzelnen Strategieanregungen lediglich deren Beginn, nicht aber das Ende und damit auch nicht die Dauer des Ereignisses bestimmt. [2]

Tabelle 60 Anzahl der Strategieanregungen – Deskriptive Statistik (N = 48 Lerngruppen)

Min

Max

M

SD

Anzahl der

Absolut

2.00

166.00

51.63

33.65

Strategieanregungen

pro Minute

0.19

5.47

2.02

1.10

Allein aufgrund der variierenden Dauer der Leseübung in den einzelnen Lerngruppen kommen in den videografierten Leseübungen Anregungen zum Einsatz von Lesestrategien mit zwei bis 166 Mal sehr unterschiedlich häufig vor, wobei im Mittel 51.63 Mal Lesestrategien angeregt werden. Relativiert an der Dauer der Leseübung liegt der Durchschnitt bei 2.02 Anregungen zum Lesestrategieeinsatz pro Minute mit einer immer noch deutlichen Variation zwischen den einzelnen Lerngruppen von 0.19 bis 5.47 Anregungen pro Minute.

10.3.5.1.1 Art der angeregten Strategien

[3]

Zur Kodierung der Art der angeregten Lesestrategien wurden die insgesamt 26 definierten einzelnen Strategien den folgenden sechs übergeordneten Bereichen zugeordnet: (1) Strategien zur Planung des Lesens sind Strategien, die nur vor Beginn der Leseübung zur Vorbereitung bzw. Erleichterung der folgenden Lesephase und des Textverständnisses eingesetzt werden. Strategien, die den Leseprozess und den Einsatz kognitiver Lesestrategien unterstützen, indem sie die notwendigen Ressourcen kontrollieren und steuern und somit zur Aufrechterhaltung der Leseaktivität beitragen, wurden als (2) Strategien zum Ressourcenmanagement kodiert. (3) Strategien zum Textverständnis dienen der Überwachung bzw. Kontrolle des Textverstehens.

(4) Strategien zum Umgang mit Schwierigkeiten sind Techniken, die während des Lesens zur Überwindung von Verständnisproblemen eingesetzt werden können, wobei es zur Kodierung dieser Kategorie allerdings nicht notwendig war, dass bei einem Kind bereits Schwierigkeiten auftraten. Die Lehrperson kann diese Strategien auch allgemein vermitteln, sodass die Schülerinnen und Schüler in schwierigen Situationen eventuell darauf zurückgreifen können. Kognitive Strategien, die nach dem Lesen eingesetzt werden, um die Textinformation zu verarbeiten und in bestehende Wissensstrukturen zu integrieren, wurden den (5) Strategien zur Nutzung der Textinformation zugeordnet. Als (6) Strategien zur Selbstkontrolle wurden alle Strategien kodiert, die eingesetzt werden, um die Aufgabenbearbeitung bzw. das Textverständnis zu überprüfen. Tabelle 61 enthält sowohl die prozentualen Häufigkeiten dieser übergeordneten Kategorien als auch der einzelnen Strategien.

Tabelle 61 Art der angeregten Strategien – Deskriptive Statistik der prozentualen Anteile (N = 48 Lerngruppen)

Betrachtet man zuerst die übergeordneten Bereiche, so kommen hier mit 38.07 % am häufigsten Strategien zum Ressourcenmanagement vor, gefolgt von Strategien zur Verbesserung des Textverständnisses (25.20 %) und von Strategien zur Selbstkontrolle (21.72 %). Während Strategien zum Umgang mit Schwierigkeiten noch in 12.48 % auftreten, sind Strategien zur Nutzung der Textinformation mit durchschnittlich 1.61 % und Strategien zur Planung des Lesens mit 0.91 % sehr selten.

Bezogen auf die einzelnen Lesestrategien sind mit 37.63 % Strategien zum Steuern und Fokussieren der Aufmerksamkeit (z. B. „Schau genau in den Text.“) mit Abstand am häufigsten. Am zweithäufigsten regen die Lehrpersonen dazu an, Informationen aus dem Text zu entnehmen (z. B. „Was kann Lucy gut?“). Drei der vorab definierten Kategorien – Formulieren von Hypothesen/Vorhersagen, Formulieren von Fragen zum Text sowie Erschließen von Unklarheiten aus dem Kontext – kommen in den Unterrichtsvideos überhaupt nicht vor und weitere zehn Lesestrategien sind mit prozentualen Anteilen von unter 1.00 % sehr selten.

Tabelle 62 Art der angeregten Strategien – Anzahl und prozentualer Anteil der Lerngruppen, in denen mindestens einmal zum Einsatz der verschiedenen Strategien angeregt wird

(N = 48 Lerngruppen)

Um das Strategierepertoire der einzelnen Lehrpersonen näher zu bestimmen, wurde zusätzlich analysiert, welche Lesestrategien in jedem Video mindestens einmal vorkommen (vgl. Tabelle 62). Die insgesamt häufigste Lesestrategie – das Steuern und Fokussieren der Aufmerksamkeit – kommt in allen Lerngruppen mindestens einmal vor. Alle anderen Lesestrategieanregungen treten hingegen nur in einem Teil der Lerngruppen auf (vgl. Tabelle 62).

Vergleicht man die Anzahl unterschiedlicher Strategieanregungen, so wird in den einzelnen Lerngruppen der Einsatz von minimal zwei bis maximal 13 unterschiedlichen Arten von Strategien angeregt. Im Mittel werden etwa sieben unterschiedliche Strategien angeregt.

10.3.5.1.2 Form der Anregung zum Strategieeinsatz

Für jede Strategieanregung wurde kodiert, in welcher Form sie erfolgt. Dabei wurde für jede einzelne Form kodiert, ob sie vorkommt oder nicht, sodass hierdurch Mehrfachkodierungen möglich waren. [4] Die direkte Strategieinstruktion zielt darauf ab, den Lernenden explizite Informationen über Lesebzw. Verstehensstrategien zu vermitteln. Dies kann in Form einer expliziten Erklärung zum Nutzen und zur Funktion der jeweiligen Strategie oder zu deren Anwendungsbedingungen erfolgen. Auch das kognitive Modellieren oder das laute Denken wird als direkte Formen verstanden, da die Lehrkraft dabei die exemplarische Anwendung einer spezifischen Strategie demonstriert und kommentiert. Bei der indirekten Strategieanregung erfolgt hingegen keine explizite Erklärung bzw. Modellierung der zu erlernenden Lesebzw. Verstehensstrategie, sondern nur eine Aufforderung oder Anregung zum Strategieeinsatz. Die konkreten Inhalte, Funktionen und Anwendungsbedingungen bleiben in diesem Zusammenhang ungenannt. In dem Fall, dass Strategieanregungen als Teil der Aufgabenstellung gegeben werden, fordert die Lehrkraft (schriftlich oder mündlich) ausdrücklich zur Anwendung einer spezifischen Lesestrategie auf. Weitere indirekte Formen stellen der Vorschlag zum Strategieeinsatz dar, bei dem ohne verpflichtenden Charakter zur Strategienutzung angeregt wird, sowie das Vorzeigen, bei dem die Lehrkraft den Einsatz einer spezifischen Lesestrategie als Modell visualisiert, dies jedoch nicht weiter kommentiert. Werden die Schülerinnen und Schüler durch gezieltes Nachfragen zur Einnahme einer metakognitiven Perspektive angeregt, wurde dies als Anregung zur Reflexion kodiert. Außerdem zählt hierzu noch das gemeinsame Anwenden einer Strategie durch die Lehrperson und das Kind.

Tabelle 63 stellt die prozentualen Anteile für diese einzelnen Formen der Strategieanregungen dar, wobei diese aufgrund der Möglichkeit zur Mehrfachkodierung in der Summe nicht 100.00 % ergeben.

Tabelle 63 Form der Anregung zum Strategieeinsatz – Deskriptive Statistik der prozentualen Anteile (N = 48 Lerngruppen)

Der größte Teil der Strategieanregungen erfolgt als Teil der Aufgabenstellung (z. B. „LiesdenText und unterstreiche was Lucy gut kann.“) oder als Anregung zur Reflexion (z. B. „Hast du den Finger drunter zumMitlesen?“). Explizite Erklärungen des Nutzens und der Funktion (z. B. „Wirüberprüfenjetzt,obwir alles richtig haben. Wir können ja auch Fehler gemacht haben.“) oder der Anwendungsbedingungen (z. B. „Lies nochmal, damit du das richtig toll vorlesen kannst.“) kommen ebenso wie kognitives Modellieren oder lautes Denken (z. B. „Sodannüberprüfenwirmal,obwirallesgefundenhaben,oderhast du noch ein anderes Wort gefunden? Sie kann singen, sie kann schwimmen, sie mag Eintopf, ich glaube eine Sache haben wir noch vergessen …“) nur sehr selten vor. Dies zeigt sich auch daran, dass alle indirekten Formen von Strategieanregungen zusammengenommen durchschnittlich bereits 95.46 % der Fälle ausmachen. Nur in 4.54 % der Strategieanregungen sind direkte Formen der Vermittlung enthalten (entweder als reine direkte Vermittlung oder in Kombination mit einer indirekten Anregung zum Strategieeinsatz).

10.3.5.1.3 Zusammenhänge der verschiedenen Aspekte der Anregung zum Einsatz von Lesestrategien

Ähnlich wie bereits bei den Fragen (vgl. 10.3.4.1.4) werden Zusammenhänge zwischen der Art der angeregten Lesestrategie und der Form deren Anregung betrachtet, indem die prozentualen Anteile der verschiedenen Formen von Strategieanregungen aufgeteilt nach den übergeordneten Bereichen der Strategiearten analysiert werden. Dabei werden aufgrund der geringen Vorkommenshäufigkeit vieler Einzelkategorien jeweils nur die übergeordneten Bereiche fokussiert (Ebene 1; vgl. 10.2).

Grundsätzlich zeiget sich hierbei ein ähnliches Muster wie bei der Gesamtbetrachtung der Form der Strategieanregung (vgl. 0): Es dominieren deutlich die ausschließlich indirekten Strategieanregungen. Strategien zum Umgang mit Schwierigkeiten beim Lesen werden jedoch deutlich häufiger als die restlichen Arten von Strategien in einer Kombination aus direkter und indirekter Form angeregt.

Tabelle 64 Form der Anregung zum Strategieeinsatz – Deskriptive Statistik der prozentualen Anteile aufgeteilt nach den verschiedenen Arten von Strategien (N = 2478 Strategieanregungen)

Planung

Ressourcenmanagement

Textverständnis

Schwierigkeiten

Nutzung

Selbstkontrolle

N = 11

N = 924

N = 718

N = 275

N = 45

N = 505

Direkt

0.00 %

0.11 %

0.00 %

0.73 %

0.00 %

0.00 %

Indirekt

100.00 %

99.03 %

98.47 %

82.18 %

97.78 %

99.21 %

Direkt + Indirekt

0.00 %

0.87 %

1.53 %

17.09 %

2.22 %

0.79 %

  • [1] Die genauen Definitionen und Kodierregeln können im Anhang (Abschnitt 4; S. 121) nachgelesen werden
  • [2] Anhand von Abbildung 16 (S. 254) und Abbildung 17 (S. 255) ist erkennbar, wie die Strategieanregungen als Ereignisse ohne Bestimmung der Dauer identifiziert wurden
  • [3] Die genauen Definitionen und Kodierregeln können im Anhang (Abschnitt 4.5.3; S. 128) nachgelesen werden
  • [4] Die genauen Definitionen und Kodierregeln können im Anhang (Abschnitt 4.5.4; S. 147) nachgelesen werden
 
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