Was geschah in Jamestown?

Die Gründung Jamestowns war das Werk von Kaufleuten und adligen Investoren, die sich in der Londoner Virginia Company zusammengeschlossen hatten. Im Jahr 1607 erreichten etwa 100 Männer der Company mit drei Schiffen die amerikanische Küste in der Nähe der Chesapeake Bay. Dort wählten sie, in der Hoffnung, eine Durchfahrt in Richtung Asien zu finden, einen Flusslauf mit nordwestlicher Ausrichtung. 70 Kilometer vom Atlantik und damit von den notorisch plündernden Spaniern entfernt, ließen sie sich an einer Flussmündung nieder. Den Fluss nannten sie James River, die Stadt, in einem Anfall blühender Fantasie, Jamestown. Die Siedler, die auf der Suche nach Glück und Gold unterwegs waren, aber von Land- und Forstwirtschaft so gut wie nichts verstanden, hätten wohl kaum überlebt, wenn sie nicht Captain John Smith zu ihrem Anführer bestimmt hätten. Smith war ein skrupelloser Abenteurer und Militär, der einst auf Seiten der Österreicher gegen die Türken gekämpft hatte, gefangengenommen wurde und auf einem Piratenschiff entfloh. «Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen», lautete die Devise John

Smiths, der den Kolonisten in soldatischer Manier Disziplin verordnete, während er sich mit den Indianern arrangierte und in den Anbau von Mais und Süßkartoffeln einweisen ließ.

Dass Smith einst von Pocahontas, der Tochter eines Indianerhäuptlings, in letzter Minute vor der Hinrichtung durch deren Vater errettet wurde, gehört zu den großen Mythen der amerikanischen Geschichte, die auch von Hollywood verfilmt wurden. In Wirklichkeit waren die vermeintliche Hinrichtung des Captains und die darauffolgende Begnadigung Teil eines indianischen Initiationsritus, der die Freundschaft zwischen den Kolonisten und den amerikanischen Ureinwohnern besiegeln sollte. Das friedliche Zusammenleben von Indianern und Engländern entpuppte sich freilich schon bald als Illusion. Nachdem aus London die Anweisung gekommen war, die amerikanischen «Wilden» zu unterwerfen und von ihnen Tribut zu fordern, attackierten englische Soldaten die Dörfer der Ureinwohner. Die Indianer schlugen zurück und ein Zirkel der Gewalt setzte ein. Am Ende waren alle Indianer, die das Gebiet der Jamestown-Kolonie bewohnt hatten, arglistig getötet, im Kampf niedergemetzelt oder vertrieben worden.

Dass die englischen Siedler in Virginia Fuß fassten, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass sie im Jahr 1612 mit der Entdeckung des Tabaks, der sich überall - selbst zwischen Baumstümpfen - anbauen ließ, einen Daseins gründ fanden. Von den Indianern hatten die Engländer gelernt, dass man die Tabakblätter trocknen und rauchen konnte. 1616 wurde eine schmackhafte, spanische Variante der Tabakpflanze erstmals nach England ausgeführt; danach wurde das «stinkende Kraut», wie der englische König es nannte, schon bald zum Exportschlager. Da die Tabakpflanze dem Boden wichtige Nährstoffe entzog und sich optimale Anbauresultate nur in den ersten drei oder vier Jahren erzielen ließen, schoben die Farmer die frontier, das heißt die Grenze zwischen kultiviertem Land und Wildnis, schnell Richtung Westen vor. In der Tat konnte man in Amerika, wie Thomas Jefferson noch im ausgehenden 18. Jahrhundert über seine eigene Farm in Virginia sagte, «neues Land billiger kaufen als altes Land düngen».

Jamestown brachte den Großgrundbesitzern enormen Reichtum ein. Mit keinem anderen landwirtschaftlichen Produkt konnte man in der frühen Neuzeit ähnlich hohe Gewinne erzielen wie mit Tabak. Als im Jahr 1619 die ersten «zwanzig Neger» aus Afrika in Amerika eintrafen sowie neunzig junge Frauen aus England (die Kolonisten suchten unter ihnen Ehefrauen aus und bezahlten dafür lediglich die Kosten für deren Überfahrt sowie 125 Pfund Tabak), zeichnete sich die Zukunft der britischen Kolonie bereits in Umrissen ab. Jamestown wuchs rasch: Mitte des 17. Jahrhunderts hatte die Kolonie nicht weniger als 15.000 Einwohner, darunter viele schwarze Sklaven aus Afrika. Im Gegensatz zu den «Pilgervätern», die 13 Jahre nach John Smith im Nordosten Amerikas ankamen, waren die Siedler von Jamestown keine Gemeinde von Gläubigen, sondern Unternehmer und Abenteurer. Sie führten das englische Rechtssystem und das common law ein und stellten durch ihre alltäglichen Entscheidungen unwillkürlich die Weichen für die weitere politische und wirtschaftliche Entwicklung auf dem nordamerikanischen Kontinent. Die Vertreibung der Indianer, die Einführung der Sklaverei, die Privilegierung der Großgrundbesitzer und die unternehmerische Ausrichtung der Kolonien gehörten ebenso zum Erbe von Jamestown wie die Einführung «ordentlicher» kultureller Praktiken (wie Heirat) und die graduelle Unabhängigkeit von England durch die Einrichtung einer politischen Selbstverwaltung.

Seit 1934 ist Jamestown, zusammen mit dem benachbarten Yorktown und Williamsburg, ein riesiges Freilichtmuseum. John D. Rockefeller, Jr., der die Einrichtung des Kulturdenkmals großzügig finanziell unterstützte, sah in der Kolonie einen historischen Ort, der an den «Patriotismus, die hohen Werte und die selbstlose Hingabe unserer Vorväter» erinnern sollte. 400 Jahre nach der Ankunft von John Smith in der Neuen Welt setzt sich Jamestown, das Vielen als die «Wiege Amerikas» gilt, nun zunehmend auch kritisch mit seiner eigenen Geschichte, insbesondere der Haltung gegenüber den nichteuropäischen Minderheiten, auseinander.

 
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