BIRTH OF A NATION

Wie deutsch sind die Amerikaner?

Kaum eine Legende über die Anfänge der USA hat sich unter Deutsch-Amerikanern und Deutschen hartnäckiger gehalten als diejenige, wonach Deutsch im 18. Jahrhundert beinahe zur offiziellen Landessprache der Vereinigten Staaten geworden wäre. Der Mythos hatte seinen Ursprung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, trat dann in den Hintergrund, flammte aber in der NS-Zeit wieder auf, da die Nationalsozialisten ihn systematisch für Propagandazwecke ausnutzten. So weit verbreitet war die Legende nach dem Zweiten Weltkrieg, dass die Kongressbibliothek in Washington in den 1960er Jahren aufgrund einer Flut von Anfragen eigens ein Informationsblatt drucken ließ, das die historischen Wurzeln des Gerüchts dokumentierte.

Eine gängige Version der Legende besagte, dass Ende der 1780er Jahre im Parlament des Staates Pennsylvania über Deutsch als Landessprache abgestimmt worden war. Der Deutsch-Amerikaner Frederick A. Muhlenberg habe die ausschlaggebende Stimme für Englisch abgegeben. Nach einer anderen Version sollte Deutsch zwar nicht erste, aber zweite Landessprache werden. Beide Geschichtsversionen gehören freilich in den Bereich der Fiktion. Ihren Ursprung hat die Legende in einer Eingabe aus dem Jahre 1794. Eine Gruppe deutscher Einwanderer aus dem Bundesstaat Virginia wollte damals «einen gewissen Anteil» der Gesetze der USA sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch gedruckt sehen. Ein Jahr später wurde die Petition vom US-Kongress mit 42 zu 41 Stimmen abgelehnt. Frederick A. Muhlenberg, der Sprecher im Kongress, hatte die entscheidende Stimme gegen den Antrag abgegeben. Im Nachhinein wurden ihm die Worte in den Mund gelegt: «Je schneller die Deutschen Amerikaner werden, desto besser.»

Deutsch war im ausgehenden 18. Jahrhundert in den USA weit verbreitet. Selbst die amerikanische Unabhängigkeitserklärung kam -am 5. Juli 1776 im Pennsylvanischen Staatsboten - in deutscher Übersetzung heraus, bevor sie einen Tag später erstmals auf Englisch publiziert wurde. Bis etwa 1880 gab es zahlreiche Städte und Dörfer in den Vereinigten Staaten, in denen überwiegend Deutsch gesprochen wurde. Das Nachlassen der deutschen Einwanderung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und das antideutsche Sentiment, das sich mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg ausbreitete, führte dazu, dass die deutsche Sprache nahezu völlig zurückgedrängt wurde. Zahlreiche Deutsch-Amerikaner «amerikanisierten» während des Weltkriegs aus Loyalität gegenüber ihrem neuen Heimatland ihre Nachnamen: Aus Schmidt wurde damals Smith, aus Müller Miller, aus Eisenhauer Eisenhower. Im offiziellen Sprachgebrauch wurde Sauerkraut durch liberty cabbage ersetzt, Frankfurter wurden zu hot dogs, der deutsche Schäferhund hieß fortan Alsatian (Elsässer). Obwohl die Einwanderung aus Deutschland im 20. Jahrhundert weitgehend versiegte, stellen die Deutsch-Amerikaner nach der Volkszählung von 2010 mit mehr als 14 Prozent der Bevölkerung noch immer die stärkste Einwanderergruppe.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >