Wie revolutionär war die Amerikanische Revolution?

Die amerikanische Revolution ist eines der einschneidendsten Ereignisse in der Geschichte des nordamerikanischen Kontinents. Innerhalb von nur zwanzig Jahren, zwischen 1763 und 1783, kämpften die Amerikaner erfolgreich um ihre Unabhängigkeit, machten die Kolonien zu Bundesstaaten und schufen eine Nation, für die es in der Alten Welt kein Vorbild gab. Allein schon die Geschwindigkeit der Ereignisse erscheint im Rückblick als revolutionär. Im Gegensatz zur französischen oder russischen Revolution war die amerikanische freilich in erster Linie eine Protestbewegung gegen die Intervention der fernen Zentralgewalt der britischen Krone. Die starken Worte der von Thomas Jefferson verfassten Unabhängigkeitserklärung waren ausdrücklich gegen den englischen «Tyrannen», nicht gegen die gesellschaftlichen Zustände in Amerika oder die «Kolonialaristokratie» gerichtet.

Im Laufe der Geschichte haben Historiker - je nach Standpunkt -behauptet, die Revolution habe in gesellschaftlicher Hinsicht den Status quo aufrechterhalten oder sie habe sogar einen Konflikt zwischen den Klassen ausgelöst. Die Frage, ob die amerikanische Revolution wirklich revolutionär war, wurde, mit jeweils guten Gründen, einmal absolut verneint, ein anderes Mal bejaht. So stand etwa für die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts der «radikale Charakter» (George Bancroft) der Revolution völlig außer Frage. Amerika galt als die Kraft, die für Fortschritt, Freiheit und «anhaltenden Frieden» stand, während das verfeindete Großbritannien Tyrannei und Reaktion verkörperte. Anders sahen die Historiker die Revolution, als sich England und die USA im ausgehenden 19. Jahrhundert einander annäherten. Damals wurde der Umbruch nicht als kolonialer Konflikt, sondern als Auseinandersetzung um die politische Verfassung und um soziale Gerechtigkeit gesehen. Eine Reihe von Historikern, allen voran Charles Beard und J. Franklin Jameson, betonten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die amerikanische Gesellschaft habe sich aufgrund der Revolution sozial wie wirtschaftlich erneuert. Diese eher progressiven Historiker betonten den revolutionären Charakter, der mit der Unabhängigkeit einher gegangen sei und das Erstarken des gemeinen Mannes (common man) mit sich gebracht habe. Die Abschaffung der Erbprivilegien für Erstgeborene, die Übertragung monarchischen Landbesitzes in die Gewalt der Bundesstaaten, die

Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels in einigen, wenn auch nicht in allen Staaten sowie die Auflösung der anglikanischen Kirche mit dem königlichen Oberhaupt - all dies deutete auf den großen Umbruch hin, der sich im ausgehenden 18. Jahrhundert vollzogen hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schwang das Pendel indes wieder in die entgegengesetzte Richtung um. Die konservative Geschichtsschreibung des Kalten Krieges stand ganz im Zeichen des westlichen (angloamerikanischen) Konsenses. Die Revolution - so hieß es zu einer Zeit, in der man revolutionär mit kommunistisch identifizierte - sei eine im Wesentlichen konservative Bewegung gewesen. Die Amerikaner hätten nicht gekämpft, um die Gesellschaft radikal umzubauen, sondern um die von den Engländern etablierten Freiheiten zu verteidigen.

Heute fällt das Urteil weitaus differenzierter aus. Die Amerikaner, die sich mit Aktionen und dem Slogan «No taxation without representation» gegen eine Besteuerung durch die Briten wehrten, hatten im Ansatz durchaus Umstürzlerisches im Sinn. Auch das Gleichheitspostulat und die Verkündigung des «unveräußerlichen Rechts» der Menschen auf «Leben, Freiheit und das Streben nach Glück» zielten auf eine neue Ordnung. Von sozialen Umwälzungen oder einer umfassenden Revolution kann jedoch keinesfalls die Rede sein. Schwarze, Indianer und Frauen blieben von der Teilnahme an der Demokratie weitgehend ausgeschlossen, und viele Privilegien aus der alten Ordnung blieben auch in den USA bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bestehen.

 
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