War das System der Sklaverei auch ohne den Bürgerkrieg zum Untergang bestimmt?

Lange Zeit herrschte unter Historikern unterschiedlicher politischer Couleur die Meinung vor, dass das Sklavensystem in den Südstaaten der USA um das Jahr 1860 so marode, unprofitabel und (aus marxistischer Sicht) so anachronistisch gewesen sei, dass sich die Sklaverei auch ohne den Bürgerkrieg (1861-1865) binnen kurzem von selbst überlebt hätte. Im Jahr 1958 wurde diese Sicht erschüttert, als die Wirtschaftshistoriker Alfred Conrad und John Meyer nachweisen konnten, dass der Verkauf von Sklaven und die Baumwollproduktion ähnlich hohe Profite abwarfen wie andere Investitionen. Die Sklaverei mochte unmoralisch und unmenschlich sein, aber unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten konnte man sie für eine vernünftige Einrichtung halten.

In noch hellerem Licht erschien die Sklaverei im Spiegel eines Buches von Robert Fogel und Stanley Engerman («Time on the Cross»), das 1974 in der amerikanischen Historikerschaft zuerst einen Schock und dann einen Sturm der Entrüstung auslöste. Fogel und Engerman meinten mit ihren quantitativen Untersuchungen nachweisen zu können, dass die Wirtschaft in den Südstaaten zwischen 1840 und 1860 schneller gewachsen sei als in den Nordstaaten. Die Sklaven seien materiell besser gestellt gewesen als die freien Landarbeiter im Norden, ihre Produktivität sei höher gewesen als die von weißen Arbeitern im Süden und die (materielle wie sexuelle) Ausbeutung der Sklaven sei, wenn nicht ein Mythos, so doch allenfalls eine Randerscheinung gewesen. Generell hätten die Sklavenhalter viel häufiger Zuckerbrote verteilt als zur Peitsche gegriffen.

Die Kritik an Fogel und Engerman ließ nicht lange auf sich warten. Der Wirtschaftswissenschaftler Richard Steckei konnte zeigen, dass die Todesrate bei der Geburt von Sklavenkindern und deren Sterblichkeit mehr als doppelt so hoch lag wie bei weißen Kindern und dass die schwarzen Kinder in ihrem Wachstum noch stärker beeinträchtigt waren als die ärmsten Kinder aus Nigeria oder aus den Slums von Bangladesh. Die Sklaverei zerstörte, wie der Südstaatenhistoriker Stanley Elkins betonte, die individuelle Persönlichkeit der Schwarzen und produzierte das Klischee eines unbeholfenen, vermeintlich glücklichen Menschen: des «Sambo», der seinem «Massa» naiv und treuherzig diente. Nur mit Gefangenen in Konzentrationslagern, so Elkins, seien die Sklaven in den USA zu vergleichen. Gewaltanwendung, konstante Erniedrigung und totale Abhängigkeit hätten einen gefügigen Typus von Mensch hervorgebracht, der zum Widerstand gegen das oft exzessive Arbeitspensum gar nicht fähig sei.

Dass die Sklaven in den USA - im Gegensatz zu denen in Südamerika und in der Karibik - nicht gegen das ungerechte System rebellierten, hatte indes einen anderen Grund. In den USA stellten die Sklaven fast überall nur die Minderheit; die weiße Bevölkerung war allein schon zahlenmäßig deutlich überlegen. Fast die Hälfte der Sklavenhalter besaß weniger als 20 Sklaven, so dass den widerstandswilligen Schwarzen - wo es sie denn gab - nicht gerade rosige Aussichten auf den Erfolg einer Rebellion beschieden waren. Ein großer Rebell wie Jean-Jacques Dessalines, der sich, als Sklave geboren, zum Führer der Revolution auf Haiti erhob (und am Ende zum Kaiser ausgerufen wurde), wäre in den USA utopisch gewesen. Ohne den Bürgerkrieg hätte die Abschaffung der Sklaverei zweifellos noch längere Zeit auf sich warten lassen.

 
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