Wer waren die Carpetbaggers und wo lagen die Probleme der amerikanischen Wiedervereinigung?

Nach dem Bürgerkrieg lag der Süden der USA ökonomisch zerstört danieder. Die Wiederherstellung der Union (von Nord- und Südstaaten) galt den Politikern in Washington als vordringliches Ziel. Aber darüber, wie das Ziel zu erreichen sei, gab es deutliche Meinungsverschiedenheiten. Kaum eine andere Periode in der amerikanischen Geschichte hat mehr Unzufriedenheit unter den diversen Gruppen der Gesellschaft und in den verschiedenen Regionen der USA hervorgebracht als die «Reconstruction Era», die Periode des Wiederaufbaus und der Wiedervereinigung, die von 1865 bis 1877 andauerte.

Die weißen Südstaatler fühlten sich nach dem Bürgerkrieg, der die Abschaffung der Sklaverei mit sich gebracht hatte, um ihre Kultur und Lebensgrundlage betrogen. Städte lagen in Trümmern, die Plantagen waren niedergebrannt, Eisenbahnlinien und Brücken waren zerstört. Außerdem erwiesen sich die Südstaatenwährung und die Kriegsanleihen mit einem Schlag als wertlos. Mehr als eine Viertel Million Männer waren gefallen, und viele Familien mussten ihre Existenz ohne männliche Hilfe wiederaufbauen. Noch schlechter ging es den Schwarzen. Sie hatten nach der Befreiung aus der Sklaverei auf eigenes Farmland gehofft, mussten aber vielfach schlecht bezahlte Kolonnenarbeit (gang labor) auf den alten Plantagen leisten. Durch gesetzliche Vorschriften (Black Codes) wurden sie auf einen sklavenähnlichen Status herabgedrückt. Das Freedmen’s Bureau, das vom US-Kongress mit der Aufgabe betraut worden war, den Übergang der schwarzen Bevölkerung von der Sklaverei zur Freiheit zu erleichtern, verteilte Nahrungsmittel und richtete Schulen ein. Aber die Bundeseinrichtung, die nur kurz Bestand hatte, war viel zu klein, um effektiv wirken zu können, zumal die Mitarbeiter des Bureaus ebenso wie die ehemaligen Sklaven häufig zu Opfern gewalttätiger Übergriffe durch weiße Mobs wurden.

In einem politischen Kampf zwischen Präsident Andrew Johnson, der sich auf die Seite der konservativen Südstaatler schlug, und dem Kongress, der von den (damals noch) liberalen Republikanern dominiert wurde, verabschiedete der Kongress 1867 über das Veto des Präsidenten hinweg ein weitreichendes Wiederaufbaugesetz (Reconstruction Act). Dieses teilte den Süden in fünf Besatzungszonen unter dem Kommando von Unionsgenerälen auf. Die Militärgouverneure erhielten den Auftrag, alle erwachsenen schwarzen Männer zu registrieren und die Wiederaufnahme der einzelnen Staaten in die Union zu überwachen. Als Bedingung setzte der Kongress fest, dass die neuen Staatenverfassungen das Wahlrecht der schwarzen Männer garantieren und den 14. Verfassungszusatz -das Bürgerrecht für alle Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner -ratifizieren sollten. Bis 1871 hatten alle ehemaligen Südstaaten die Bedingungen der Rekonstruktion erfüllt und gehörten wieder der Union an. Die Lage auf dem Papier entsprach aber nicht der rechtlichen Realität. Konservative und rassistische Weiße waren -ungeachtet der militärischen Besatzung durch die Unionsgeneräle - in die Offensive gegangen, um ihr Land von der Herrschaft der Schwarzen und der Nordstaatler zu «erlösen». In einem Staat nach dem anderen gelang es ihnen, die Kontrolle über die Parlamente zurückzuerobern. Dabei profitierten sie von politischen Fehlern und von der mangelnden Erfahrung vieler Abgeordneter. Berechtigte Kritik mischte sich mit einer Verhöhnung der «weißen Verräter». Unter scharfen Beschuss gerieten in erster Linie die zugewanderten Politiker und Geschäftsleute aus dem Norden, die verächtlich als «carpetbaggers» oder «Teppichtäschler» bezeichnet wurden, da sie ihr Hab und Gut in weichen Taschen aus Teppichstoff mit sich trugen. Carpetbaggers galten den Südstaatlern als Kriegsgewinnler und profitgierige Scharlatane, die vermeintlich nur in den Süden gekommen waren, um ihre Taschen zu füllen. Als «wertloses Vieh» («scalawag») verhöhnt wurden darüber hinaus die im Süden geborenen weißen Republikaner. Da die Scalawags für die Sache des Nordens eintraten, galten sie als doppelte Verräter: an der weißen Rasse und an der Region.

Dass sich die Verhältnisse im Süden nur langsam veränderten, hatte allerdings nicht nur mit den Ressentiments der konservativen Südstaatler und dem Terror gegen Afroamerikaner und gegen die Agenten der Veränderung (wie die carpetbaggers) zu tun. Ausschlaggebend war auch der Umstand, dass sich die wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse im Süden nicht grundlegend änderten. Weder der Kongress noch die neuen Staatenparlamente setzten sich mit dem erforderlichen Mut und Nachdruck für eine umfassende Bodenreform ein, die die Abhängigkeit der Afroamerikaner und der kleinen weißen Pächter von der alten Pflanzer- und Unternehmerelite im Süden überwunden hätte. Ein solcher Eingriff wäre wohl nur durch die Präsenz nordstaatlicher Truppen im Süden möglich gewesen. Tatsächlich wurde die Truppenstärke jedoch bereits vier Jahre nach Ende des Bürgerkriegs reduziert. Immer mehr Nordstaatler zeigten sich denn auch im Verlauf der 1870er Jahre an den Entwicklungen im Süden desinteressiert oder schrieben die strukturellen Schwierigkeiten der Inkompetenz und Minderwertigkeit der Schwarzen zu. 1877 wurden die letzten progressiven Staatenregierungen, die sich im Süden für die Gleichberechtigung der Schwarzen eingesetzt hatten, gestürzt. Den Nordstaatlern galt die Rassenproblematik fortan in erster Linie als lokale Angelegenheit.

Aufs Ganze gesehen war die Ära der Wiedervereinigung weder eine «Vergewaltigung» des Südens, wie es die südstaatliche Geschichtsschreibung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein behauptete, noch ein folgenloses Reformprogramm. Gemessen an der Bedeutung der Sklavenbefreiung fiel der politische und soziale Wandel, der sich zwischen 1865 und 1877 vollzog, allerdings eher bescheiden aus.

 
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