Wie golden war das «Gilded Age»?

Der Schriftsteller Mark Twain und dessen Mitautor Charles Dudley Warner gaben der Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts ihren

Namen, als sie in ihrem monumentalen, 1873 publizierten Roman vom «Gilded Age», dem «vergoldeten Zeitalter» (nicht vom «goldenen»), sprachen, hinter dessen glänzender Fassade sich schlechter Geschmack, soziales Elend und Korruption ausbreiteten. Die Aufbruchsgeneration, die aus den Trümmern des Bürgerkriegs hervorging, nutzte die reichen materiellen Ressourcen des Landes, um - wie es der brillante Amerikahistoriker, Pulitzer-Preisträger und Football-Trainer Vernon Louis Parrington nannte - ein «großes Grillfest» (the Great Barbecue) zu veranstalten: «Ohne soziales Gewissen, ohne Interesse an Kultur, ohne auf die Zukunft der Demokratie zu achten ... warf sich das Gilded Age mitten in das Geschäft des Geldmachens». Auch für den Wirtschafts- und Sozialhistoriker Charles Beard lag das Hauptmerkmal der Epoche in der «nach vorne stürmenden Plutokratie».

Das Ende des Bürgerkriegs und der Beginn des 20. Jahrhunderts rahmten zweifelsohne ein Zeitalter der Extreme ein. Niedrige Löhne und hohe Profite bestimmten ebenso das Bild wie Slums und riesige Villen. Architekten, von denen viele aus der Alten Welt eingewandert waren, imitierten europäische Baustile und entwickelten sie innovativ und exzessiv weiter: Stick Style, Queen Anne Style, Shingle Style, Richardsonian Romanesque, Beaux Arts, Chateauesque, Colonial Revival, Italianate und andere Varianten trieben Blüten und bestimmten die architektonische Landschaft. Der Glitter der Feste und Bälle, die in den Villen der nouveaux riches gefeiert wurden, übertraf alles, was man in der amerikanischen Geschichte bislang gesehen hatte.

Hintergrund dieser Entwicklung war das enorme Wachstum der Vereinigten Staaten. Nach dem Ende des Krieges konnten die USA ihre riesigen landwirtschaftlichen Flächen und die reichen Bodenschätze mittels moderner Technologien - von der Schreibmaschine bis zur Dampfmaschine, vom Telegrafen bis zur Eisenbahn - konsequent ausnutzen. Da die Geografie den Amerikanern keine Grenzen auferlegte, da keine auswärtigen Konflikte drohten und die Zahl ökonomisch potenter Investoren von Tag zu Tag zunahm, wuchs die US-amerikanische Wirtschaft in fast unvorstellbarem Maß. Allein zwischen dem Ende des Bürgerkriegs und dem Spanisch-Amerikanischen Krieg stieg die Getreide- und Maisproduktion um jeweils über 200 Prozent, Zucker um 460 Prozent, Kohle gar um 800 Prozent. Die Rohölproduktion hatte 1865 nur drei Millionen Fass betragen, 1898 lag sie bei 55 Millionen. Ähnlich spektakulär waren die Zahlen, die den Ausbau des Eisenbahnnetzes betrafen: 1862 umfasste es etwa 48.000 Kilometer, zum Ende des 19. Jahrhunderts waren es nicht weniger als 318.000 Kilometer. Der «Glaube an den Fortschritt» war, nach Ansicht des eher konservativen Gilded Age-Historikers H. Wayne Morgan, «der Grundton der Zeit».

Der ökonomischen Expansion entsprachen Entwicklungen in Kultur und Wissenschaft. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden mehrere Kunstgalerien, vor allem aber wurden neue Schulen eingerichtet. Zu Beginn des Bürgerkriegs gab es kaum mehr als 100 öffentliche weiterführende Schulen (High Schools), 1880 waren es 800 und um die Jahrhundertwende bereits über 6000. Allein in den 20 Jahren zwischen 1870 und 1890 stieg die Zahl der College-Studenten um mehr als das dreifache an.

Bemerkenswert war überdies der intensive politische Wettbewerb, der das politische Leben im Gilded Age bestimmte. Die durchschnittliche Beteiligung an Wahlen lag zwischen 70 und 80 Prozent, und dies selbst im amerikanischen Süden, wo die schwarze Bevölkerung de facto häufig von den Wahlen ferngehalten wurde. Öffentliche Rededuelle, Propagandakampagnen, Broschüren, Anstecknadeln und Volksfeste (mit penny beer) gaben der Politik den Charakter eines Massenvergnügens, dessen Unterhaltungswert durch die Presse noch erhöht wurde. Den Politisierungsgrad des Gilded Age haben die USA im 20. und 21. Jahrhundert nie mehr erreicht.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >