Warum kam es 1965 zu einer Zäsur in der amerikanischen Einwanderungsgeschichte?

Im großen Strom der Reformen der 1960er Jahre ging ein Gesetz zunächst völlig unter, das in den darauffolgenden Jahrzehnten unerwartete und durchaus gravierende Auswirkungen entfalten sollte: der Immigration Act des Jahres 1965, der von Präsident Lyndon B. Johnson realisiert wurde, aber bereits von John F. Kennedy ins Auge gefasst worden war. 1958 hatte Kennedy, zusammen mit der Anti-Defamation League, eine Flugschrift mit dem Titel «A Nation of Immigrants» publiziert, die die essenzielle Rolle der Einwanderer inder amerikanischen Geschichte pries und eine liberalere Handhabung der Einwanderungsregeln propagierte. Ein von Kennedy veranlasster Gesetzesentwurf zur Einwanderung blieb jahrelang in Unterausschüssen im Kongress stecken, aber 1965 konnte Präsident Johnson eine modifizierte Fassung des Gesetzes publikumswirksam -vor der fotogenen Kulisse der «Einwandererinsel» Ellis Island im Hafen von New York - unterzeichnen. Das neue Gesetz ersetzte das aus den 1920er Jahren stammende Quotensystem, welches die Einwanderung aus bestimmten Nationen beschränkt hatte und dadurch, wie Johnson hervorhob, gegenüber den Ländern «Süd- und Osteuropas» und den «Entwicklungsländern» ungerecht gewesen war. Im Rahmen von Obergrenzen für die westliche und östliche Hemisphäre - für den Westen (Nord- und Südamerika) lag sie bei 120.000 Immigranten, für den Osten bei 170.000 Immigranten jährlich - sollte kein einzelnes Land in Zukunft mehr als 20.000 Auswanderer pro Jahr schicken. Das neue Gesetz erlaubte das Nachkommen von engen Verwandten ohne Limit, und nur etwa zehn Prozent erhielten ein Visum aufgrund besonderer beruflicher Befähigung. Wenn man diese Zahlen in der Folgezeit auch häufig veränderte, so stand doch die gesamte Einwanderungsregulierung von nun an auf einer neuen Grundlage: Die rassisch motivierten Privilegien für West- und Nordeuropäer entfielen, das Tor für Neuankömmlinge aus den nur wenig industrialisierten Regionen der Erde öffnete sich ein Stück weit, und der Strom der Einwanderung wurde insgesamt breiter und ethnisch wie religiös vielfältiger.

Dass das neue Einwanderungsgesetz ohne große Opposition verabschiedet werden konnte, hatte ohne Zweifel damit zu tun, dass sich kein Politiker der 1960er Jahre vorstellen konnte, welche radikalen Folgen es zeitigen würde. Generalstaatsanwalt Robert Kennedy hatte noch 1964 in einer Rede vor dem Senat erklärt, dass im ersten Jahr nach der Verabschiedung des Gesetzes etwa 5000 Asiaten zu erwarten seien und «danach diese Einwandererquelle praktisch versiegen würde». In Wirklichkeit ging die Zahl von Einwanderern aus Europa nach dem Zweiten Weltkrieg drastisch zurück: Durch den steigenden Wohlstand in den westeuropäischen

Gesellschaften verloren die USA einen Teil ihrer Anziehungskraft; die Menschen aus dem Ostblock konnten ihre Länder gar nicht verlassen. Es blieben Asiaten, Süd- und Mittelamerikaner (etwa aus Mexiko, den Philippinen, Korea und der Dominikanischen Republik), die sich in großer Zahl erfolgreich um US-Visa bemühten, bald schon ihre Verwandten nachholten und damit eine immense Kettenwanderung auslösten.

 
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