Was ist für die Amerikaner an Superman so faszinierend?

Als der erste Superman-Comic im Jahr 1938 von National Periodical Publications veröffentlicht wurde, läutete dies in den USA - die ersten Comics waren Anfang der 1930er Jahre erschienen - das «Goldene Zeitalter» der Comic-Literatur ein. Superman (von den Teenagern Jerry Siegel und Joe Shuster 1932 in Cleveland, Ohio, erdacht) war der erste Superheld der Comic-Szene. Innerhalb von nur zwei Jahren folgte ihm eine gigantische Zahl von Helden mit übermenschlichen Fähigkeiten, sogenannte mystery men, nach. «Wenn sie alle auf einem Planeten wohnen müssten», erklärte der Kritiker Jules Feiffer, «würden sie den Himmel verdunkeln». Die Profite, die die billigen Hefte - Comics kosteten bis 1962 grundsätzlich nur 10 Cent - für die Ver leger abwarfen, waren angesichts der hohen Auflagen, der billigen Papierpreise und der schlechten Druckqualität phänomenal. Der Comic-Boom hielt bis Anfang der 1950er Jahre an. Danach verschwanden fast alle Superhelden von der Bühne - mit Ausnahme des fulminant erfolgreichen Superman (sowie Batman und Wonder Woman). Wie konnte Superman - neben Walt Disneys Mickey Mouse und Donald Duck - zur «bekanntesten Figur der amerikanischen Belletristik» avancieren und dies über Generationen hinweg bleiben?

Superman begann seine Karriere in den 1930er Jahren als Anwalt der Armen und als Retter der Opfer von Flut- und Sandsturmkatastrophen. Im Gegensatz zu den meisten Superhelden der 1930er und 1940er Jahre war Supermans Alter Ego (Clark Kent) ein unauffälliger, unscheinbarer Reporter, kein Herkules und kein Adonis, sondern ein 90 Pfund schwerer Schwächling - eine Art Jedermann. Anders als die legendären Superhelden des Zweiten Weltkriegs (Captain America, The Eagle, The Shield, The Star-Spangled Kid, Stripesy und Uncle Sam), kämpfte Superman nicht als Super-Soldat gegen die Nazis in Europa. Seine Biografie war vielmehr nur lose mit dem Zeitgeschehen verknüpft. Das sicherte sein Überleben, als es in der Zeit des Kalten Kr ieges keine Kriege mehr gab, an denen sich Superhelden beteiligen konnten.

Die von konservativen Politikern mit Eifer aufgegriffene Veröffentlichung von Fredric Werthams Buch «Verführung der

Unschuldigen» (1954), das den verrohenden Einfluss der amerikanischen Comics geißelte und deren Lektüre für Sittenverfall und steigende Kriminalität verantwortlich machte, führte zur freiwilligen Selbstzensur der Comic-Hersteller und zur Etablierung eines «Comic-Codes» (1954). Dieser verbot nicht nur die Darstellung von Gewalt, sondern auch die Kritik an Richtern und Polizisten, am Elternhaus und an der hergebrachten Wertordnung. Er führte zur fast völligen Verwässerung des Comic-Genres und zum Niedergang der meisten Superhelden. Superman überlebte die Panikmache der McCarthy-Zeit, da der gleichsam über dem Irdischen schwebende, tugendhafte Superheld ohnehin erstaunlich friedfertig war und keine Neigungen zu romantischen Abenteuern verspürte.

Um Superman am Leben zu halten, durchlief er seit den 1960er Jahren immer wieder neue Inkarnationen. In den 1980er Jahren wurde aus dem Schwächling Clark Kent eine Ikone der Männlichkeit: Der Reporter begann Gewichte zu heben. Gleichzeitig verlor er die Fähigkeit, Planeten bewegen zu können, seine Eltern (und damit die Kulisse kleinstädtischer amerikanischer Werte) wurden zum Leben erweckt, und Frauen begannen sich für ihn zu interessieren. In einer der sich zunehmend verzweigenden Superman-Traditionen heiratete der «Mann aus Stahl» seine Reporterkollegin Lois Lane, in einer anderen starb er im Zweikampf mit dem Monster Doomsday, und in einer dritten wurde er als Superboy wieder geboren. Clark Kent alias Superman ist - so scheint es - der amerikanische Allzweckheld.

 
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