Wie frei sind die Amerikaner?

Kein Gedanke ist grundlegender für die Geschichte der USA als das Ideal der Freiheit. Der Begriff liberty, der mit freedom nahezu austauschbar ist, findet sich bereits in der Unabhängigkeitserklärung als «unveräußerliches Recht» und in der Verfassung als Segen für die Nation. Im Bürgerkrieg kämpften die Amerikaner für die Freiheit der Schwarzen, im Zweiten Weltkrieg für die «Vier Freiheiten» und im Kalten Krieg für die Verteidigung der «freien Welt». Der Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 hieß «Operation Iraqi Freedom», und im Sommer 2007 erklärte Präsident George W. Bush, dass die «Freiheit

Iraks», die nur Amerika gewährleisten könne, in unmittelbarer Reichweite sei. Die Wendung «Wir sind ein freies Land» ist in den USA allgegenwärtig. Dies spiegelt die Tatsache wider, dass der politische Freiheitsbegriff auch den Alltag und die private Sphäre tief durchdringt.

Noch vor der Ausrufung der amerikanischen Unabhängigkeit hatte Samuel Williams in einer weit verbreiteten Flugschrift erklärt, in Afrika und Asien sei «der Freiheitsgedanke» ganz und gar «unbekannt», und selbst in Europa sei die «vitale Flamme» der «Freiheit» ausgelöscht. Auch wenn weite Teile der amerikanischen Gesellschaft - allen voran die Sklaven - der wichtigsten Freiheitsrechte beraubt waren, sahen die Amerikaner ihr Land in der Gründungsperiode, nicht ganz zu Unrecht, als Insel oder «Reich der Freiheit» (Thomas Jefferson) in einer vom Despotismus beherrschten Welt.

Im 19. Jahrhundert war Freiheit nicht zuletzt als «ökonomische Freiheit» definiert. Wer ein Stück Land, eine Farm oder ein Geschäft besaß, galt als frei. Doch mit zunehmender Industrialisierung verband sich die Vorstellung von Freiheit für die arbeitende Bevölkerung immer stärker mit Forderungen nach ökonomischer Sicherheit. In einer seiner legendären Radioansprachen am offenen Kamin des Weißen Hauses definierte Präsident Roosevelt 1934 «Freiheit» als wirtschaftliche, vom Staat garantierte «Sicherheit für den Durchschnittsbürger». Im Zweiten Weltkrieg gewann der Freiheitsbegriff eine weitere Dimension hinzu: Die USA kämpften nicht nur für wirtschaftliche und politische Freiheit im eigenen Land, sondern auch für Toleranz und Gleichheit der Rassen.

Rassenunterdrückung, so lautete die Philosophie des amerikanischen Kreuzzugs, war das Konzept, dem sich die Feinde Amerikas verschrieben hatten.

Im Kalten Krieg setzte sich die Freiheitsrhetorik unter veränderten Vorzeichen fort. Die Sowjetunion ersetzte das Deutsche Reich als Antithese amerikanischer Freiheitsvorstellungen. Mehr und mehr galt alles, was «kommunistisch» oder «sozialistisch» war, als das Gegenstück zur «amerikanischen Freiheit». Hatten die Amerikaner in der ersten Hälfte noch Freiheit mit ökonomischer Absicherung identifiziert, so galt nach dem Zweiten Weltkrieg fast jede Art von Regierungsintervention als potenziell suspekt. Unversehens wurden die Errungenschaften, die sich die «sozialistische Sowjetunion» auf ihre Fahnen geschrieben hatte - von universeller Krankenversicherung über staatliche Wohnungen bis zur Vollbeschäftigung - zum Ausdruck einer Beschränkung der Freiheit. Als der damalige Vizepräsident Richard Nixon im Jahr 1959 eine US-amerikanische Ausstellung in Moskau eröffnete, sprach er in seinem Vortrag «Was Freiheit uns bedeutet» nicht von bürgerlicher Freiheit, sondern von den 56 Millionen Autos und den unzähligen Haushaltsartikeln, die das Leben der amerikanischen Hausfrau erleichterten. Indem er auf einen kleinen Roboter deutete, der im Zentrum einer amerikanischen Modellküche den Boden fegte, bemerkte er süffisant: «In den USA brauchen sie nicht einmal eine Ehefrau.» Wohlstand und Konsum wurden mit einem Mal zur Messlatte für die Freiheit der Amerikaner. Dass die USA darin führend und nach ihrer eigenen Definition «die freieste Nation der Welt» waren, hätte 1959 nicht einmal der sowjetische Staatschef bestritten. Die «Freiheit des Individuums» galt jedenfalls zunehmend als von der «Freiheit des Marktes» abhängige Variable. Freihandel und Wohlstand, Unternehmertum und Konsum definierten die «freie Welt».

Der Historiker Eric Foner hat hervorgehoben, dass die meisten weißen Amerikaner der Überzeugung sind, «Freiheit sei etwas, was sie besitzen». Im Gegensatz dazu empfänden Afroamerikaner Freiheit nicht als «Besitz», der «verteidigt» werden kann, sondern als etwas, was erst noch «erreicht werden muss». Martin Luther Kings berühmte Rede vor dem Lincoln Memorial in Washington endete mit den Worten: «Endlich frei, endlich frei, Dank dem Allmächtigen, ich bin endlich frei.» Sein Ausruf wurde in den 1960er und 1970er Jahren zum Fanal für eine Reihe sozialer Bewegungen, die in der «persönlichen Freiheit» ein neues politisches Ziel sahen und sich für die Neudefinition der Verhältnisse im privaten Bereich einsetzten. Auch wenn die genuin politische Stoßrichtung der sozialen

Bewegungen in den Hintergrund geraten ist, so lässt sich der Einfluss des neuen «individuellen Freiheitsverständnisses» auf die amerikanische Kultur im 21. Jahrhundert gar nicht hoch genug einschätzen. Freiheit ist seit den 1990er Jahren nicht zuletzt die Freiheit, sich selbst auszudrücken - im Blick auf die sexuellen Präferenzen ebenso wie in Mode, Kulturkonsum und ganz generell im Lebensstil.

Nie zuvor in der amerikanischen Geschichte wurde der Begriff «Freiheit» inflationärer gebraucht als seit den terroristischen Attacken auf das World Trade Center. In jeder Rede zur Außenpolitik seit dem 11. September 2001 hat George W. Bush den Begriff «Freiheit» - oft unzählige Male - im Munde geführt. Der Export von Freiheit, Demokratie und Freihandel selbst in die entlegensten Ecken des Globus bildete das zentrale Ziel von Bushs Nationaler Sicherheitsstrategie im Jahr 2002. Das darin geforderte «Gleichgewicht der Macht», das «menschliche Freiheit» favorisiert, ging Hand in Hand mit dem Kampf gegen «Terroristen und Tyrannen», aber auch mit der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten in den USA selbst. Europäern, aber auch vielen kritischen Amerikanern, ist es zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht leicht gefallen, dieses spezifisch amerikanische Freiheitskonzept zu verstehen und zu akzeptieren: Wie können die USA andere Länder in Sachen Freiheit belehren, während die freiheitlichen Rechte im eigenen Land bedroht sind?

Die Geschichte der USA ist seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert voller Episoden, in denen die verfassungsmäßigen Freiheiten einzelner, vermeintlich gefährlicher Gruppen, im «nationalen Interesse» verengt wurden: von der Beschneidung der Rechte von Neueinwanderern im Jahr 1798 bis zur Zwangsinternierung von Japanern im Zweiten Weltkrieg. Hinzu kommt, dass Minderheiten wie Indianer und Schwarze einer Vielzahl von Diskriminierungen ausgesetzt waren und sind. Allerdings ist den Amerikanern in ihrer Geschichte vieles besser gelungen als den Europäern. Nicht zuletzt waren sie in der Lage, Einwanderer aufzunehmen und zu integrieren, ohne ihre Identität zu zerstören. Die größten zukünftigen

Herausforderungen werden für die Vereinigten Staaten darin liegen, die Bedrohungen von außen ernst zu nehmen, und gleichzeitig die mehr oder weniger verdeckten Unterwanderungen der verfassungsmäßig zugesprochenen Freiheitsrechte abzuwehren. Wenn dies gelingt, wenn die USA ihre Stärken wie Pragmatismus und Vitalität und die demokratische Erneuerungskraft einsetzen, werden sie auch im 21. Jahrhundert bleiben, was sie für viele Menschen in aller Welt sind: ein faszinierendes Land und ein anziehendes Vorbild.

 
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