Die Entstehung des Islam

Wie verlief der Lebensweg des Propheten Mohammed?

Die Hauptquelle für die Biographie Mohammeds ist die so genannte «Sira», «Das Leben des Propheten», die der 768 verstorbene Ibn Ishaq aufzeichnete und die großenteils von Ibn Hischäm tradiert wurde. Sie enthält Fakten und wundersame Legenden; manche Berichte lassen Mohammed in - zumindest aus heutiger Sicht - problematischem Licht erscheinen.

Nach islamischer Geschichtsschreibung wurde Mohammed im Jahre 570 n. Chr. in Mekka geboren. Nichts deutete daraufhin, dass aus dem verwaisten Hirtenjungen der mächtige Stifter einer Weltreligion werden würde, die bis zum heutigen Tag expandiert. Nur ein christlicher Mönch - so die Sira - habe das Mal auf seiner Schulter richtig gedeutet und dem zwölfjährigen Knaben eine große Zukunft vorausgesagt. Die entscheidende Wende in seinem Leben überraschte Mohammed selbst. Im Alter von vierzig Jahren empfing er seine erste Offenbarung. Zu diesem Zeitpunkt war der Abkömmling der völlig verarmten Sippe der Haschimiten vom Stamme der Quraisch mit der reichen, wesentlich älteren Kaufmannswitwe Chadidscha glücklich verheiratet und führte deren Im- und Exportgeschäft. Mekka war damals ein blühendes und mächtiges Handels- und Kulturzentrum, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt, an dem sich Kaufleute, die Waren aus dem fernen Osten herbeibrachten, und Karawanen trafen, die vom Jemen im Süden bis Syrien im Norden zogen. Die politische wie die wirtschaftliche Macht lag in den Händen weniger Handelsaristokraten, zu denen auch Mohammeds Sippe gehörte. Im Rahmen der bedeutenden Märkte und Handelsmessen fanden in der Zeit der Waffenruhe während der jährlich vier heiligen Monate (Sure 9:36) Dichterwettbewerbe statt; denn die Dichtkunst stand in Arabien in hoher Blüte. Zudem wurden dann die unzähligen Kultstätten -Steine, heilige Quellen oder andere von Dämonen besiedelte Orte -aufgesucht. Wichtigstes Heiligtum aber war die Kaaba mit dem verehrten «Schwarzen Stein», einem Meteoriten. In der Kaaba befand sich die Statue des Hochgottes Hubal, der mit seinen drei Töchtern, den Göttinnen al-Uzza, Lat und al-Manat, dort verehrt wurde. Außer mit den Anhängern der altarabischen Kulte kam Mohammed mit Christen unterschiedlicher Konfession, Juden und «Hanifen», den «Gottessuchern», in Kontakt.

TABELLE DER DYNASTIEN

Mohammed suchte seinen eigenen religiösen Weg, und ihm widerfuhr eine «Schlafvision» mit der ersten Offenbarung, die ihn zutiefst aufwühlte (siehe Frage 9). Danach sprach er in zündender

Rede von dem einen Gott, der Himmel und Erde erschaffen habe und am Ende der Tage die Menschen nach ihren Taten richten werde. Das drohende Endgericht ist auch Thema vieler in Mekka entstandener Koran-Suren. Redlich müsse man sein und Gutes tun, Gedanken, die äußerst unbequem waren. Zudem machte der rigide Monotheismus Mohammeds die Verehrung anderer Gottheiten und Dämonen obsolet. Seiner neuen Lehre schlossen sich junge Unterprivilegierte an. Diese Entwicklung gefährdete zum einen die auf Stammessolidarität beruhende Gesellschaftsordnung Mekkas. Zum anderen drohte die Lehre von dem einen Gott auch der wirtschaftlichen Prosperität, die mit den diversen lokalen Kulten untrennbar verbunden war, den Boden zu entziehen. Mohammed wurde den herrschenden Mekkanern also nicht nur lästig, sondern zunehmend auch zur Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz. Einen Teil seiner wachsenden Anhängerschaft brachte er im christlichen Abessinien in Sicherheit. Solange seine einflussreiche Ehefrau Chadidscha und nach deren Tod sein Onkel Abu Talib die Hand über ihn hielten, konnte Mohammed selbst nichts geschehen. Als aber auch dieser gestorben war, sah Mohammed sich einem gegen ihn persönlich gerichteten zweijährigen geschäftlichen Boykott ausgesetzt.

Nach mehreren Anschlägen auf sein Leben siedelte er mit seinen Getreuen im Jahre 622 nach Yathrib über, dem späteren Medina (Abkürzung von «Madina an-Nabi», «Stadt des Propheten»), das etwa 200 Kilometer nördlich von Mekka liegt. Diese sorgfältig vorbereitete Auswanderung, die «Hidschra», markierte den Aufbruch in das neue Zeitalter des Islam; folgerichtig wurde das Jahr 622 zum Jahr 1 der neuen islamischen Zeitrechnung. Seither spricht man gemeinhin vom «Islam» als eigenständiger «Religion», von den «Muslimen» als deren Anhängern und von der «Umma» als «Religionsgemeinschaft».

In Medina war Mohammed wegen ebenjener Lehre, die ihm in Mekka so viel Ungemach eingebracht hatte, hochwillkommen. Die dort siedelnden Stämme waren heillos untereinander zerstritten. Von der charismatischen Persönlichkeit Mohammeds als neutralem Ombudsmann und vom Islam als einem neuen gemeinschaftsbildenden Band erhoffte man sich eine Befriedung.

Tatsächlich gelang es Mohammed, die Umma erfolgreich auszubauen. Neue Gesetze und Ergänzungen zum ungeschriebenen Gewohnheitsrecht halfen bei der Konsolidierung des Gemeinschaftsgefüges ebenso wie eine neu geschaffene «Gemeindeordnung von Medina», die zudem das Verhältnis zu den in Medina alteingesessenen jüdischen Stämmen und den Angehörigen anderer Religionen regelte. Diese im Wortlaut erhaltene «Charta» wird von strenggläubigen Muslimen bis heute als Vorbild für die Einnahme ihrer Position innerhalb einer multireligiösen Gesellschaft angesehen.

Dennoch kam es in Medina zu blutigen Auseinandersetzungen, insbesondere mit den drei jüdischen Stämmen. Mohammed war nämlich zunächst davon ausgegangen, dass die Offenbarungen, die er empfing, identisch seien mit jenen Offenbarungen, die bereits Mose und Jesus erhalten hatten. Die Rabbiner in Medina aber verhöhnten ihn deswegen und gefährdeten dadurch Mohammeds Prestige. Zudem hatten die dortigen Juden insgeheim Kontakt zu den feindlichen Mekkanern aufgenommen, gegen die Mohammed eine Schlacht nach der anderen mit wechselndem Ausgang führte (624 Schlacht von Badr, 625 Schlacht von Uhud, 627 «Grabenkrieg»), Zugleich verhandelte er immer wieder und erzielte Abkommen, die er selbst nicht immer einhielt. Die Spannungen eskalierten schließlich derart, dass einer der jüdischen Stämme ausgerottet und die beiden anderen aus Medina vertrieben wurden. Zunehmend schlossen sich arabische Stämme im weiteren Umfeld der neuen Religion an. Noch konnte sich das byzantinische Reich bei Mu’ta im damaligen Syrien der Muslime erwehren. Ein Waffenstillstand mit Mekka ermöglichte Mohammed sogar im März 629 eine Pilgerfahrt zur Kaaba. Die große so genannte «Abschiedswallfahrt» vollzog Mohammed ein halbes Jahr vor seinem Tod; er starb am 8. Juni 632. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Mekka bereits widerstandslos ergeben, war doch die Kaaba nach ihrer Reinigung vom «Götzendienst» das Kultzentrum auch der neuen Religion geworden, so dass für die Mekkaner durch den Islam nicht nur keine Nachteile erwuchsen, sondern geradezu ein wirtschaftlicher Aufschwung zu erwarten war.

Die Abgrenzung insbesondere vom Judentum brachte folgerichtig die Herausbildung einer eigenen Theologie mit sich. Die Gebetsrichtung wurde bereits im Jahre 624 von Jerusalem auf die Kaaba in Mekka umgestellt. Die Kaaba galt nun als von Abraham und seinem Sohn Ismail erbaut und wurde als wichtigstes Heiligtum der Muslime zum religiösen Zentrum des Islam. Der Kultus wurde neu festgelegt und der Freitag zum Wochentag des gemeinsamen Gebets. Neue Eingebungen besagten, die Juden - wie auch die Christen - hätten ihre ursprünglich identischen Offenbarungen verfälscht, womit die Unterschiede im Kultus und in der Lehre zu erklären seien. Mit der so genannten Abraham-Legende (siehe Frage 15) bekräftigten die Offenbarungen, dass der Islam nicht nur die älteste, sondern auch die ursprüngliche und damit einzig wahre Religion sei. Mohammed wurde nun als das «Siegel der Propheten» (Sure 33:40) und damit als «letzter aller Propheten» bezeichnet, dem kein weiterer mehr folgen kann und dem die abschließende, für alle Zeiten und für alle Menschen maßgebliche Offenbarung zuteil geworden ist (siehe auch Frage 21). Alle Erlebnisse und Erfahrungen Mohammeds, die internen Auseinandersetzungen mit den «Heuchlern» und die neuen gesetzlichen wie theologischen Regelungen, die Kriege gegen die Ungläubigen, ja selbst persönliche Probleme und die jeweiligen Konfliktlösungen fanden ihren Niederschlag im Koran und in der Sunna und wurden damit zum Vorbild bis zum heutigen Tag.

 
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