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11.2. Abhängigkeit der Unterrichtsqualität von der Sichtstruktur

Im Anschluss an die Darstellung der Faktorenstruktur soll hier überprüft werden, ob sich systematische Zusammenhänge zwischen der Sichtstruktur des Unterrichts und den beschriebenen Aspekten der Unterrichtsqualität anhand der 28 hoch inferent erfassten Items sowie der fünf daraus extrahierten Komponenten entdecken lassen. Auf die Darstellung der Forschungsfragen folgt die knappe Beschreibung des methodischen Vorgehens. Daran anschließend werden die Ergebnisse vorgestellt und zur Vermeidung von Wiederholungen unmittelbar inhaltlich diskutiert.

11.2.1. Fragestellungen

Es soll überprüft werden, inwiefern verschiedene Aspekte der Unterrichtsqualität abhängig von der Sichtstruktur des beobachteten Unterrichts sind.

Die vorliegenden Daten bieten eine gute Chance, diese Fragestellungen zu bearbeiten, da sich in der Sichtstruktur des Unterrichts bereits deutliche Unterschiede zwischen den videografierten Lerngruppen gezeigt haben (vgl. 10.1.1). Zudem wurde bisher selten an einer für Videostudien relativ großen Stichprobe der Grundschulunterricht sowohl anhand hoch inferenter Ratings als auch durch eine Vielzahl niedrig inferenter Kodierungen beschrieben.

Dabei sind die aufgestellten Fragen sowohl inhaltlich als auch methodisch von Interesse. Inhaltlich interessiert vor allem, inwiefern bestimmte Aspekte der Sichtstruktur des Unterrichts mit der Qualität des Unterrichts korrespondieren. So können Aussagen darüber getroffen werden, inwiefern allein die Dauer des Unterrichts, die Verwendung bestimmter Sozialformen oder die Realisierung bestimmter Übungsphasen zur Qualität des Unterrichts beiträgt.

Aus methodischer Sicht sind die Fragen aber auch generell für die Videoforschung interessant, da sie Aufschluss darüber geben können, ob bei der Beurteilung bestimmter Merkmale der Unterrichtsqualität die Rahmenbedingungen stärker berücksichtigt werden müssten, um systematische Verzerrungen zu vermeiden. Sollte sich beispielsweise herausstellen, dass allein die Verwendung kooperativer Lernformen oder aber eines hohen Anteils öffentlichen Unterrichts dazu beitragen, dass bestimmte Facetten der Unterrichtsqualität höher bewertet werden, so sollte in zukünftigen Studien vorab überlegt werden, inwiefern hier eine stärkere Standardisierung wünschenswert wäre. Andererseits könnte man diese Aspekte der Sichtstruktur dann bereits auch als Merkmale der Qualität von Unterricht interpretieren und den Lehrpersonen bewusst freistellen. Analysen von Praetorius (2014) deuten beispielsweise darauf hin, dass zur Beurteilung kognitiver Aktivierung möglichst mehrere Unterrichtsstunden verwendet werden sollten, um Abhängigkeiten der Qualitätsbeurteilung von der konkreten Unterrichtsgestaltung zu minimieren (vgl. auch Praetorius et al., 2014). Praetorius (2014) näherte sich diesem Ergebnis allerdings allein anhand varianzanalytischer Untersuchungen, wohingegen im Rahmen der vorliegenden Studie inhaltliche Zusammenhänge aufgedeckt werden sollen, die solche systematischen Beeinflussungen eventuell erklären können.

 
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