Gibt es «den europäischen» oder «den deutschen Islam»?

Die Diskussion, ob es überhaupt einen europäischen Islam geben darf oder ob es ihn sogar geben muss, ist in islamischen Kreisen in vollem Gange. Während die einen religiösen Wortführer der Meinung sind, der Islam sei immer und überall derselbe und dürfe sich nicht von Land zu Land verändern und unterscheiden, vertreten andere die Ansicht, der Islam in Europa stehe vor neuen, ganz spezifischen Aufgaben und brauche deshalb auch eigene Lösungen. Drei Initiativen, die den Islam modernisieren und einen deutschen oder europäischen Islam entwickeln wollen, sind bemerkenswert. Erwartungen setzte man zunächst in den Liberal-Islamischen Bund e. V. (LIB), der 2010 gegründet wurde. Drei «Gemeinden» bestünden bereits, allerdings ohne Imame oder Imaminnen, wie deren Internetauftritt - Stand Oktober 2016 - zu entnehmen ist. Als Angebote werden unter anderem «inklusive egalitäre Gebete» und «feministische, genderdifferenzierte Koranexegese» genannt. Ein Blick auf die angegebene Literaturliste fördert zutage, dass die dort aufgeführten Monographien ausnahmslos der Feder der Vorsitzenden entstammen. Im November 2015 wurde das liberal-demokratische Muslimische Forum Deutschland (MFD) mit seinen «Berliner Thesen» für ein gutes Miteinander ins Leben gerufen, ein Projekt, um das es aber bislang arg still ist. LIB verwahrte sich gegen die am 16. September 2016 unterzeichnete «Freiburger Deklaration. Gemeinsame Erklärung der Reformmuslime in Deutschland, Österreich und der Schweiz». Initiator ist wie beim Muslimischen Forum Deutschland der Inhaber einer Theologieprofessur. Überzeugender kann man das neue Projekt kaum vorstellen.

Im Grunde wollen alle drei Organisationen die Kompatibilität mit der hiesigen Gesellschaft erreichen. Dazu gehören der kritische Umgang mit dem Koran, die Trennung von Religion und Staat, die Unterordnung der Scharia unter hiesige Gesetze, die Gleichstellung von Mann und Frau sowie die Akzeptanz der individuellen Freiheiten.

Gemeinsam ist ihnen die Ablehnung der vom Staat bevorzugten Islam-Verbände. Unterschiedlich sind die Lösungsansätze; es gibt viel Raum, der gerade diese Ideenfülle zulässt, ja sogar erfordert; ein Gegeneinander wäre extrem kontraproduktiv.

Neben den drei akademischen Bemühungen auf Vereinsbasis gibt es weitere nicht minder hoffnungsvolle Ansätze: das Engagement und den Einfallsreichtum jener jungen Muslime und Musliminnen, die hier aufgewachsen und oft deutsche Staatsbürger sind. Sie wollen selbstbewusst ihre religiöse Identität beibehalten, sich deshalb ernsthaft mit den Konflikten zwischen Islam und den hiesigen Gegebenheiten auseinandersetzen und eine positive Antwort auf die längst überflüssige Frage finden, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Es ist zu hoffen, dass sich jene gesellschaftskompatiblen und kreativen Vorstellungen durchsetzen, die neue Wege eröffnen, um den Lebensbedingungen der Gläubigen umfassend gerecht zu werden. Das gemäßigt-islamische Bosnien hatte schon einmal - freilich unter historisch nicht vergleichbaren Bedingungen - einen europäischen Islam gelebt, kann gegenwärtig aber keine prägende Rolle übernehmen. Religiöse Institutionen haben generell die Tendenz, im Traditionellen zu verharren; das verstärkt sich oft noch, wenn sie sich in der Diaspora befinden und zudem von außerhalb gesteuert werden. Aber die hier aufgewachsenen Menschen richten an sie Fragen, denen sie nicht dauerhaft ausweichen können. Noch ist nicht entschieden, welche Kräfte sich durchsetzen und ob sich ein «europäischer Islam» entwickeln wird, der den hiesigen Muslimen religiöse Orientierung und gleichzeitig der Gesellschaft eine positive Stütze sein kann.

Die Völkerwanderung, die erst begonnen hat, wird Europa und Deutschland verändern; sie hat es im Grunde schon getan. Es kommt nun darauf an, dass sich diese Gesellschaft nicht spalten lässt, dass die Vertreter des Islam diese Entwicklung nicht als Einladung zur Ausbreitung ihrer Religion verstehen und dass die Nicht-Muslime Rassismus und Fremdenfeindlichkeit abwehren, Chancen für ein offenes Miteinander bieten und nutzen, dort aber klar Grenzen aufzeigen, wo unser Grundgesetz und die Menschenrechte verletzt werden, damit eines Tages die Frage «Almanya, quo vadis?» eine gute

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