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1.1 Aktuelle Herausforderungen an die politische Bildung im Kontext einer ökonomischen Instrumentalisierung

Worauf muss politische Bildung in einem ökonomischen Kontext heutzutage reagieren?

„Viele unserer Grundsatzdebatten über die Veränderungen in der Welt des frühen

21. Jahrhunderts werden von großen Begriffen geprägt: Globalisierung, Komplexität, Vernetzung finden sich in fast jedem Beitrag, der versucht, den immer schneller werdenden Wandel in unserer Umwelt zu verstehen.“ (Sandschneider 2011, S. 21)

Schlagworte wie Entgrenzungen (ebd.), Weltgesellschaft (Sander/Scheunpflug 2011), Risikogesellschaft (Beck 1986/2010) bzw. Weltrisikogesellschaft (Beck 2008) beschreiben die komplexen Wandlungsprozesse der heutigen Zeit, deren Auswirkungen auf die politische Bildung sich auch stets in einem ökonomischen Kontext vollziehen. „Globalisierung und gesellschaftliche Wandlungsprozesse“ (Deichmann 2001, S. 25) stellen konkrete Anforderungen an die politische Bildung. DEICHMANN führt vor dem Hintergrund des fächerübergreifenden Unterrichts in der politischen Bildung eine „stärkere Bedeutung des Zukunftsund Handlungswissens“ (Deichmann 2001, S. 27) bei den Lernenden ins Feld und richtet seinen Fokus auch auf ökonomische Aspekte (hier: Arbeitsbedingungen und Unternehmensinteressen) (ebd.). Hierbei ist es notwendig, dass sich politische Bildung einerseits mit derartigen Wandlungsprozessen auseinandersetzt, andererseits darf jedoch nicht unbeachtet bleiben, dass sie selbst auch einem Wandlungsprozess unterliegt (Hufer 2007, S. 127) – es genügt zum Beispiel nicht, Globalisierungsfragen im Politikunterricht als Additivum zu betrachten, sondern globale Perspektiven und deren Merkmale sind in die alltäglichen Gegenstände der politischen Bildung einzubeziehen (Sander 2011, S. 425f.).

Unter Berufung auf BECKS Monographien, Risikogesellschaft (Beck 1986/2010) [1] und Weltrisikogesellschaft (Beck 2008), können sehr deutlich und äußerst prägnant mögliche Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels vor dem Hintergrund der Behandlung ökonomischer Aspekte im Politikunterricht beispielhaft illustriert und nachvollzogen werden:

Der gesellschaftliche Wandel greift über sich verändernde Produktionsbedingungen („Markt, Konkurrenz, Arbeitsteilung“) und Konsummöglichkeiten gravierend in die Lebensverhältnisse des Menschen ein (Beck 1986/2010,

S. 67ff.). „Harmloses entpuppt sich als gefährlich – Wein, Tee, Nudeln usw. Düngemittel werden zu Langzeitgiften mit weltweiten Folgen. Die ehemals hochgepriesenen Quellen des Reichtums (Atom, Chemie, Gentechnologie usw.) verwandeln sich in unabsehbare Gefahrenquellen.“ (Beck 1986/2010, S. 68)

Die in der Risikogesellschaft herrschende Fülle an Reichtum führt zu einer Verzerrung zwischen tatsächlichen Risiken und deren Wahrnehmung. Das steigende Maß an Misstrauen gegenüber Expertenaussagen über Technologien und deren verkörperte Risiken wird fälschlicherweise häufig als irrational bezeichnet, da man hierbei einer demokratischen Gesellschaft nicht zugesteht, ihre Präferenzen einer lebenswerten Welt zu verwirklichen (Beck 1986/2010, S. 76f.). „Der Ursprung der Wissenschaftsund Technikkritik und -skepsis liegt nicht in der "Irrationalität" der Kritiker, sondern in dem Versagen der wissenschaftlichtechnischen Rationalität angesichts wachsender Risiken und Zivilisationsgefährdungen.“ (Beck 1986/2010, S. 78) Die ökonomische Bedeutung dieser These wird nicht nur mit Verweis auf das Ausmaß von Finanzkrisen und Staatsverschuldung belegt, sondern auch im Hinblick auf Energieund Rohstoffwirtschaft oder den Erhalt des Lebensraumes (Umweltschutz) untermauert.

Der gesellschaftliche Wandel verlangt den „Umgang mit Unsicherheit“ als eine „biographische und politische Schlüsselqualifikation“ (Beck 1986/2010,

S. 101ff.), die neben der Bewältigung der Akzeptanz von Modernisierungsrisiken auch auf den Umgang mit deren Folgen abzielt (Beck 1986/2010, S. 103).

„Entscheidend dabei sind nicht oder nicht nur die gesundheitlichen Folgen, die Folgen für das Leben der Pflanzen, Tiere und Menschen, sondern die sozialen, ökonomischen und politischen Nebenfolgen dieser Nebenfolgen: Markteinbrüche, Entwertung des Kapitals, schleichende Enteignung, neue Verantwortlichkeiten, Marktverschiebungen, politische Zwänge, Kontrollen betrieblicher Entscheidungen, Anerkennung von Entschädigungsansprüchen, Mammutkosten, Gerichtsverfahren, Gesichtsverlust.“ (ebd.)

Der Modernisierungsprozess der heutigen Zeit führt zu einer absoluten Verzahnung von Natur und Gesellschaft. BECK spricht in diesem Zusammenhang von der „Vergesellschaftung der Natur“ und der damit verbundenen „Vergesellschaftung der Naturzerstörungen“, die „die sozialen und politischen Institutionen der hochindustrialisierten Weltgesellschaft“ vor weitreichende Problemlagen stellt (Beck 1986/2010, S. 107).

Die Risikogesellschaft führt zu einer „Entgrenzung der Politik“ oder mit anderen Worten: „Risiken werden zum Motor der Selbstpolitisierung“, im Rahmen dessen, „technisch-ökonomische Sachzwänge“ der Modernisierung eine neue Subpolitik befördern (Beck 1986/2010, S. 300f.). Technisch-ökonomisches Expertenwissen entwickelt sich zu dem Machtfaktor, der künftige politische Entscheidungen forciert, da die politischen Entscheidungsträger einer anstehenden Wissensflut nicht mehr gewachsen sind (Beck 1986/2010, S. 358). „Die Situation droht ins Groteske umzuschlagen: Die Nichtpolitik beginnt, die Führungsrolle der Politik zu übernehmen.“ (ebd.) [2]

Die Weltrisikogesellschaft scheint bei der Bewältigung der selbst verursachten Probleme an ihre Grenzen zu stoßen (Beck 2008, S. 345). „Die globalen Modernisierungsgefahren sind nicht den Wissenschaften oder der Wirtschaft oder der Politik zuzuordnen, sondern stellen sozusagen die Koproduktion dieser Teilsysteme dar.“ (ebd.) Vor dem Hintergrund der Beherrschung globaler Marktrisiken und fehlender weltumspannender Kontrollorgane können sich beispielsweise vom Weltmarkt abhängige nationale Märkte einem solchen Geflecht kaum entziehen (Beck 2008, S. 356). Eine globale, vom Maximierungsdruck beherrschte, freie Marktwirtschaft birgt Risiken mit sozialem und politischem Ausmaß (z.B. Sturz von Regierungen oder Bürgerkriege) (Beck 2008, S. 357f.). Derartige Risiken werden verstärkt, wenn man den Fokus auf internationale Finanzrisiken und deren Bedeutung für die Abwicklung und Sicherstellung der Zahlungsströme richtet (Beck 2008, S. 359). [3] „Die Weltwirtschaft ist deshalb zweifellos eine zentrale Risikoquelle in der Weltrisikogesellschaft.“ (ebd.)

Die Gefahren der Weltrisikogesellschaft verlangen kosmopolitische Perspektiven (Beck 2008, S. 368ff.): „Weltprobleme schaffen transnationale Gemeinsamkeiten.“ (Beck 2008, S. 368) Nationale Alleingänge werden ihren Erfolg schuldig bleiben (ebd.). Höhere Kosten in Bezug auf einzelstaatliche Lösungen sind vor dem Hintergrund geteilter Kosten bei geteilter Verantwortung und geteiltem Risiko ineffizient (Beck 2008, S. 370f.). Internationale Organisationen führen nationale Politik in gebündelter Form fort, „sie verändern, maximieren und erweitern nationale zu transnationalen Interessen und eröffnen neue transnationale Machtund Gestaltungsspielräume für ganz unterschiedliche weltpolitische Akteure, aber eben auch für Staaten.“ (Beck 2008, S. 369)

Das mittels BECK dargestellte Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft im gesellschaftlichen Wandlungsprozess tritt heutzutage also vor allem im Hinblick auf die derzeitige internationale Finanz-/Wirtschaftskrise, das weltweite Problem der Staatsverschuldung, die Energie-/Rohstoffversorgung der Welt oder das globale Problem der Umweltzerstörung und des Klimawandels besonders deutlich hervor. Unter Berufung auf HILLIGEN lassen sich hierdurch politikdidaktische Schlüsselbegriffe (Hilligen 1985, S. 32) bzw. Schlüsselprobleme (Hilligen 1991, S. 21) identifizieren, die aufgrund ihrer Bedeutsamkeit für gegenwärtige und künftige Lebenssituationen im Rahmen der politischen Bildung thematisiert werden müssen (ebd.). [4] Die Auswahl geeigneter Lerngegenstände orientiert sich in diesem Zusammenhang an deren Gehalt, Chancen und Gefahren zu erfassen sowie mögliche politische Antworten liefern zu können (Hilligen 1985, S. 32f. sowie 1991, S. 21ff.). Schlüsselprobleme werden hierdurch zu kategorialen Erkenntnishilfen (Hilligen 1991, S. 22f.), die im Sinne ihrer problemorientierten Behandlung unter anderem die Verknüpfung von Politik und Wirtschaft implizieren und die Möglichkeit bieten, Lerngegenstände didaktisch zu erschließen. Folglich führt eine solche Behandlung von Schlüsselproblemen im Politikunterricht zu den drei Dimensionen des Politischen, die zwar das Problem als politische Aufgabe (policy) sowie den politischen Prozess zur Problemlösung (politics) im Rahmen institutioneller Gegebenheiten (polity) [5] klassifizieren (Hilligen 1991, S. 25f.), jedoch stets auch das Ökonomische nicht außen vor lassen.

Mit dem Blick auf die „Politische Bildung in einer Welt der Umbrüche und Krisen“ (Steffens 2011) eröffnet STEFFENS folgende Fragestellung:

„Teilt die heutige Politikdidaktik mit den Heranwachsenden das Interesse an der Welt, in die sie hineinwachsen? Findet sie Wege, auf denen die Lernenden sich eine Welt in krisenhaften Umbrüchen erschließen können? Wie geht sie mit Tiefe und Tempo der Veränderungen um, wie mit dem damit einhergehenden Dezentrierungen der Perspektiven, dem Aufbrechen der vertrauten Selbstverständigungshorizonte?“ (Steffens 2011, S. 393)

Politische Bildung darf sich den derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen nicht verschließen. Sie muss sich den Herausforderungen der heutigen Zeit stellen und mit multiperspektivischen Konzepten reagieren. Hierzu gehört unter anderem die Integration ökonomischer Aspekte, um der steigenden Bedeutung eines notwendigen Zukunftsund Handlungswissens (Deichmann 2001, S. 27) gerecht zu werden.

  • [1] Trotz zurückliegenden Erscheinungsdatums von BECKS Risikogesellschaft vermittelt diese eine authentisch aktuell wirkende Atmosphäre. In seiner späteren Ausgabe zur Weltrisikogesellschaft (Beck 2008) merkt er selbst an: „Wenn ich heute mein Buch Risikogesellschaft noch einmal lese, beschleicht mich ein Gefühl der Rührung: Bei aller Dramatik erscheint die Welt idyllisch – sie ist noch "terrorfrei". Und doch lesen sich heute viele Strukturmerkmale der Risikogesellschaft wie Beschreibungen der Welt nach dem 11. September 2001, nach den Terrorattentaten von New York und Washington.“ (Beck 2008, S. 28)
  • [2] „Die Gestaltung der Zukunft findet versetzt und verschlüsselt nicht im Parlament, nicht in den politischen Parteien, sondern in den Forschungslabors und Vorstandsetagen statt. Alle anderen – auch die Zuständigsten und Informiertesten der Politik und Wissenschaft – leben mehr oder weniger von den Informationsbrocken, die von den Planungstischen technologischer Subpolitik fallen. Forschungslabors und Betriebsleitungen in den Zukunftsindustrien sind zu "revolutionären Zellen" im Gewande der Normalität geworden. Hier werden in außerparlamentarischer Nichtopposition ohne Programm und im Hinblick auf die Fremdziele des Erkenntnisfortschritts und der ökonomischen Rentabilität die Strukturen einer neuen Gesellschaft umgesetzt.“ (Beck 1986/2010, S. 358)
  • [3] „Da alle Teilsysteme der modernen Gesellschaft auf jeweils andere Teilsysteme angewiesen sind, wäre ein Ausfall des Finanzsystems katastrophal.“ (Beck 2008, S. 359)
  • [4] Auf der Suche nach geeigneten Lerngegenständen greift HILLIGEN hier ebenfalls auf BECK (Beck 1986) zurück (Hilligen 1991, S. 21ff.).
  • [5] Mit dem Heranziehen von Institutionen als Lerngegenstände (Hilligen 1991, S. 26) und mit Blick auf die vorliegende Thematik kann bereits an dieser Stelle auf die Bedeutung der Integration institutionenökonomischer Aspekte verwiesen werden
 
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