Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Wirtschaft im Politikunterricht
< Zurück   INHALT   Weiter >

3.1.1 Lebenssituationsansatz

Der sogenannte Lebenssituationsansatz oder das Konzept der lebenssituationsorientierten ökonomischen Bildung geht auf einen Ansatz von OCHS/STEINMANN („Beitrag der Ökonomie zu einem sozialwissenschaftlichen Curriculum“ (Ochs/Steinmann 1994)) zurück. Die ökonomisch geprägten Lebenssituationen der Lernenden werden hierbei auf die Lebensbereiche der „Einkommensentstehung durch Arbeit und die der Einkommensverwendung zur Inanspruchnahme – d.h. zum unmittelbaren oder mittelbaren Konsum – der erstellten Güter und Leistungen (Kauf, Sparen, Steuerzahlung)“ reduziert (Ochs/Steinmann 1994, S. 36). Auf diese Lebensbereiche entfallen nunmehr Lebenssituationen, die verschieden gewichtige Lernbedeutungen aufweisen. Es sind in diesem Zusammenhang solche Lebenssituationen, welche sich auf die individuelle Bedürfnisbefriedigung, die Behinderung/Gefährdung der Bedürfnisrealisierung und auf den persönlichen Entscheidungs und Handlungsspielraum beziehen (Ochs/Steinmann 1994,

S. 38f.). OCHS/STEINMANN leiteten hieraus ein Richtziel der lebenssituationsorientierten ökonomischen Bildung ab, das im Rahmen von Qualifikationen zur Kompetenzsteigerung und Emanzipationsförderung sowohl die materielle Existenz als auch die Entfaltung des Individuums gewährleisten kann (Ochs/Steinmann 1994, S. 41f.). Obwohl dieser Ansatz an den ökonomischen Aspekten orientiert war, wurden die Grenzen der ökonomischen Lehre aufgrund der vorherrschenden Komplexität bestehender Lebenssituationen gelockert und eine fächerübergreifende Didaktik proklamiert (Ochs/Steinmann 1994, S. 42f.).

Dieser streng an den individuellen Bedürfnissen angelegte und rein ökonomisch geprägte Fokus der Lebenssituationen wurde von STEINMANN später als unzureichend erachtet und in vier Bereichen korrigiert: Erstens ist die isolierte Betrachtung von Lebenssituationen dahingehend unvollständig, weil die in den Lebenssituationen getroffenen Entscheidungen Veränderungen von Lebenssituationen herbeiführen, die die Lebenssituationen wiederum erneut verändern. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, neben den Lebenssituationen, die „ökonomisch geprägte Entwicklung“ auf vier verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen (soziale, ökologische, internationale Gesellschaft und Wohlstandsgesellschaft) einzubeziehen (Steinmann 1997, S. 6f.). Zweitens wurden die Richtziele Kompetenzförderung und Emanzipationssteigerung um die Qualifikationen, die an den Elementen der Mündigkeit ausgerichtet sind, erweitert (Steinmann 1997, S. 8ff.). In diesem Zusammenhang musste eine dritte Konkretisierung in Bezug auf die Formulierung der zu fördernden Kompetenzen vorgenommen werden, da diese im ursprünglichen Konzept lediglich auf Sachund Wertkompetenzen abzielten. Hier erfolgte mit der Berücksichtigung von Individualund Sozialkompetenzen die entsprechende Erweiterung (Steinmann 1997, S. 10f.). Letztlich stößt man mit einem eng angelegten ökonomischen Fokus bald an die Grenzen der Erklärung komplexer Lebenssituationen, da im Rahmen einer derartigen Betrachtung gesamtgesellschaftliche Ziele und nicht dem Rationalitätspostulat unterliegende Bedürfnisse ausgeblendet bleiben (Steinmann 1997, S. 16f.). STEINMANNS fortgeführte Konzeption beansprucht dabei, den monodisziplinären Charakter der ökonomischen Bildung aufzugeben und den „Lebenssituationen-QualifikationenAnsatz“ in ein gesamtgesellschaftliches Curriculum einzubinden (Steinmann 1997, S. 21).

„Mit weiteren Gestaltungskriterien wie Problemorientierung, Aktualität, Exemplarität, Erfahrungsorientierung und Herstellung von Betroffenheit erweist sich das Konzept der Lebenssituationsorientierten ökonomischen Bildung als ein mögliches, in sich schlüssiges didaktisches Konzept, das durch seine Orientierung an Lebenssituationen und Entwicklungen auch die Chance bietet, die Ökonomie jederzeit in ein auf die Gesellschaft als Ganzes bezogenes Curriculum zu integrieren.“ (Steinmann 2008, S. 211)

Eine politikdidaktische Einbettung des lebenssituationsorientierten ökonomischen Ansatzes ist hierbei zweifelsfrei gegeben:

„Er fordert Kooperation und Integration der Disziplinen und gibt sich gegenüber der dominanten Fachwissenschaft selbstbewusst und kritisch sowie gegenüber anderen Sozialwissenschaften offen und kooperationsbereit.“ (Hedtke 2002, S. 48)

Selbst das ursprüngliche OCHS-STEINMANN-Konzept und die damit verbundene Qualifikation zur Vorbereitung auf ökonomisch geprägte Lebenssituationen sind für die ökonomische Perspektive im gesamtgesellschaftlichen Spektrum der politischen Bildung zielführend. Kompetenzsteigerung, Emanzipationsförderung und die spätere Erweiterung im Bezug zur Mündigkeit auf gesellschaftlichem – und damit auch auf ökonomischem – Gebiet stehen im Einklang mit der heutigen Philosophie des Politikunterrichts. Darüber hinaus verkörpern Situationen als Lerngegenstände Inhaltsstrukturen, die einen konkreten didaktischen Zugang zum Politischen ermöglichen (Gagel 2000, S. 79). Die sich hieraus ergebenden Perspektiven helfen dabei, Handlungen zu analysieren (Gagel 2000, S. 90f.) und ermöglichen die „Brückenbildung“ zwischen Mikround Makrowelt dadurch, indem anhand konkreter Situationen, der Lernende in seiner Mikrowelt die Makrowelt entdecken kann (Gagel 2000, S. 104). (Konkrete) Situationen sind somit „'Nahtstellen' zwischen Individuum und Gesellschaft“, die in ihrer Eigenschaft als Lerngegenstand den „Zugang zum Allgemeinen“ ermöglichen (Gagel 2000, S. 105). Aufgrund der besseren Orientierungsmöglichkeit des Bürgers in den gesellschaftlichen Teilbereichen seiner Alltagswelt (Deichmann 1979, S. 107) ist der Nutzen ökonomisch geprägter Lebenssituationen im Bereich der politischen Bildung belegbar.

 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften