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3.1.2.2 Die ökonomische Dimension der kategorialen Bildung im Politikunterricht

Trotz gemeinsamer Wurzeln in der kategorialen Bildung KLAFKIS und einer naturgemäß auseinandergehenden fachwissenschaftlich-inhaltlichen Ausrichtung der Kategorien unterscheidet sich das Kategoriensystem der Wirtschaftsdidaktik vom kategorialen Ansatz in der Politikdidaktik. Die bestehenden Differenzen ergeben sich vor allem in Bezug auf die jeweilige fachdidaktische Art der Anwendung.

In der Wirtschaftsdidaktik werden Gesetzmäßigkeiten, Strukturen und Zusammenhänge der Ökonomie vorgegeben (siehe Abbildung 3). Die Schüler gewinnen ihre Einsichten durch „Reduktion des ökonomischen Bildungsgutes [..] auf das Stoffallgemeine“ aufgrund vorgegebener ökonomischer „Grundstrukturen, die diesen Lehrgegenstand skelettartig durchziehen und zusammenhalten“ (May, H. 2009, S. 7). WEBER beurteilt in diesem Zusammenhang MAYS Kategorien (hier nicht abgebildet) dahingehend, als das sie „den Eindruck stark vereinfachter, zum Teil auch einseitiger Merksätze“ erwecken (Weber 2001, S. 6). Diese Kritik ist unter Heranziehung von Abbildung 3 auch auf KRUBERS Kategoriensystem übertragbar, zumal beide Systeme Kategorien vorweisen, die nahezu identisch sind (siehe auch Hedtke 2002, S. 11).

Das „Kategorien-Ensemble“ in der Politikdidaktik stellt ein Analyseinstrument dar, welches es verlangt, anhand der Kategorien, die von Fachbegriffen verkörpert werden, Schlüsselfragen an Lerngegenständen zu formulieren, mit deren Hilfe diese erschlossen werden können (Sutor 1984, S. 72).

Das heißt, während in der kategorialen Wirtschaftsdidaktik die ökonomischen Grundstrukturen vorgeben sind und diese auf Lerngegenstände übertragen werden, gewinnen die Schüler in einem kategorial orientierten Politikunterricht ihre Einsichten aufgrund von Schlüsselfragen, die anhand fachbegrifflicher Kategorien entwickelt und an einen Lerngegenstand gestellt werden. Ein solcher Freiraum existiert in der Wirtschaftsdidaktik nicht, da die gezielte Übernahme ökonomischer Perspektiven im Mittelpunkt steht. Dies ist jedoch kein Hinderungsgrund, sich einer solchen Anwendung in der politischen Bildung zu verschließen. Ein mehrperspektivischer Politikunterricht benötigt unter anderem – auch – (rein) ökonomische Sichtweisen. Dabei bietet die kategoriale Wirtschaftsdidaktik, trotz des kritisch bemerkten „einseitig merksatzartigen Gebildes“ (Weber 2001, S. 6) ihrer Kategorien, ein durchaus geeignetes Instrument, derartige Perspektiven in der politischen Bildung zu vermitteln.

„Sie (die kategoriale Wirtschaftsdidaktik; Anmerkung des Verfassers) strukturiert Wirtschaft primär nach Interpretationsmustern, die über den speziellen Bereich hinausreichen. Daraus ergibt sich ein strukturverwandtes Systemnetz für alles Wirtschaftliche, dessen didaktische Fruchtbarkeit auf der Hand liegt.“ (Dauenhauer 2000, S. 19)

Wirtschaftsdidaktische Kategorien liefern prägnante perspektivistische Anknüpfungspunkte für ökonomisches Denken im Politikunterricht. Selbstverständlich kann, soll und muss nicht das gesamte Spektrum dieser Kategorien beansprucht werden, dies würde den Rahmen für ökonomisches Denken in der politischen Bildung sprengen. Am konkreten Fall sollte jedoch auf dieses Instrument nicht verzichtet werden.

Klarstellung: Die in diesem Zusammenhang kritische Betrachtung der fachdidaktisch abweichenden Anwendung von Kategorien in der ökonomischen Bildung erfolgte nicht mit der Maßgabe, die kategorial politikdidaktische Behandlung auf die Wirtschaft zu übertragen. Die Behandlung ökonomischer Kategorien in der Wirtschaftsdidaktik unterliegt einer eigenen Logik, die in sich schlüssig und auf ihre Eigenart zielführend ist (eine rein ökonomische Perspektive). Gerade vor diesem Hintergrund spiegelt sich der Nutzen für die politikdidaktische Verwendung wider. Die Kritik an der Einseitigkeit greift in einem anderen Kontext (Indoktrination und Kontroversität), welcher ebenfalls Gegenstand dieser Abhandlung ist (siehe Abschnitt 3.3.2).

Neben der Nutzung der kategorialen Wirtschaftsdidaktik liefert das Kategoriensystem der Politikdidaktik einen eigenen Anknüpfungspunkt für die Vermittlung ökonomischer Perspektiven in einer kategorialen Bildung im Politikunterricht. Das Kategoriensystem selbst verkörpert ökonomische Dimensionen. Die Herangehensweise in der kategorial orientierten politischen Bildung verlangt es, anhand der Kategorien, Schlüsselfragen an die jeweiligen Lerngegenstände zu formulieren. Die vollständige Erschließung von Lerngegenständen darf jedoch nicht unter Ausschluss von ökonomischen Aspekten erfolgen – Ökonomie ist politischer Teilbereich (Deichmann 2004, S. 87). Inwieweit politikdidaktische Kategorien in den ökonomischen Teilbereich vordringen, soll beispielhaft an GIESECKES „Kategorien-Ensemble“ (Konflikt, Konkretheit, Macht, Recht, Interesse, Solidarität, Mitbestimmung, Funktionszusammenhang, Ideologie, Geschichtlichkeit, Menschenwürde) (Giesecke 1974, S. 159ff.) verdeutlicht werden. GIESECKE hat mit seinen elf Kategorien erstmals ein System zur politischen Konfliktanalyse vorgelegt, das auf die „wichtigsten Fragedimensionen und Teilfragen des Politikunterrichts aufmerksam“ machen soll (Sutor 1984, S. 72). Der Rückgriff auf GIESECKE erfolgt hier nicht aufgrund seiner typisch konfliktanalytischen Ausrichtung, er eignet sich, wie nachfolgend ersichtlich, vielmehr deshalb, weil die ökonomisch-politischen Verschränkungen von ihm selbst zu großem Teile geliefert werden – die Ausrichtung am Konflikt ist dabei kein Herausstellungsmerkmal.

1. Konflikt: GIESECKE führt mit der Aufstellung dieser Kategorie Konflikte auf sozio-ökonomische Ungleichheiten in der Gesellschaft zurück (Giesecke 1974, S. 179). Ökonomie wird somit als politischer Teilbereich ausgewiesen und muss in derartigen Analysen berücksichtigt werden.

2. Konkretheit: „Keine politische Situation ist mit einer anderen voll identisch.“ (Giesecke 1974, S. 179) Somit sind stets veränderte Konstellationen, welche dann auch ökonomischer Natur sein können, bei der Formulierung von Schlüsselfragen zu berücksichtigen.

3. Macht: „Es gibt die Macht staatlicher Institutionen, ökonomische Macht, die Macht des Streiks […] usw. Im politikwissenschaftlich-systematischen Sinne handelt es sich […] um höchst unterschiedliche Formen der Macht, die im Rahmen unterschiedlicher Teildisziplinen abzuhandeln wären […].“ (Giesecke 1974, S. 163)

4. Recht: Politische Entscheidungen haben sich einerseits immer in einem Rechtsrahmen zu vollziehen, andererseits wirken sie rechtschaffend. In beiden Fällen spielen ökonomische Gesichtspunkte eine Rolle: Erfolgt die politische Entscheidung im ökonomischen Rechtsrahmen oder inwieweit verändert eine politische Entscheidung den ökonomischen Rechtsrahmen?

5. Interesse: Die Interessen eines Menschen spiegeln sich wider in ihren Bedürfnissen und Wünschen (materiell sowie immateriell) (Giesecke 1974, S. 165). Bedürfnisse stellen den Ausgangspunkt wirtschaftlichen Handelns dar, sie zu verwirklichen liegt in der Natur des Menschen. Hinter jeder politischen Entscheidung stehen einzelne oder kumulierte Interessen, welche unter anderem auch auf ökonomische Bedürfnisse zurückzuführen sind.

6. Solidarität: Solidarität verkörpert bei GIESECKE eine Kategorie, die „durchgehend auf den Tatbestand des Politischen“ zielt und emotional und moralisch „beladen“ ist. Letztendlich spiegelt Solidarität subjektives Interesse der Menschen wider (Giesecke 1974, S. 166). Jedoch sind auch in Solidarität ökonomische Dimensionen verborgen. Zu denken sei beispielsweise an materielle Spenden für Hilfsorganisationen, verbunden mit der Frage: Kommt mein Geld an der richtigen Stelle an? Oder, rechtfertigt Solidarität das solidarische Verhalten von Oligopolisten bzw. das der Mitglieder in einem Kartell?

7. Mitbestimmung: Die Möglichkeit zur Mitbestimmung ist interessengeleitet (Giesecke 1974, S. 180) und verkörpert ökonomische Dimensionen, die nicht nur auf wirtschaftliche Bedürfnisse zurückzuführen sind. Ein wesentlicher Faktor der heutigen gesellschaftlichen Teilhabe wird von der Ausstattung der finanziellen Mittel (ökonomischer Macht) bestimmt.

8. Funktionszusammenhang: „In dieser Kategorie kommt sachlich wie ethisch das Ganze des politischen Zusammenlebens in den Blick.“ (Giesecke 1974,

S. 168) Das Ganze schließt den Realitätsbereich Ökonomie ein.

9. Ideologie: „Politischem Handeln liegt immer eine Vorstellung darüber zugrunde, wie das Zusammenleben der Menschen geordnet sein soll.“ (Giesecke 1974, S. 180) Das Zusammenleben der Menschen vollzieht sich in einem gesellschaftlichen Rahmen, der auch eine jeweilige Wirtschaftsordnung beinhaltet.

10. Geschichtlichkeit: WALTER beantwortet die Frage vom Sinn des wirtschaftsoder geschichtswissenschaftlichem Studiums in seiner Monographie zur Wirtschaftsgeschichte folgendermaßen: „Perspektive durch Retrospektive, respektive: keine Perspektive ohne Retrospektive. Es ist die Rede von der historischen Bedingtheit unserer Gegenwart. Geschichtskenntnis kann vor Kurzsichtigkeit schützen, kann bewahren vor der Wiederholung bereits in der Vergangenheit begangener Fehler.“ (Walter 1995, S. 3) Die ökonomische Dimension erstreckt sich mit jedem Blick in die Vergangenheit und birgt einen eigenen historischen Kontext.

11. Menschenwürde: „Der Maßstab für alles politische Handeln soll [..] das Schicksal des einzelnen Menschen sein.“ (Giesecke 1974, S. 181) Das Schicksal des einzelnen Menschen ist auch immer abhängig von seiner materiellen Existenz.

Mit der Verkörperung eigener ökonomischer Dimensionen in den politikdidaktischen Kategorien müssen konkrete Schlüsselfragen an den jeweiligen Lerngegenstand formuliert werden, die den Realitätsbereich Ökonomie umfassen. Um diesbezüglich fundierte Einsichten gewinnen zu können, erfolgt der Rückgriff auf das Kategoriensystem der Wirtschaftsdidaktik, das den expliziten Fokus der ökonomischen Realität als Ausschnitt vermitteln kann. Die praktische Verwendung beider kategorialen Ansätze in der politischen Bildung trägt dem ursprünglichen Gedanken der kategorialen Bildung in besonderem Maße Rechnung. Während SANDER zutreffend die Gleichsetzung des Begriffs des „Kategorialen“ nach KLAFKI [1] mit den Kategorien als „Fachbegriffe“ in den Konzepten der kategorialen Politikdidaktik kritisiert (Sander 2008, S. 80f.), gelingt hierbei auf dem zweiten Blick ein Brückenschlag, indem die aus den Fachbegriffen formulierten Fragen ökonomischer Natur mit dem elementaren Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie beantwortet werden können.

Innerhalb einer solchen Praxis führt kategoriales Wissen zu Erkenntnissen und Einsichten, und die Kategorien werden ihrer Funktion innerhalb der politischen Bildung gerecht:

Ÿ „Sie reduzieren die Gegenstände auf die fundamentalen Erkenntnisse und Einsichten“ (Deichmann 2004, S. 18).

Ÿ „Sie sind Suchinstrumente für geeignete Gegenstände. Das heißt: Die Kategorien werden pragmatisch aus dem Gegenstand gewonnen und dann zu Schlüsselfragen umformuliert“ (ebd.).

Folglich erfordert kategoriales Vorgehen im Politikunterricht weiterhin die Anwendung politikdidaktischer Kategorien als Suchinstrument, um Lerngegenstände mit dem Hinterfragen zu erschließen. Ergeben sich in diesem Zusammenhang ökonomische Fragen und Dimensionen, können und sollen diese mit Hilfe der Kategorien der Wirtschaftsdidaktik beantwortet bzw. beleuchtet werden. Die sich hierbei ergebenden Perspektiven sind dann als ökonomische Betrachtungsweise von der Lehrkraft herauszustellen und gegebenenfalls zu hinterfragen.

  • [1] Begriff des Kategorialen nach KLAFKI: „Wesentliches, Strukturelles, Prinzipielles, Typisches, Gesetzmäßigkeiten, übergreifende Zusammenhänge“ (Klafki 2007, S. 144)
 
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