Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Wirtschaft im Politikunterricht
< Zurück   INHALT   Weiter >

3.1.3 Sozialwissenschaftliche Bildung

„Ökonomie ist Sozialwissenschaft“ lautet der Titel der gleichnamigen Ausgabe von FREY (Frey 1990). Diese Ausgabe, die zugleich als Programm verstanden werden soll, signalisiert die Abkehr des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams in der Volkswirtschaftslehre, Ökonomie als eine durch mathematische Formeln und Gesetzmäßigkeiten gekleidete Naturwissenschaft zu betreiben und ein Menschenbild zu modellieren, welches im deutlichen Gegensatz zu den anderen Sozialund Verhaltenswissenschaften steht. Ökonomie darf in diesem Zusammenhang jedoch nicht als einzig legitime Sozialwissenschaft gesehen werden, sondern sie steht im sinnvollen Zusammenhang mit den anderen Sozialwissenschaften (Frey 1990, S. V).

Die Übertragung ökonomischer Denkweisen auf zahlreiche Zweige der Sozialwissenschaften ist mittlerweile weit verbreitet und aus wirtschaftsdidaktischer Sicht äußerst sinnvoll. Sie beschränkt das ökonomische Lernen nicht nur auf rein wirtschaftliche Aspekte sondern ermöglicht das Verstehen sämtlicher Facetten des Alltags, der Umwelt oder der Politik. In logischer Konsequenz sollte die Übertragung ökonomischer Sichtweisen ebenfalls im Rahmen der politischen Bildung eine Rolle spielen, sie vermittelt eine ökonomische Perspektive im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Perspektive. Diese ökonomische Perspektive ist und bleibt jedoch nur eine Perspektive neben den anderen.

FREY selbst sieht diesen Ansatz der Kritik des „ökonomischen Imperialismus“ [1] aus den angrenzenden Wissenschaften ausgesetzt, verteidigt diesen jedoch mit ebenbürtigen Einflussnahmen jener auf die Ökonomie (Frey 1990, S. 18). Auf die Gefahr und deren Auswirkungen des aggressiven Vordringens ökonomischer Denkweisen in den Sozialwissenschaften, bzw. des Anspruchs der Ökonomie, sämtliche Fragen und Probleme des Alltags lösen und erklären zu können, wird mehrfach hingewiesen. Ein solcher Einfluss durch „Vervolkswirtschaftlichung“ im Bereich der sozialwissenschaftlichen Bildung wurde beispielsweise von HEDTKE in Bezug auf den Lehrplan im Fach Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen identifiziert und kritisiert (Hedtke 2005b). Die Brisanz einer solchen Problematik spiegelt sich aktuell in der Kurzexpertise „Für eine bessere ökonomische Bildung“ (iböb 2010) der „Initiative für eine bessere ökonomische Bildung“ (iböb) und den daraus erwachsenen Qualitätsmerkmalen einer besseren ökonomischen Bildung, die im sozialwissenschaftlichen Einklang stehen, wider:

„Lebenswirklichkeit(en) der Schülerinnen und Schüler als zentraler Bezugspunkt ökonomischer Bildung; gesellschaftliche und individuelle Schlüsselprobleme als Relevanzkriterium ökonomischer Bildung; wissenschaftlicher, politischer und weltanschaulicher Pluralismus als Grundlage ökonomischer Bildung; Einbettung ökonomischer Fragen in gesellschaftliche, politische und kulturelle Kontexte; Mehrdimensionalität, Multiperspektivität und Kontroversität als inhaltliche Prinzipien ökonomischer Bildung; Diversität der persönlichen Ziele, Wertvorstellungen und Lebensentwürfe der Lernenden als ein Fokus ökonomischer Bildung; Befähigung der Lernenden zur Gestaltung einer lebenswerten Wirtschaft und Gesellschaft.“ (iböb 2010, S. 21)

Vor dem Hintergrund dieser Qualitätsmerkmale haben sich im Rahmen der iböb folgende Hauptkriterien herauskristallisiert (Famulla u.a. 2011, S. 52ff.):

Ÿ Problemorientierung unter dem Aspekt, „ökonomisch geprägte gesellschaftliche Problemlagen und individuelle Lebenssituationen“ zu bearbeiten (ebd.)

Ÿ Multiperspektivität und Interdisziplinarität: Einbindung ökonomischer Aspekte in ihre „gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenhänge“ (ebd.)

Ÿ Wissenschaftsorientierung und Pluralismus mit der Maßgabe, sich in der

„Lebenswelt angemessen und differenziert zu orientieren, sie zu verstehen, zu bewältigen, eigenständig zu beurteilen und zu gestalten“ (ebd.)

Ÿ wissenschaftlicher, kritischer Diskurs als Initiative für eine bessere ökonomische Bildung und als Barriere gegen eine geleitete Interessenpolitik, die den Pluralismus in der ökonomischen Bildung gefährdet (ebd.)

Diese Qualitätskriterien verkörpern die Sichtweise, die dem heutigen Wesen der politischen Bildung entspricht. Im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Bildung erweitern ökonomische Denkschemata (neben anderen) die Perspektiven im Prozess der politischen Bildung. GAGEL spricht in diesem Zusammenhang von einem „Bildungseffekt“, der das Maß der reinen Vermittlung sozialwissenschaftlicher Inhalte bei der sozialwissenschaftlichen Bildung übersteigt (Gagel 2000, S. 17). Politische Bildung, angelegt in einem Lernprozess der Bewusstseinsbildung, vollzieht sich neben einer verhaltensbezogenen politischen Bildung im engeren Sinne, parallel im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Bildung, die dem Lernenden eine Orientierung in seiner Umwelt ermöglicht (Gagel 2000, S. 25 ff.). Dieser zweigleisig angelegte Lernprozess verkörpert die wechselseitige Abhängigkeit von politischer und sozialwissenschaftlicher Bildung (Gagel 2000, S. 28), in der die Ökonomie und die damit verbundene Übernahme der ökonomischen Denkweise eine Perspektive der sozialwissenschaftlichen Bildung darstellt. Hieraus ergibt sich auch für die politische Bildung die Forderung nach Multiperspektivität, deren Postulat integraler Bestandteil des heutigen Politikunterrichts ist. Darüber hinaus ist Multiperspektivität jedoch als didaktisches Prinzip für alle sozialwissenschaftlichen Fächer zu verstehen (Loerwald 2008, S. 233f.) und kann im Rahmen dieser Bildungsprozesse folgende Formen annehmen (Loerwald 2008, S. 234f.):

Ÿ „Analyse eines sozialen Problems aus Sicht verschiedener wissenschaftlicher Positionen“ (ebd.)

Ÿ „Berücksichtigung verschiedener individueller Meinungen und akteursspezifischer Restriktionen zu einem sozialen Problem“ (ebd.)

Ÿ „Zusammenführung von individuellen und gesellschaftlichen Perspektiven auf ein soziales Problem“ (ebd.)

LOERWALD hält aller Kritik, die die Vereinbarkeit von Wirtschaftsunterricht und Multiperspektivität in Abrede stellt, entgegen, „wenn der Unterricht so gestaltet wird, dass auf dem Fundament der ökonomischen Perspektive ‚Fenster' zu anderen Disziplinen geöffnet werden“ (Loerwald 2008, S. 248).

  • [1] „Ökonomischer Imperialismus“ bezeichnet allgemein das aggressive Vordringen der Ökonomie in die Problemfelder der sozialwissenschaftlichen Nachbardisziplinen, ohne jegliche Einladung hierfür (Stigler 1984, S. 311, zitiert nach Aretz 1997, S. 79)
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften