Sein Kind lieben, wie es ist – was heißt das?

Kinder sind bekanntlich keine Engel. Sie sind stur, impulsiv und gedankenlos. Sie lügen, stehlen und hauen andere Kinder. Sie enttäuschen ihre Eltern und sind undankbar. Nur ein Zen-Meister auf der höchsten Stufe der Erleuchtung wird dabei nichts anderes als grenzenlose Liebe, Offenheit und Güte empfinden.

Das wissen auch Psychologen. Sie empfehlen daher, nicht das Kind, sondern sein Verhalten zu bewerten, nicht zu denken (oder gar zu sagen): «Ich mag mein Kind nicht», sondern: «Ich mag nicht, wie sich mein Kind benimmt.» In Momenten, in denen man sehr aufgebracht ist, liebt man sein Kind auch nicht so sehr - ein Gefühl überlagert oft das andere. Doch Gefühle sind nichts Statisches. Lieben ist deshalb immer wieder möglich. Wenn man sich das bewusst macht, kommen die Gefühle in Fluss, und die Angst, man sei unfähig, sein Kind zu lieben, löst sich in Luft auf.

Wenn sich Eltern ihre mitunter ambivalenten Gefühle eingestehen, können sie besser erkennen, was zwischen ihrem Kind und ihnen selbst abläuft und was es braucht. Werden negative Gefühle dagegen tabuisiert, verdrängt oder verleugnet, haben sie die unangenehme Eigenschaft, an anderer Stelle aufzubrechen. Das zeigt sich in Überreaktionen auf eigentlich harmlose Ausrutscher, an einer unterschwellig feindseligen und überkritischen Haltung, mit der nur noch Fehler und Defizite gesehen werden.

Kinder wollen gar nicht die ganze Zeit nur geliebt werden, sie wollen, dass man sie sieht, dass man sich mit ihnen beschäftigt und ansonsten die Macken ihrer kleinen Persönlichkeit aushält. Mit Humor und freundlicher Nachsicht und durchaus auch mal mit einem «Geh mir kurz aus dem Weg, bevor ich platze.»

Alle Gefühle, auch die unaussprechlichen, sind normal und natürlich. Und wenn man die weniger guten mit den guten Gefühlen verbindet, wird dieses einzigartige Band geknüpft, das bekanntlich allen Stürmen standhält.

 
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