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3.2 Die homo-oeconomicus-Problematik

Die Kontroversen um das Verhältnis von politischer und ökonomischer Bildung sowie um die fachliche Verortung ökonomischer Bildung gehen eng einher mit der Diskussion um das Modell des homo oeconomicus als tragfähiges Menschenbild der Ökonomie. Der folgende Teil dieses Kapitels wird das Wesen des homo oeconomicus vorstellen und, im Rahmen der Erweiterung des Perspektiventableaus für die politische Bildung, die mögliche Anwendung für die Lernprozesse im Politikunterricht kritisch hinterfragen. Die Überprüfung geht einher mit einer unterrichtspraktischen Exemplifizierung, anhand derer, neben dem Nutzen, auch das denkbare Vorgehen zur Instrumentalisierung des homo oeconomicus dargestellt werden kann.

Anmerkung: Mit Beginn dieses Abschnitts wird der Begriff der Ökonomik gebraucht. Dieser ist nicht mit Ökonomie als gesellschaftlicher Teilbereich oder im Zusammenhang mit der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre im Allgemeinen gleichzusetzen. Ökonomik stellt einen eigenen Forschungsstrang dar, der anfangs zwar in den Wirtschaftswissenschaften verortet war, sich mittlerweile über die Politikwissenschaft und Soziologie in den Geisteswissenschaften weit verbreitet hat (Reckling 2002, S. 12f.). Ökonomik „ist ein methodologischer Ansatz zur Erklärung aller Varianten menschlichen Verhaltens, der sich auf die Axiome der neoklassischen Ökonomie bzw. der modernen Mikroökonomie stützt. Die Bezeichnung Ökonomik ist im Wesentlichen identisch mit dem, was auch als

‚Rational Choice' […] bekannt ist“ (Reckling 2002, S. 13).

3.2.1 Das Modell des homo oeconomicus

Die Vorstellung des Modells homo oeconomicus beginnt damit, sich den Charakter ökonomischer Modelle im Allgemeinen zu vergegenwärtigen. Dies erfolgt unter Rückgriff auf HEDTKE und seine Ausführungen auf die Frage nach dem „Wozu?“ von Modellen in der Ökonomie:

„Wer seine Freizeit mit Modellbau verbringt, ob mit Schiffen, Flugzeugen oder Eisenbahnen, versucht, die Realität möglichst detailgetreu, nur in kleinerem Maßstab wiederzugeben. Ein gelungenes Schiffsmodell sieht bis ins kleinste Detail genau so aus wie das reale Vorbild – jedenfalls von außen betrachtet. Ökonomen bauen mehrheitlich Modelle anderer Art. Mit ihren Modellen versuchen sie, die hochkomplexe wirtschaftliche Realität möglichst weitgehend zu vereinfachen. Sie wollen nur das aus der Realität abbilden, was sie als unbedingt notwendig betrachten, um eine Situation oder einen Vorgang zu analysieren. […] Ökonomen beurteilen die Qualität eines Modells vor allem danach, ob es in diesem Sinne „sparsam“ ist und ob man es formal mathematisch darstellen kann. Die meisten fügen einen dritten Qualitätsmaßstab hinzu: Kann man mit dem Modell das durchschnittliche Verhalten richtig prognostizieren?“ (Hedtke 2008b, S. 34, Quelle 10)

Der homo oeconomicus ist ein ökonomisches Akteursmodell, mit dessen Hilfe sich das menschliche Verhalten des Einzelnen, angewandt auf alle Rollen von Akteuren, abbilden lässt. Er handelt dabei stets eigennützig, rational und nutzenmaximierend. Aufgrund dieser Verhaltensannahmen wird der homo oeconomicus zu einem umstrittenen Menschenbild, zu dessen Kritikern auch Ökonomen zählen – „er sei ein Zerrbild, das der Komplexität des menschlichen Handelns nicht gerecht würde“ (Frey 1990, S. 20). Ein derartig vereinfachtes Modell menschlichen Verhaltens muss sich einer zerschmetternden Kritik, allein schon aus gesundem Menschenverstand heraus, ausgesetzt sehen. Die Tatsache, dass Menschen Gutes tun, ohne dabei nur an sich zu denken, bzw. mit anderen Menschen mitfühlen und denen selbstlos helfen, widerspricht den Annahmen von Eigennutz und Nutzenmaximierung. Es liegt auch sehr nahe, dass kaum ein Mensch in der Lage ist per se rational zu handeln. Dies würde bedeuten, dass Menschen sämtliche Möglichkeiten und das Ausmaß ihrer Wahlentscheidungen überschauen können, sämtliche Prognosen wären zutreffend, und der Mensch wäre ein fehlerfreies Wesen.

Ansatzpunkte, die die Aussagekraft des Modells des homo oeconomicus sowohl argumentativ als auch korrektiv unterstützen, liefern unter anderem die Vertreter der modernen Institutionenökonomik. Dieser Tatbestand wird später in dem entsprechenden Abschnitt dieser Schrift im Detail belegt – an dieser Stelle wird in Bezug auf den homo oeconomicus vorgegriffen:

„Eigennütziges Verhalten zu unterstellen ist verlässlich; daß die Menschen ihren eigenen Vorteil wahrnehmen ist in aller Regel zu erwarten.“ (Frey 1990, S. 6)

„Die meisten sind eigennützig, während nur wenige gutoder bösartig sind.“ (ebd.)

Eigennutz ist auch nicht mit Egoismus zu verwechseln. Somit stehen sich Eigennutz und Moral nicht per se konträr gegenüber, was KRUBER mit dem Beispiel untersetzt, dass mit Betrügern, trotz eventueller Vorteile, auf Dauer keine Geschäfte gemacht werden (Kruber 2000, S. 290). Eigennütziges Verhalten schließt auch die Berücksichtigung der Wohlfahrt anderer nicht aus. KIRSCH belegt dies anhand von zwei Argumenten, warum ein Mensch beispielsweise Hungernden in der Welt Geld spendet (Kirsch 2004, S. 6):

Ÿ Im ersten Fall berührt den Spender das Leid der Hungernden, und er spendet aus dem Grund, weil es ihm durch die Spende besser geht.

Ÿ Im zweiten Fall befürchtet der Spender ansteigende Flüchtlingsströme für Europa, und er spendet, um der Abwanderung der Hungerenden und dem damit verbunden Risiko (Kosten, Steuern, Gewalt) zu begegnen.

Auch im Hinblick auf das unterstellte rationale Verhalten des homo oeconomicus

liefert KIRSCH eine präzisierende Antwort:

„Die Grundannahme des Rational Choice besteht darin, dass ein Mensch, wenn er zwischen zwei oder mehreren Alternativen zu wählen hat, sich für jene entscheidet, die ihm am meisten zusagt. Damit ist weder ausdrücklich gesagt noch stillschweigend impliziert, dass seine Entscheidung wirklich jene ist, die er getroffen hätte, wenn er gewusst hätte, ‚was wirklich gut für ihn ist'.“ (Kirsch 2004, S. 6)

Diese Form der Rationalität beim homo oeconomicus fußt auf SIMONS Postulat zur begrenzten Rationalität (Simon 1955, S. 113), bei der das Wirtschaftssubjekt als „handelnder Organismus mit begrenzten Wissen und Fähigkeiten“ gesehen wird (Simon 1955, S. 114).

Anmerkung: Mit der Etablierung der Neuen Politischen Ökonomie (Public Choice) als Fachdisziplin der modernen Institutionenökonomik und der in diesem Zusammenhang geteilten Auffassungen von Eigennutz und begrenzter Rationalität muss konstatiert werden, dass der homo oeconomicus seine 'angeborenen' Eigenschaften als „Schreckensmann“ (Weise 1989) verloren hat.

 
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