Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Pädagogik arrow Wirtschaft im Politikunterricht
< Zurück   INHALT   Weiter >

3.3.2.1 Überwältigungsverbot

Ökonomische Bildung darf nicht indoktrinieren. Dieses Postulat gilt unausweichlich für die Behandlung ökonomischer Aspekte im Politikunterricht und die damit verbundenen Lernperspektiven, die die Ökonomie als gesellschaftlichen Teilbereich klassifizieren. Indoktrination sollte jedoch auch in einem Wirtschaftsunterricht, der ökonomische Bildung als Bestandteil der Allgemeinbildung behandelt, fremd sein – erkennbar am Leitbild der ökonomischen Bildung, dem mündigen Wirtschaftsbürger. Hierfür sprechen sich deutlich Vertreter der ökonomischen Bildung aus (z.B. Dubs 2001, S. 4 oder Kaminski 2009, S. 557):

Ökonomische Bildung „muss die Lernenden befähigen, zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen im freien Urteil zu einer eigenen, begründbaren Meinung zu gelangen, die nicht nur der politischen und wirtschaftlichen Sachlogik folgt, sondern im Sinne einer integrierten Wirtschaftsethik reflektiert ist“ (Dubs 2001, S. 4).

Dennoch sprechen Vertreter der ökonomischen Bildung mitunter eine andere Sprache, wenn es um übergeordnete Ziele wirtschaftlicher Bildung geht:

„Von einer besseren wirtschaftlichen Bildung erhofft man sich eine positivere Einstellung zur Wirtschaftsordnung, zu Globalisierungsprozessen und -folgen, eine größere Aufgeschlossenheit für gesellschaftliche Reformen, eine höhere individuelle Anpassungsbereitschaft und mehr Eigenund Mitverantwortung. […] Durch sie sollen die Jugendlichen die wohlstandsteigernde Funktion der (sozialen) Marktwirtschaft und der internationalen Arbeitsteilung (Internationaler Wettbewerb, Globalisierung), die Bedingungen der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und der deutschen Wirtschaft und Notwendigkeiten sowie Möglichkeiten der Gestaltung von Rahmenbedingungen erkennen, die die Wettbewerbsfähigkeit fördern und soziale Gerechtigkeit beachten. […] Damit ist auch die Hoffnung verbunden, dass die Einsicht in die Anpassungszwänge der Wirtschaft an sich ständig ändernde Wettbewerbsbedingungen die Anpassungsbereitschaft der Individuen, ihre Flexibilitäts-, Mobilitätsund Weiterbildungsbereitschaft erhöht, dass diese darüber hinaus zunehmend bereit werden, mehr Eigenverantwortung für ihre wirtschaftliche und soziale Lage zu übernehmen und ihre Erwartungen an den Sozialstaat zurückschrauben.“ (Kahsnitz 2005, S. 7ff.)

Eine derartig ausgerichtete ökonomische Bildung steht im Widerspruch zum Überwältigungsverbot, da hier beispielsweise sowohl übergeordnete unternehmensnahe als auch politische Zielsetzungen zu identifizieren sind. Ein solcher Unterricht würde dann einerseits vor allem mit der Maßgabe geführt, anpassungsfähige, arbeitgebergesteuerte Arbeitnehmer zu erziehen, die sich willenlos den Zwängen der Wirtschaft, des Wettbewerbs und der Globalisierung unterwerfen, andererseits wird hier auch auf eine bestimmte politische Einstellung mit Blick auf die Ausgestaltung des Sozialstaatsprinzips gezielt (Eigenverantwortung vs. Sozialstaat). [1] Die Verkörperung dieser indoktrinierenden Standpunkte zur ökonomischen Bildung ist für Politikunterricht (aber auch für Wirtschaftsunterricht) nicht tragbar. [2]

Ein weiterer Reibungspunkt hinsichtlich des Überwältigungsverbotes in der ökonomischen Bildung erwächst aus dem Kategoriensystem der Wirtschaftsdidaktik. Wie in Abschnitt 3.1.2.2 unter Rückgriff auf das Kategoriensystem von KRUBER bereits angeführt, werden in der Wirtschaftsdidaktik Gesetzmäßigkeiten, Strukturen und Zusammenhänge der Ökonomie vorgegeben, so dass die Schülerinnen und Schüler ihre Einsichten durch „Reduktion des ökonomischen Bildungsgutes [..] auf das Stoffallgemeine“ (May, H. 2009, S. 7) erzielen. Ein Freiraum bei der Übernahme gezielter ökonomischer Perspektiven ist aufgrund vorgegebener ökonomischer Grundstrukturen nicht existent. Um unter Anwendung ökonomischer Kategorien sowohl im Politikals auch im Wirtschaftsunterricht also nicht gegen das Überwältigungsverbot zu verstoßen, sind diese Kategorien den Schülerinnen und Schülern als rein ökonomische Perspektive kenntlich zu machen. Diese Vorgehensweise ist nicht nur für die Verwendung ökonomischer Kategorien legitim, sondern ist auch dann zu wählen, wenn einseitige ökonomische Perspektiven einen besonderen Fokus erzeugen sollen (Hedtke 2002a, S. 175).

Folglich bleibt festzuhalten, dass ein Unterricht, der (mündige) Schülerinnen und Schüler nicht für „individuelle gesellschaftspolitische Zielsetzungen“ (Kaminski 2009, S. 557) missbraucht und in dem einseitige Perspektiven als solche gekennzeichnet, und diese gegebenenfalls um weitere ergänzt werden, stets mit dem Überwältigungsverbot des BEUTELSBACHER KONSENSES im Einklang steht. Die Erziehung von Schülerinnen und Schülern zur Mündigkeit ist die gleichzeitige Absage an jegliche Formen einer Überwältigung in allen Fächern. Ökonomische Bildung, auch über den Politikunterricht hinaus (integrierte ökonomische Bildung), muss nicht zwangsläufig indoktrinieren, wenn deren Didaktikerinnen und Didaktiker sowie Lehrerinnen und Lehrer die Elemente des BEUTELSBACHER KONSENSES verinnerlichen. Eine ökonomische Bildung, die sich multiperspektivisch an den Grundwerten von Freiheit und Wettbewerb orientiert (Hedtke 2008c, S. 202) bzw. einseitige Perspektiven als besonderen Fokus für den Lernprozess wählt und diesen als solchen kennzeichnet (Hedtke 2002a, S. 175), ist von vornherein frei von Überwältigungsversuchen gegenüber Lernenden – Indoktrination liegt hier außerhalb der Natur der Sache.

  • [1] Indoktrinationsversuche sind von jedweder gesellschaftlichen Seite (wie z.B. Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Parteien) zu verurteilen (Hedtke 2002a, S. 175).
  • [2] BÜNGER/PONGRATZ beziehen ebenfalls Stellung zu Auszügen dieser ebenda genannten Sichtweise ökonomischer Bildung (Kahsnitz 2005, S. 7ff.) und klassifizieren hierbei die Ausrichtung an „dominanten gesellschaftspolitischen Interessen“ (Bünger/Pongratz 2008, S. 12).
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften