Unter freiem Himmel – warum ist spielen in der Natur so wichtig?

Anders als auf Spielplätzen ist in der Natur nichts vorgegeben. Hier kann die Fantasie auf Entdeckungsreise gehen und die Welt neu gestalten. Aus Zweigen, Steinen, Matsch entsteht im Bachlauf ein kleiner Damm, Tannenzapfen verwandeln sich in Zwergenkinder, eine Handvoll Schnee in eine Zauberkugel. Ein paar Stunden unter freiem Himmel ohne Autos und ohne Steckdose machen den Kopf klar, die Sinne hellwach. Besser als jede Kletterwand trainiert die Bewegung in der Natur Grob- und Feinmotorik, nichts ist so kreativ und lustvoll wie das freie, ungezwungene Spiel mit Ästen und Blättern, Erde, Sand, Wind und Wasser. Für das Gefühl, hoch oben in einem

Baumwipfel zu schaukeln, gibt es keinen Ersatz, nur wenig entspricht der Mischung aus Furcht, Stolz und Glück, wenn man es bis ganz oben geschafft hat. Draußen werden wildere, vielleicht sogar gefährliche Spiele gespielt. Die Natur ist selbst in den vertrauten Kulturlandschaften nicht nur eine heile Idylle, sondern auch unberechenbar und rau, sie fordert Respekt, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit. Man muss lernen, auf sich aufzupassen.

Beim freien, unstrukturierten Spiel unter freiem Himmel erfahren Kinder, dass sie auch ein Teil dieser Natur sind. Dass die Natur kein Labor ist, das Rohstoffe und Lebensmittel liefert, sondern die Quelle des Lebens, und deshalb geschützt werden muss. Die Begegnung mit der Natur macht Kinder zu lebendigen selbstsicheren, beweglichen und wirklichkeitsnahen Persönlichkeiten.

Deshalb: bloß nicht das Ganze zur Schulstunde verkommen lassen! Wie man eine Birke von einer Buche unterscheidet, Wolken und die sanfte Fältelung einer Düne liest, lernen Kinder schon noch - ganz nebenbei. Auch, was es mit Artensterben, Klimawandel und Treibhausgasen auf sich hat. In der Natur geht es um die reine Freude am Sein, sich selbst mit jeder Faser zu spüren. Um das Glück, auf einer Bergwiese tatsächlich die leuchtende Sonne einer Silberdistel entdeckt zu haben.

Das «undisziplinierte Glück», wie der Schriftsteller Walter Benjamin die ausgelassenen, scheinbar unsinnigen Spiele (nicht nur draußen) nannte, die Freiheit mit ihren kleinen Abenteuern und den von den Erwachsenen nicht entdeckten Grenzüberschreitungen - all das macht Kinder im Kern erst erlebnisfähig. Leider gibt es nur noch wenig Raum und Zeit für dieses Kindervorrecht auf totale Zweckfreiheit. Der offizielle, pädagogisch verordnete Schweine- und Matsch-Tag im Kindergarten, an dem sich Kinder durch nassen Sand und Schlamm wälzen und mit Fingern essen sollen, ist keine schlechte Idee, aber auch kein wirklicher Ersatz.

Leider spielen immer weniger Kinder draußen. 1990 verbrachten noch gut drei Viertel aller Kinder zwischen sechs und dreizehn den größten Teil ihrer Freizeit im Freien, 2003 nur noch die Hälfte, und der Abwärtstrend hält an, auch bei Kindern, die die Natur vor der Tür haben oder den Stadtpark zu Fuß erreichen können. Der Verkehr ist eine Erklärung, eine andere die wachsende Besorgnis von Eltern. Unter anderem hat sie dazu geführt, dass draußen spielen heute heißt: Spielen unter Supervision eines Erwachsenen an TÜV-geprüften Geräten, unter denen dicke Fallschutzmatten liegen. Eine hervorstehende Schraube, ein angefaulter Stamm, über den man so toll balancieren konnte - schon wird der Abenteuerspielplatz wegen Lebensgefahr geschlossen. Dabei verletzen sich weit mehr Kinder beim Sturz aus dem Bett als draußen beim Spielen. Ein Restrisiko muss bleiben, sonst ist es kein richtiges Spielen. Kinder müssen und wollen Gefahren und die eigenen Grenzen ausloten dürfen, und dazu gehören eben auch Schrammen, Beulen, vielleicht sogar mal ein Beinbruch. Der heilt viel schneller als eine Angststörung.

 
Quelle
< Zurück   INHALT   Quelle   Weiter >