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4.2 Institutionenökonomik und politische Bildung

Die Integration institutionenökonomischer Aspekte in den Lernprozess der politischen Bildung beginnt zunächst damit, im Rahmen analytischer Vorbetrachtungen geeignete Schnittstellen zur Politikdidaktik ausfindig zu machen. Vor dem Hintergrund der in der politikdidaktischen Lehre verwurzelten Institutionenkunde wurde ein geeigneter „Türöffner“ für die Einbeziehung institutionenökonomischer Aspekte in die politische Bildung gefunden. Der vorliegende Abschnitt illustriert zunächst die Grundzüge des institutionenkundlichen Ansatzes in der politischen Bildung, mit dem Blick darauf, die Institutionenökonomik als Bestandteil der Institutionenkunde in der politischen Bildung fachdidaktisch auszuweisen. Im Anschluss daran werden vereinende Denkschemata dargestellt, die es erlauben, institutionenökonomische Perspektiven in die Lernprozesse der politischen Bildung einzubeziehen.

4.2.1 Institutionenkunde als fachdidaktischer Anknüpfungspunkt

„Soll mit Hilfe der Orientierung an sozialen/politischen Problemen die politische Realität […] erfaßt werden, so besteht die Notwendigkeit, die Dimension sozialer/politischer Institutionen in den politischen Lernprozess einzubeziehen.“ (Deichmann 1981, S. 121) Institutionenkunde ist ein notwendiger Bestandteil der politischen Bildungsarbeit (Grammes 1994, S. 174).

„Institutionenfrei […] ist Politik nicht zu haben. Und das ‚Ja' zur Demokratie ist immer zugleich ein ‚Ja' zum verfaßten Staat. Zu Institutionen mit Zuständigkeiten, Kompetenzen und Verfahren. Dies schließt Kritik am Handeln von politischen und gesellschaftlichen Institutionen ausdrücklich ein. […] Ein aufgeklärter und zugleich aufklärender Institutionalismus muß über die phänomenologische Deskription hinaus zur Erklärung politischer Prozesse und politischen Verhaltens beitragen, und er muß sich vor allem in der Auseinandersetzung mit konkreten institutionellen Lösungsbeiträgen zu den Problemen der Zeit bewähren.“ (Sarcinelli 1991, S. 53)

Derart verstandene Institutionenkunde, eine Institutionenkunde die darauf abzielt, mittels eines Brückenschlages die Distanz zwischen politischen Institutionen und der Alltagswelt zu verringern (Deichmann 1999, S. 232), muss gleichsam institutionenökonomische Aspekte und die damit verbundenen Perspektiven in der politischen Bildung beinhalten.

Politische Institutionen gelten in der Alltagswahrnehmung als „undurchschaubar, abstrakt und fern“ (Grammes 1994, S. 183). [1] Mit einer Absage an den „alten“ Institutionalismus in der politischen Bildung begegnet man der Kritik an einer „unprofessionellen“ Institutionenkunde, welche Institutionen einseitig als Unterrichtsgegenstand behandelt und dabei lediglich die normative Dimension und den damit verbundenen Charakter ihrer rechtlichen Regelung beleuchtet (Deichmann 1999, S. 231f.). Die Konfrontation eines so vermittelten Institutionenwissens mit der Realität des Alltags führt zu einer weiteren „Form der Institutionenkritik mit dem Tenor ›Nichts funktioniert so, wie es im Sinne der normativen Regelungen funktionieren sollte!‹ Daher sei ›alles nur leeres Gerede und schöner Schein‹“ (Grammes 1994, S. 174).

Die Novellierung der Institutionenkunde in der politischen Bildung richtet sich an den Defiziten des alten Institutionalismus aus (Deichmann 1999, S. 232). Hierbei orientiert sich die mehrdimensionale Institutionenkunde am Konzept der mehrdimensionalen politischen/sozialen Realität (Deichmann 1996, S. 17), in deren Rahmen sich Realität auf folgende Dimensionen erstreckt (Deichmann 1996, S. 17ff. sowie Deichmann 2013, S. 87f.):

Ÿ Subjektive und intersubjektive Dimension in Form subjektiver/gesellschaftlicher Probleme (Einstellungen, Interessen, Bedürfnisse, Ideen, Alltagswissen, Sinninterpretationen, Erfahrungen, Widersprüchlichkeiten, Orientierung am Handeln anderer, Unterschiedlichkeit)

Ÿ Dimension der gesellschaftlichen und politischen Objektivation in Form von Interaktionen/Institutionen/Machtund Herrschaftsbeziehungen sowie Institutionalisierungen der Alltagswelt: „[I]n ihnen schlagen sich Interessen von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen nieder“ (Deichmann 2013, S. 87), die durch Interaktionen zwischen Individuen, Gruppen und Handlungsträgern im Zeitablauf entstanden sind

Ÿ Dimension der regulativen Ideen als Legitimationsgrundlage des sozialen/ politischen Handelns sowie sozialer/politischer Institutionen (Bindeglied

„zwischen den Grundwerten einer politischen Ordnung und den konkreten politischen Regelungen“ (Deichmann 2004, S. 232) in Bezug auf Vorstellungen zu Freiheit, Gleichheit, Toleranz oder Gerechtigkeit)

Die derartige Beschreibung der politischen/sozialen Realität ermöglicht damit die Strukturierung und Problematisierung von Unterrichtsgegenständen, indem die ausgewiesenen Dimensionen, insbesondere ihre Interdependenzen, für konkrete Unterrichtsgegenstände fokussiert werden können (Deichmann 2013, S. 88f.).

„Denn die verschiedenen Dimensionen stehen in einer Interdependenz: Politiker und Völker lassen sich von bestimmten Ideen leiten […]; den Institutionen liegen bestimmte Vorstellungen zugrunde […]; die Institutionen einer Gesellschaft können umgekehrt unter der Fragestellung betrachtet werden, inwiefern sich in ihnen bestimmte subjektive Interessen niederschlagen oder in welcher Weise gesellschaftliche Probleme aufgenommen werden […].“ (Deichmann 2013, S. 89)

Mehrdimensionale Institutionenkunde beansprucht in dieser/unserer institutionalisierten Welt unter anderem politisches Deutungsund Ordnungswissen, welches in „Institutionenund Prozesswissen sowie in Regelwissen ausdifferenziert werden kann“ (ebd.). Eine damit notwendige Einbeziehung institutionenökonomischer Aspekte stellt sich in diesem Zusammenhang folgendermaßen dar:

Institutionen, ihre Entstehung und Gestaltung, ihr Wesen und ihre Wahrnehmung sowie ihre Interdependenzen und Wirkungen im politischen Prozess befinden sich immer auch in einem eigenen ökonomischen Kontext. Folglich erfordert umfassendes institutionenkundliches Wissen/Lernen die Berücksichtigung der ökonomischen Sphäre (des Ökonomischen) von Institutionen.

Gerade vor dem Hintergrund problemorientierter Unterrichtskonzepte genügt jedoch nicht nur die formale Einbeziehung institutionenkundlichen Wissens, sondern es bedarf vielmehr einer Strategie, die Distanz zwischen Alltagswelt und Politik mittels geeigneter Bezüge zueinander zu entschlüsseln. Ein solches Vorgehen verlangt die Berücksichtigung von drei didaktischen Ebenen (Deichmann 2013, S. 90f.):

Erste didaktische Ebene: Erleben von Institutionalisierung/Institutionen/soziale Perspektivenübernahme; emotionale Brücke zwischen Alltagswelt und politischen Institutionen.

Zweite didaktische Ebene: Analyse von Machtund Herrschaftsaspekten sowie der Interessenrealisierung in Institutionen/Beurteilung des Verhältnisses von regulativen Ideen zu Alltagsweltregeln; rationale Brücke zwischen Alltagswelt und politischen Institutionen.

Dritte didaktische Ebene: Bestimmung der politischen Dimension der Alltagswelt als ein Aspekt der politischen Ordnung und des historischen Prozesses.“ (ebd.)

Mit Blick auf die zweite didaktische Ebene wird hierbei besonders deutlich, dass institutionenökonomische Perspektiven im Rahmen der dementsprechenden

„Analyse von Machtund Herrschaftsaspekten sowie der Interessenrealisierung in Institutionen“ (ebd.) eine Bereicherung darstellen und damit die „rationale Brücke zwischen Alltagswelt und politischen Institutionen“ (ebd.) mustergültig bedienen können.

Die Notwendigkeit der Berücksichtigung institutionenökonomischer Perspektiven in der politischen Bildung lässt sich im Weiteren wie folgt spezifizieren:

1. Die mehrdimensionale Betrachtung der politischen/sozialen Realität fordert die Einbeziehung des ökonomischen Teilbereichs. Ein Politikunterricht, der über „die Dimension sozialer/politischer Institutionen […] Kenntnisse über die Struktur der Gesellschaft“ vermitteln soll (Deichmann 1981, S. 121), muss sich an den sozialen, kulturellen und ökonomischen Teilsystemen, einschließlich deren Institutionen, orientieren (Deichmann 1981, S. 148).

„Ausgangspunkt ist bei der Auswahl des entsprechenden Problems die Frage, inwieweit die fundamentale Bedeutung der ökonomischen Struktur für die Alltagswelt der in den ökonomischen Institutionen Handelnden und der von ökonomischen Entscheidungen betroffenen Bürger einsehbar wird und welches Verhalten sich von dieser Einsicht ableiten muß.“ (Deichmann 1981, S. 164) Die Berücksichtigung des ökonomischen Teilbereichs einschließlich seiner Institutionen verlangt zu dessen umfassender Analyse und Beurteilung multiperspektivische Instrumentarien, die den ureigenen Gesetzmäßigkeiten gerecht werden können. Die Institutionenökonomik stellt sich als ein solches Instrument heraus. Aufgrund ihres spezifischen Blickwinkels (auch) auf politische Institutionen eröffnet die institutionenökonomische Lehre einen zusätzlichen Fokus auf ein und denselben Untersuchungsgegenstand in der politischen Bildung und kann als „Gelenkstelle“ fungieren. Die Verschränkung von Politik und Ökonomie im gesellschaftlichen Spektrum mündet in der gemeinsamen Betrachtung von Institutionen aus beiden Perspektiven heraus.

2. Die Institutionenökonomik liefert den Beweis dafür, dass sich sowohl Politik als auch deren Institutionen selbst in einem eigenen ökonomischen Rahmen vollziehen. Hierbei geht es einerseits um die bisher in der politischen Bildung durchaus beachteten ökonomischen Inhalte (policy) von Politik (Wirtschaftspolitik, Wirtschaftsordnungen, Arbeitsmarktpolitik, Sozialpolitik usw.), andererseits aber auch darum, dass Politik/politische Institutionen in Form (polity) und Prozess (politics) eigenen (institutionen-) ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterliegen.

3. Werden im Rahmen der politischen Analyse in diesem Zuge die drei Dimensionen des Politischen (Inhalt/policy, Prozess/politics, Form/polity) aufgegriffen, können und müssen mögliche Schlüsselbegriffe/-fragen zur Untersuchung dieser Dimensionen (Breit/Frech 2010, S. 18ff.) zur Institutionenkunde und damit direkt zur Anwendung institutionenökonomischer Lehren führen:

a. Die Untersuchung eines politischen Problems (Inhalt/policy):

Politische Probleme können institutioneller Natur sein. Dieser Umstand besteht beispielsweise bei jedem neuen Gesetz, der Schaffung politischer Instanzen oder der Änderung von Abstimmungsregeln. Derartige Probleme anhand von Schlüsselbegriffen wie zum Beispiel Ursachen, Folgen, Lösungen und Nebenwirkungen (Breit/Frech 2010, S. 18) umfänglich zu analysieren, verlangt nach institutionenökonomischen Perspektiven (z.B. Transaktionskosten, Verfügungsrechte, Vertragsbeziehungen, Verhalten der Akteure).

b. Die Untersuchung einer politischen Auseinandersetzung (Prozess/politics):

Es besteht kein Zweifel darin, dass politische Prozesse institutionellen Mustern unterliegen. Neben der allgemeinen institutionenkundlichen Betrachtung solcher Arrangements verkörpert keine andere Dimension des Politischen eine derartig institutionenökonomische Prägung wie die der Untersuchung des politischen Prozesses. Schlüsselbegriffe wie Akteure, Interessen, Macht, Herrschaft, Einfluss usw. (Breit/Frech 2010, S. 19) sind institutionenökonomische Untersuchungsgegenstände par excellence, denen sich vor allem die Neue Politische Ökonomie mit der Erforschung der Verhaltensannahmen der am politischen Prozess beteiligten Akteure verschrieben hat.

c. Die Untersuchung des politischen Handlungsrahmens (Form/polity): Institution/Organisation, Aufgaben, Aufbau etc. (Breit/Frech 2010, S. 20) sind zentrale Schlüsselbegriffe zur Analyse des politischen Handlungsrahmens. Deren Erschließung spiegelt das Hauptanliegen der Institutionenkunde wieder. Auch hierbei rücken institutionenökonomische Aspekte in den Mittelpunkt, wenn zum Beispiel Institutionen, die einen politischen Handlungsrahmen repräsentieren, auf deren beteiligte Akteure untersucht werden. Diese Abhängigkeit solcher Perspektiven wird mit weiteren Schlüsselbegriffen wie Funktion, Abhängigkeit und Verflechtung, Kontrolle (ebd.) zusätzlich untermauert. Eine (institutionenkundliche) Untersuchung des politischen Handlungsrahmens ist ohne den besonderen Fokus der Institutionenökonomik nicht vollumfänglich abzuschließen.

Diese vorgetragenen Argumente verdeutlichen hierbei nicht nur die Möglichkeit, institutionenökonomische Perspektiven im Rahmen des institutionenkundlichen Lernens zu berücksichtigen, vielmehr belegen sie darüber hinaus deren Notwendigkeit. Mit der Instrumentalisierung der Institutionenökonomik steht sowohl für die politische Bildung im Allgemeinen als auch für das institutionenkundliche Lernen im Besonderen ein zusätzliches Werkzeug (Erweiterung des Perspektiventableaus) zur Verfügung. Die anfängliche Intention, die mehrdimensionale Institutionenkunde als geeigneten „Türöffner“ für institutionenökonomische Perspektiven in der politischen Bildung zu nutzen, muss in diesem Zusammenhang aufgewertet werden – der Tenor der mehrdimensionalen Institutionenkunde ist als „unausgesprochene Einladung“ für ein gemeinsames Anliegen zu verstehen. Hinter diesem Anliegen verbergen sich Fragen nach dem Sinn von Institutionen, Fragen nach deren Interessenund Herrschaftscharakter und deren Analyse in Bezug auf politische Prozesse und Inhalte (Massing 2005, S. 318f.), welche nicht losgelöst von institutionenökonomischen Aspekten in der politischen Bildung betrachtet werden können. Hierdurch ergibt sich das politikdidaktische Interesse, mittels institutionenökonomischer Perspektiven im Rahmen des institutionenkundlichen Lernens die politische Analyse und Urteilsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu verbessern.

Bevor jedoch institutionenökonomische Perspektiven in die politische Bildung einbezogen werden können, ist es für einen gemeinsamen Fokus notwendig, vereinende Denkschemata zu modellieren. Der Aufbau und die Auswahl solcher erfolgen im interdisziplinären Austausch.

  • [1] „Der Bürger verbindet mit ihnen Ohnmachtserlebnisse, Entfremdungsvorstellungen. In allen quantitativen Umfragen unter Bürgern finden Items wie "Politik ist oft so kompliziert, daß ich nicht weiß, was da eigentlich vorgeht" eine hohe Zustimmung.“ (Grammes 1994, S. 183)
 
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