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4.2.2 Institutionen/Institutionalisierung – vereinende Denkschemata für die politische Bildung

Institutionenkundliches Lernen und die gleichzeitige Berücksichtigung institutionenökonomischer Aspekte in der politischen Bildung verlangen zunächst nach der Erfassung eines vereinten Institutionenbegriffs. Auf Seiten der Politikwissenschaft beruft man sich wiederkehrend auf eine Definition von GÖHLER (u.a. Gagel 1989, S. 395 oder Grammes 1994, S. 172). Hiernach werden Institutionen im engeren Sinne (Staat mit Regierung, Parlament, Verwaltung, Gerichte, föderative und kommunale Einrichtungen) von Institutionen im weiteren Sinne (gesellschaftliche Organisationen, Parteien, Verbände, verbindliche und rechtlich normierte Verhaltensmuster wie z.B. Verfassung, Gesetze, Wahlen und deren Regeln) unterschieden (Göhler 1987, S. 18). Sowohl die unter Punkt 4.1 einführende Definition zum Institutionenbegriff [1] als auch KAMINSKIS Systematik [2] bieten für eine Verwendung in der politischen Bildung ein geeignetes und allgemein gehaltenes Fundament, welches mit NORTHS Definitionsmuster ausgebaut werden soll:

„Unter Institutionen verstehen wir jegliche Art von Beschränkungen, die Menschen zur Gestaltung menschlicher Interaktion ersinnen.“ (North 1990/92, S. 4) Hierzu gehören sowohl formelle Beschränkungen, wie das Recht und Gesetz, als auch formlose Beschränkungen, wie Gepflogenheiten oder Verhaltenskodizes (ebd.). „Dementsprechend gestalten sie die Anreize im zwischenmenschlichen Tausch, sei dieser politischer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Art. Institutioneller Wandel bestimmt die Art und Weise der Entwicklung von Gesellschaften über die Zeit […].“ (North 1990/92, S. 3)

In einem nächsten Schritt unterscheidet NORTH jedoch zwischen Institutionen und Organisationen:

„Ebenso wie Institutionen bringen Organisationen Ordnung in menschliche Interaktion. […] Was begrifflich genau zu trennen ist, sind Spielregeln und Spieler. […] Unter den Begriff der Organisation fallen Körperschaften (politische Parteien, der Senat, ein Stadtrat, eine Verwaltungsbehörde), Rechtspersonen des Wirtschaftslebens […] und Anstalten des Bildungswesens. Es handelt sich um Gruppen von Einzelpersonen, die ein gemeinsamer Zweck, die Erreichung eines Ziels, verbindet. […]

Sowohl die Tatsache, welche Organisationen ins Leben gerufen werden, als auch die Frage, wie sie sich fortentwickeln, hängt wesentlich von den institutionellen Rahmenbedingungen ab.“ (North 1990/92, S. 5)

Diese Trennung von Institutionen und Organisationen stellt jedoch für den ersonnenen Bildungserfolg ein Gefährdungspotential dar. [3] Das Bestreben nach einem zielführenden einheitlichen Denkmuster darf an dieser Stelle nicht in einem institutionentheoretischen Verwirrspiel enden. Gleichwohl verbirgt sich hinter NORTHS Definitionsmuster das geeignete Denkschema, welches, abgesehen von der definitorischen Trennung zwischen Institutionen und Organisationen, Institutionen als Ergebnis eines Institutionalisierungsprozesses reflektiert. Organisationen unterscheiden sich dann von Institutionen im Grad ihrer Institutionalisierung – die begriffliche Trennung wird aufgehoben und man darf in beiden Fällen von Institutionen sprechen. [4]

Folglich kann an dieser Stelle die Analyse des Institutionenbegriffs über Definitionsversuche beendet werden, es bedarf im Weiteren vielmehr geeigneter Denkschemata, die den Prozess der Institutionalisierung greifbar machen.

BERGER/LUCKMANNS Theorie der Institutionalisierung (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 56ff.) liefert in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreiche Denkstrukturen, die einerseits im Rahmen der Betrachtung von sozialer und politischer Realität eine theoretische Grundlage für die mehrdimensionale Institutionenkunde in der politischen Bildung darstellen (Deichmann 1996, S. 17, Fn. 44) und andererseits mit NORTHS Institutionenbegriff (North 1990/92, S. 6ff.) korrelieren. Essentielle Bestandteile dieser Theorie werden daher aufgegriffen, um daraus ein einfaches Denkschema zur Erschließung des Institutionenbegriffs für die Lernenden zu postulieren:

1. Die gesellschaftliche Ordnung ist kein Resultat der „Natur der Dinge“, sondern ein „Produkt menschlichen Tuns“ (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 55).

2. Das menschliche Handeln unterliegt einem Prozess der Gewöhnung. Diejenigen Handlungen, die der vermehrten Wiederholung unterliegen, ergeben ein Modell, „welches unter Einsparung von Kraft reproduziert werden kann“ (Habitualisierung) (Berger/Luckmann 1966/2001, S. 56).

3. Institutionen entstehen in einem Institutionalisierungsprozess schon dann,

„wenn nur zwei Menschen wiederholt zusammen dasselbe tun“ (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 59). [5]

4. „Der Hauptzweck der Institutionen in einer Gesellschaft besteht darin, durch die Schaffung einer stabilen […] Ordnung die Unsicherheit menschlicher Interaktion zu vermindern.“ (North 1990/92, S. 6)

5. „[D]ie Stabilität von Institutionen steht keineswegs in Widerspruch zu der Tatsache, daß sie sich verändern.“ (ebd.) „Institutionen haben immer eine Geschichte, deren Geschöpfe sie sind.“ (Berger/Luckmann 1966/2007,

S. 58) In diesem Zusammenhang überliefern sie ein „Rezeptwissen […], dass die institutionseigenen Verhaltensvorschriften mit Inhalt versorgt“ (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 70). Mit anderen Worten: Institutionen unterliegen dem evolutorischen Prozess des „institutionellen Wandels“ (North 1990/92, S. 6ff.).

6. „Jede Weitergabe von institutionalem Sinn braucht Kontrolle und Legitimation. Beides gehört zu den Institutionen selbst und wird von den vermittelnden Personen verwaltet.“ (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 75)

Unter Bezugnahme auf BERGER/LUCKMANNS und NORTHS Postulate kann Schülerinnen und Schülern im Rahmen des institutionenkundlichen Lernens und unter Verwendung institutionenökonomischer Perspektiven folgendes vereinfachtes Denkmodell zur Institutionalisierung (veranschaulicht in Abbildung 6) angeboten werden:

Institutionalisierung ist ein fortwährender wechselseitiger Prozess zwischenmenschlichen Verhaltens/Handelns. Institutionen setzen menschlichem Verhalten/Handeln Anreize und/oder Schranken, welche aufgrund ihrer Ausprägungsmerkmale unterschiedlichen Anreiz-/Bindungscharakter besitzen. Menschliches Verhalten/Handeln und Institutionalisierung beeinflussen sich gegenseitig. Neben den zwischenmenschlichen Interdependenzen im menschlichen Verhalten/Handeln können sich auch Institutionen jeweils wechselseitig beeinflussen.

Abbildung 6: Denkmodell zur Institutionalisierung

(eigene Darstellung)

Folgende Beispielketten sollen dieses Denkmodell veranschaulichen:

Menschliches Verhalten/Handeln schafft Institutionen, sei es in Form von wiederkehrenden Handlungen (Rituale, Brauchtum) oder in Form von Recht und Gesetz. Sowohl Rituale und Brauchtum als auch Recht und Gesetz beeinflussen das menschliche Verhalten/Handeln, das diese Institutionen wiederum beeinflusst:

Ÿ Menschen schaffen zum Beispiel Rituale, wie kirchliche Feiertage; die Bedeutung dieser Feiertage veranlasst Menschen, solche Feiertage gesetzlich zu manifestieren

Ÿ der demographische Wandel, verursacht durch menschliches Verhalten/Handeln, führte zur Einführung einer gesetzlichen Pflegeversicherung, das damit verbundene Finanzierungsproblem veranlasste politische Akteure, einen gesetzlichen Feiertag zu opfern

Menschliches Verhalten/Handeln kann jedoch auch ohne neue Institutionen zu schaffen, sich selbst beeinflussen:

Ÿ das Wiedersehen eines alten Freundes ist der Anlass, eine zugesagte Verabredung nicht einzuhalten

Ÿ man verleiht keine Bücher, weil man ein Buch einmal nicht zurückbekommen hat

Ÿ die Abkehr des Wählers zwingt Politiker zu einem Umdenken im Handeln

Bestehende Institutionen beeinflussen die Entwicklung neuer Institutionen sowie den Fortbestand existierender:

Ÿ das Parlament als Institution verabschiedet ein Gesetz oder die Regierung als Institution erlässt eine Verordnung

Ÿ ein neues Gesetz hebt ein bestehendes Gesetz auf oder verändert es

Derartige Beispielketten lassen sich beliebig als nicht endendes Muster zwischen Aktion und Reaktion untereinander fortführen. Die Übernahme dieses Denkschemas zur Institutionalisierung bietet den Schülerinnen und Schülern hierbei jene Vorstellungen zum Institutionenbegriff, unter denen die kommenden institutionenökonomischen Perspektiven im Rahmen des institutionenkundlichen Lernens in der politischen Bildung greifbar nachvollzogen werden können.

  • [1] Wiederholend: „Eine Institution im hier verwendeten Sinne ist ein auf ein bestimmtes Zielbündel abgestelltes System von Normen einschließlich deren Garantieinstrumente, mit dem Zweck, das individuelle Verhalten in eine bestimmte Richtung zu steuern. Institutionen strukturieren unser tägliches Leben und verringern auf diese Weise dessen Unsicherheiten.“ (Richter 1994, S. 2f.)
  • [2] Wiederholend: Institutionen als Entscheidungssysteme; als Normen, Traditionen und Verhaltensregeln sowie als Organisationen (Kaminski 1994, S. 15).
  • [3] Auch korreliert diese Form der Trennung nicht mit GÖHLERS Unterscheidung zwischen Institutionen im weiteren und im engeren Sinne
  • [4] Um Lernenden im Rahmen der Institutionenkunde den Institutionenbegriff zu verdeutlichen, klassifiziert DEICHMANN in analoger Weise Institutionen mittels zweier Perspektiven – einerseits als Interaktionssystem, andererseits auch als formale Organisation (Deichmann 2013, S. 92ff.).
  • [5] „Institutionalisierung findet statt, sobald habitualisierte Handlungen durch Typen von Handelnden reziprok typisiert werden. Jede Typisierung, die auf diese Weise vorgenommen wird, ist eine Institution.“ (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 58)
 
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