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4.3.1.3 Die Logik des kollektiven Handelns

Die Logik des kollektiven Handelns ist verbunden mit der gleichnamigen Arbeit von OLSON aus dem Jahre 1965 (Olson 1965/68). Sein Verdienst erstreckt sich hierbei vorrangig auf die Abrechnung mit dem Trugschluss, dass eigenwohlgeleitete Mitglieder stets ein gemeinsames Gruppenziel unterstützen, wenn sie durch den erreichbaren Vorteil über die Gruppe besser gestellt werden würden (Olson 1965/68, S. 2). Die praktische Bedeutung einer solchen Theorie, vor allem im Rahmen demokratischer Prozesse, liegt hierbei auf der Hand – das Wesen einer demokratischen Gesellschaft ist durchsetzt von gruppenbildenden Aktivitäten, um Interessen wirtschaftlicher, politischer und/oder kultureller Natur zu verwirklichen. Ausgehend von der staatlichen Organisation auf kommunaler, Länderoder Bundesebene setzen sich diese sowohl auf supranationaler Ebene als auch auf innerstaatlich-gesellschaftlicher Ebene fort. Im letztgenannten Fall sei insbesondere an die am politischen Prozess beteiligten Gruppen, wie Parteien, Verbände und Vereine, zu denken.

Gruppen/Organisationen haben einen gemeinsamen Zweck – sie sollen ihren Mitliedern dienen. Im Dienste ihrer Mitglieder stellen sie Kollektivgüter bereit, die unterschiedlicher nicht gelagert sein können – Gewerkschaftsmitglieder streben nach höheren Löhnen, Kartellmitglieder nach höheren Preisen, Aktionäre nach höheren Dividenden, Bürger nach einer guten Regierung (Olson 1965/68, S. 6). Dieses Spektrum lässt sich entsprechend der Vielzahl und Heterogenität von Gruppen beliebig fortsetzen. Die Gemeinsamkeit von Kollektivgütern, sei es in Form von öffentlichen Gütern, bereitgestellt durch die staatliche Organisation, oder allgemein gehalten, als kollektives Gut einer Gruppe, liegt darin, dass kein Mitglied von der Nutzung des Gutes ausgeschlossen werden kann und keine Rivalität im Konsum vorliegt (Olson 1965/68, S. 13f.; Dehling/Schubert 2011, S. 113f.). Diese Gemeinsamkeit führt automatisch zum sogenannten Trittbrettfahrer (free-rider), demjenigen, der ein Kollektivgut nutzt, obgleich er nicht (vollständig) zur Finanzierung beiträgt, bzw. auch nicht die wahre Zahlungsbereitschaft für ein solches preisgibt. Folglich würde dieser Tatbestand unweigerlich dazu führen, dass die Produktion des Kollektivgutes eingestellt wird oder dessen Nutzung bzw. Bereitstellung suboptimal erfolgt (Dehling/Schubert 2011, S. 114). Wesentliche Zusammenhänge dieses Dilemmas stellen sich folgendermaßen dar:

1. Die Aufdeckung der wahren Zahlungsbereitschaft sowie die Beteiligung am Kollektivgut unterbleibt, sobald vermutet werden kann, dass es zur Bereitstellung des Kollektivgutes kommt, da mindestens ein Mitglied aufgrund seines erreichbaren Vorteils für die Kosten (unter Umständen auch überproportional) aufkommen wird. Diese Tendenz ist auch bekannt als „die 'Ausbeutung' der Großen durch die Kleinen“ und kann an zahlreichen Beispielen belegt werden (Olson 1965/68, S. 32ff.). [1] Richtet sich die Produktion des Kollektivgutes an den Präferenzen der an der Finanzierung Beteiligten aus, kommt es zur suboptimalen Versorgung, da auch die anderen nach den Vorteilen des Gutes streben, jedoch nicht ausgeschlossen werden können (Olson 1965/68, S. 26).

2. Größeren Gruppen fällt es schwerer die optimale Menge eines Kollektivgutes bereitzustellen: In größeren Gruppen nimmt der Anteil des Nießnutzens an einem Kollektivgut ab. Einerseits sinkt hierdurch der Anreiz zu gruppenorientiertem Verhalten, bzw. die Bereitschaft, auch nur Teile der Lasten eines Kollektivgutes zu tragen, andererseits erhöhen sich in größeren Gruppen die Organisationskosten, und damit die „Hürde“, bevor überhaupt ein Nutzen dem Gut entspringt (Olson 1965/68, S. 46f.). Des Weiteren nimmt in größeren Gruppen die Wahrscheinlichkeit ab, bei gruppenschädigendem Verhalten entdeckt zu werden.

3. Der Zusammenhalt und die Wirksamkeit kleinerer Gruppen ist höher, da der Einfluss des Einzelnen auf das Ergebnis größer ist, die verfügbaren Kräfte besser genutzt werden und der Ansporn für den Erfolg der Gruppe als Ganzes ausgeprägter ist (Olson 1965/68, S. 52ff.).

4. Gruppenorientiertes Verhalten wird mittels selektiver Anreize (positive und/oder negative) [2] befördert. Sie schlagen sich in Form von Belohnungen sowie in Form von Sanktionen/Strafen nieder. In einem zwischenmenschlichen Kontext treten diese Formen als sozialer Druck oder Anreiz in Erscheinung. Aufgrund sozialer Bindungen zeichnet sich deren Wirksamkeit vor allem in kleineren Gruppen aus und äußert sich zum Beispiel in Formen von Prestige oder Ächtung (Olson 1965/68, S. 59ff.).

DEHLING/SCHUBERT behandeln OLSENS Theorie als „Baustein einer Theorie starker bzw. schwacher Interessen(-gruppen)“, die das zentrale Anliegen einer Gruppenbildung im politischen Prozess wieder in den Vordergrund rückt – das Verschaffen von Vorteilen im Zusammenspiel mit den Möglichkeiten der politischen Einflussnahme (Dehling/Schubert 2011, S. 124f.). Während die Organisationsfähigkeit im Sinne von OLSON die eine Seite der politischen Macht einer Gruppe reflektiert, spiegelt deren Konfliktfähigkeit die zweite Seite der Medaille wieder (ebd.). „Konfliktfähigkeit beruht auf der Fähigkeit einer Organisation […], kollektiv die Leistung zu verweigern bzw. eine systemrelevante Leistungsverweigerung glaubhaft anzudrohen.“ (Offe 1969, S. 169) Während Gruppen wie Studenten oder Arbeitslose, die über einen durchaus repräsentativen Organisationsgrad verfügen, weniger auf letztgenannte Potentiale zur Konfliktfähigkeit bauen können, sind Vereinigungen wie die Gewerkschaft der Lokführer oder der Fluglosten hiervon unmittelbar bevorteilt, da ihnen aufgrund ihres systemrelevanten Leistungscharakters ein wesentliches Machtpotential zukommt (Dehling/ Schubert 2011, S. 126f.). Andererseits gibt es Gruppen, wie zum Beispiel Parteien, bei denen eine so dargestellte Konfliktfähigkeit völlig außen vor bleibt, da ihnen eine explizite Rolle in der Machtstruktur des politischen Systems zugewiesen ist.

OLSONS Theorie eröffnet unter anderem eine wichtige Perspektive, die nicht an detaillierten politischen Prozessen festmacht, sondern an den originären (politischen) Prozessen sowohl innerhalb von Gruppen als auch zwischen existierenden Gruppen in einem politischen System. Vor dem Hintergrund einer solchen Sichtweise bedarf es politischer Lösungen, denen sich ein System möglicher Folgen gruppenspezifischen Fehlverhaltens ausgesetzt sieht (Braun 1999, S. 104f.).

Der Weg in den Politikunterricht

Die (ökonomische) Logik des kollektiven Handelns stellt eine geeignete Perspektive dar, gruppenspezifische politische Prozesse zu analysieren, deren Reichweite bis in die Alltagswelt der Schülerinnen und Schüler vordringen kann. Während politische Macht in demokratischen Systemen über sämtliche Ebenen hinweg (Regierung, Parlament, Partei, Volk, Verbände) durch Gruppen ausgeübt wird, können Lernende derartige gruppenspezifische Logiken im Rahmen ihrer Erfahrung aus der Alltagswelt (Familie, Freundeskreis, Klassenverband, Verein) nachvollziehen und transferieren. Im Mittelpunkt der politischen Bildungsarbeit steht hierbei das Trittbrettfahrer-Problem, welches den Schülerinnen und Schülern einerseits verdeutlicht werden muss, andererseits muss im Hinblick darauf, die Vermittlung von Werten in die Bildungsbemühungen einfließen, um diesem Problem für eine Gesellschaft begegnen zu können. Die Logik des kollektiven Handelns ist somit in der Lage mittels der ökonomischen Perspektive das Trittbrettfahrer-Problem als solches darzustellen und gleichzeitig in geeigneter (ökonomischer) Art und Weise die Notwendigkeit aufzuzeigen, sein politisches Handeln in einer Gesellschaft dahingehend einzulenken, sich nicht als Trittbrettfahrer zu verhalten. Anhand von Beispielen, die in die Alltagswelt der Schülerinnen und Schüler hineinragen, kann die Problematik illustriert werden:

Im Klassenverband organisieren die Schülerinnen und Schüler diverse Veranstaltungen, wie Kuchenbasare, deren Erlös für gemeinsame Aktivitäten der Klassenkasse zukommt. Bringen sich Schüler hierbei nicht mit ein, sind diese als Trittbrettfahrer auszumachen. Der Klasse entstehen hierdurch Schäden, sei es aufgrund geringerer Einnahmen oder ungleicher Verteilung der Lasten auf die Aktiven. Fehlen in diesem Zusammenhang selektive Anreize, beispielsweise in Form von sozialer Ächtung durch die Klasse oder durch Ausschluss der Inaktiven von der gemeinsamen Veranstaltung, wird sich das Trittbrettfahrer-Problem negativ auf das Zustandekommen weiterer gemeinsamer Aktivitäten auswirken, wenn sich auch für engagierte Mitglieder unkooperative Strategien als einzig logische (effiziente) Konsequenz durchsetzen. Im Endeffekt werden keine gemeinsamen Aktivitäten mehr zustande kommen. Der Erkenntnisprozess der Schülerinnen und Schüler muss in diesem Zusammenhang also dahingehend gelenkt werden, dass Institutionen in Form von Sanktionen zu errichten sind, wenn mit unkooperativem Verhalten gerechnet werden muss. Die Konsequenz aus dem Trittbrettfahrer-Problem bedeutet in der politischen Bildung, Schülerinnen und Schüler zu der Einsicht zu bewegen, in kooperativem Verhalten die Notwendigkeit für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft zu sehen, um einen Zusammenbruch zu vermeiden.

Anmerkung: Im Hinblick auf die Bewältigung solcher Lebenssituationen muss institutionenökonomische Bildung aber auch dahingehend einwirken, notwendige Exit-Strategien zum Selbstschutz des Mitglieds einer Gruppe aufzuzeigen.

Derartige Beispiele lassen sich auch am Problem der Konsequenzen durch

„Schwarzfahren“ im öffentlichen Nahverkehr verdeutlichen. Während sich selektive Anreize hier in Form von Strafgebühren bei Entdeckung niederschlagen, können der Gemeinschaft Schäden in Form höherer Fahrpreise, eines verschlechterten Leistungsangebotes (veraltete Busse und Bahnen, Sicherheit, Sauberkeit, Fahrplantaktung, etc.) und erhöhter Kosten für Kontrolle und Durchführung der Sanktionen entstehen.

In einem nächsten Schritt muss den Schülerinnen und Schülern verdeutlicht werden, dass im politischen Prozess zahlreiche Gruppen für ihre Mitglieder Einfluss auf die Politik ausüben. Dieser Einfluss richtet sich auf nichts anderes als auf Institutionen, die dem einzelnen Gruppenmitglied Vorteile in Form von Begünstigungen (Rechte, Steueroder Abgabenvorteile), Zuwendungen (Leistungen oder Subventionen) oder ausbleibenden Sanktionen verschaffen sollen. Diesem Prozess ist die Erkenntnis abzugewinnen, dass sich in einem solchen Streben ebenfalls ein Trittbrettfahrer-Problem verbirgt, bei dem „Bevorteilte“ dann zu Trittbrettfahrern werden, indem sie der Gesellschaft Lasten aufbürden, die sie sonst nicht zu tragen hätte. Betrachtet man solche Lasten als Ausmaß fehlgeleiteter Politik kann man diese nunmehr anhand aktueller gesellschaftlicher Problemlagen vor dem Hintergrund der Lastenverteilung diskutieren. Folgende Fragestellungen sind in diesem Zusammenhang zum Beispiel denkbar:

Ÿ Wem verschafft ein Mindestlohn Vorteile, wer trägt dessen Kosten?

Ÿ Welchen Nutzen bringt die Solarförderung mit sich, wer muss sie finanzieren?

Ÿ Ist der demographische Wandel Folge einer ungerechten Generationenpolitik?

Ÿ Worin bestehen die Probleme im „Reichtum für alle“? [3]

Ÿ Warum wird Krieg geführt und wer trägt dessen Last?

Ÿ Was verspricht man sich von der Rettung überschuldeter Staaten und wer finanziert diese Rettung?

Ÿ Wäge das Für und Wider des Berufsbeamtentums ab!

Jene Diskussionen, die vor dem Hintergrund der Finanzierung politischer Entscheidungen geführt werden, insbesondere jene, die den Leistungsstaat an sich fordern, führen unweigerlich zu einer Thematisierung der Steuereinnahmen eines Staates. Dieser Punkt stellt ein separates Feld dar, welches im Politikunterricht unter dem Aspekt der Logik des kollektiven Handelns bearbeitet werden kann. Zum einen eröffnet sich die Kategorie der Steuergerechtigkeit, zum anderen ist der Fokus auf die Steuermoral zu lenken. In diesem Zusammenhang müssen die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass Steuereinnahmen eine grundlegende Voraussetzung für die Gewährleistung einer staatlichen Ordnung sind. Während die Diskussion verschiedener Prinzipien der Besteuerung (Leistungsfähigkeit, Progression, Kopfsteuer usw.) ergebnisoffen geführt werden kann, müssen Debatten zur Steuermoral vor dem Hintergrund der Trittbrettfahrer-Problematik thematisiert werden und zu der Einsicht führen, dass Schattenwirtschaft, Steuerflucht und Steuerbetrug den Zusammenhalt einer Gesellschaft in existentielle Gefahr bringen können.

  • [1] OLSON führt selbst noch heute gültige Beispiele an (Olson 1965/68, S. 34): (1) Alle Nationen haben ein Interesse an Sicherheit. Große Nationen sind aufgrund höherer Verteidigungsbudgets besser in der Lage in Bündnissen wie der NATO für ihre Sicherheit zu sorgen. Kleine neutrale Staaten profitieren ebenfalls von dieser Sicherheit, gleichwohl sie zu deren Finanzierung nicht aufkommen. (2) Großstadtkommunen stellen für ihre Bewohner eine kollektive Infrastruktur zur Verfügung, welche von den Bewohnern des Umlandes ebenfalls genutzt wird, zu dessen Finanzierung deren Gemeinden jedoch nicht beitragen
  • [2] Positive selektive Anreize sind zum Beispiel zusätzliche Leistungen wie Streikgeld oder Rechtsberatung für Gewerkschaftsmitglieder oder kostenlose Zeitschriften für Vereinsmitglieder; negative selektive Anreize verbergen sich beispielsweise hinter sogenannten Zwangsmitgliedschaften (Kammerzugehörigkeit), mit deren Hilfe man dem Trittbrettfahrer-Problem vollständig begegnen kann (Dehling/Schubert 2011, S. 122f.).
  • [3] „Reichtum für alle!“ (Wahlslogan der Linkspartei zur Bundestagswahl 2009)
 
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