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4.4.3 Das Medianwählertheorem

In Abschnitt 4.3.1.1 wurde bereits im Rahmen der ökonomischen Theorie der Demokratie (Downs 1957/68) auf das sogenannte Medianwählertheorem verwiesen. Unter Berufung hierauf soll nunmehr das beispielhafte Kennenlernen eines institutionenökonomischen Modells und dessen unterrichtspraktische Relevanz für die politische Bildung illustriert werden. Neben der damit verbundenen inhaltlichen Erweiterung von Politikunterricht bieten sich hierdurch zusätzliche Möglichkeiten, politische Sachverhalte unter zielgerichteten Perspektiven zu erschließen. „Bei der Erörterung politischer Willensbildung in einer direkten Demokratie spielt das Medianwählertheorem eine zentrale Rolle:“ (Rosen/Windisch 1997, S. 185)

Im Falle individueller eingipfliger und eindimensionaler Präferenzen der Wähler, wie solche beispielsweise auf einer politischen Links-Rechts-Skala abzutragen sind (siehe hypothetisch Abbildung 11), „wird sich ein stimmenmaximierender Politiker unter den genannten Annahmen das vom Medianwähler bevorzugte politische Programm zu eigen machen – also die Position des Wählers, dessen Präferenz genau die Mitte der Verteilung der politischen Präferenzen bildet“ (ebd.).

Abbildung 11: Das Medianwählertheorem

(Darstellung in Anlehnung an: Rosen/Windisch 1997, S. 186, Abb. 6.8)

Neben DOWNS bereits angeführten Thesen um die Positionierung der Parteien im Kampf um Wählerstimmen und eine in diesem Sinne mögliche Anwendung im Politikunterricht [1] gibt es im Allgemeinen zwei Betrachtungsschwerpunkte, auf die eine Anwendung des Medianwählertheorems in der politischen Bildung zurückgeführt werden kann. Diese liegen einerseits im Wesen des politischen Systems selbst, andererseits geht es um die Eindrücke, die das politische System mittels Politik bei den Wählern hinterlässt:

Im ersten Fall liefert also das in seinen Eigenschaften vorhandene politische System selbst einen Anknüpfungspunkt zum Medianwählersystem. RUDZIO konstatiert für die Bundesrepublik ein „gemäßigtes bipolares Parteiensystem“ (Rudzio 2006, S. 93), das unter anderem durch „die beiden Pole der großen Volksparteien“ bestimmt wird und „mit einer Drift zur Mitte und zwei bestimmenden Konfliktdimensionen (sozioökonomischer und sozio-kultureller)“ einhergeht (Rudzio 2006, S. 126).

Diesbezüglich können in Äußerungen verlautete Schülereindrücke auf eine von ihnen heutzutage wahrgenommene Parteipolitik hindeuten: „Die Parteien machen doch alle das Gleiche!“ oder „Es macht keinen Unterschied, wen man wählt, da alle Parteien irgendwie gleich sind und das gleiche versprechen![2] Eine solche Sicht wird verstärkt, wenn sich neben den großen Volksparteien, auch andere Parteien, wie zum Beispiel DIE GRÜNEN, die nicht auf dem ersten Blick dem Zentrum zuzuordnen wären, um die Mitte bemühen: „Wir wollen die bürgerliche Mitte, wenn man sie so nennen will, niemand anderem überlassen!“

(Katrin Göring-Eckardt, in: tagesthemen 2012).

Aus diesen Gründen besitzt das Medianwählertheorem analytische Aussagekräfte und unterrichtspraktische Relevanz, wenn man im Weiteren Wahlen betrachtet, die die Wählerschaft polarisieren. Diesbezügliche Ausprägungsmerkmale können beispielsweise folgendermaßen gestaltet sein:

Ÿ zwei Parteien beim Kampf um die Mitte (z.B. für Deutschland – SPD und CDU oder für die USA – Republikaner und Demokraten) (Dehling/Schubert 2011, S. 61)

Ÿ zwei Spitzenkandidaten (Kanzleroder Präsidentschaftskandidaten)

Ÿ brisante Themen wie zum Beispiel Krieg oder Frieden bzw. die Einführung einer Steuer oder deren Nicht-Einführung

DOWNS führt sein Verteilungsmodell zum Medianwählertheorem auf ein von HOTELLING (Hotelling 1929) veröffentlichtes Modell zur räumlichen Konkurrenz von zwei Unternehmen zurück (Downs 1957/68, S. 112ff.). HOTELLING analysierte die Situation von zwei Unternehmen, die sich bei einem gleichen Produkt entlang einer Strecke (z.B. einer Hauptstraße oder einer Eisenbahnlinie) wettbewerbswirksam im Hinblick auf ihre Käufer räumlich positionieren müssen, da sich neben dem eigentlichen Preis als Wettbewerbsfaktor weiterhin Kosten (Transportkosten) durch die Entfernung des Unternehmens zum Käufer ergeben, welche zusätzlich die tatsächliche Entscheidung des Kunden und damit die Nachfrage bei den jeweiligen Unternehmen beeinflussen (Hotelling 1929, S. 45ff.). HOTELLINGS ökonomische Analyse, deren Fundus nicht nur bei den Wirtschaftswissenschaften angegliedert ist, sondern ebenfalls zum Repertoire der Politikwissenschaft gehört, fabuliert heutzutage unter der phantasiereichen Bezeichnung des Eisverkäufer-Spiels (Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 2004), worüber auch die didaktische Implementierung des Medianwählertheorems für den Politikunterricht erfolgen kann.

Das Eisverkäufer-Spiel:

Die Grundannahmen des Eisverkäufer-Spiels liegen, basierend auf HOTELLINGS Duopol-Konstellation, in der Positionierung von zwei Eisverkäufern (mit identischem Produkt und gleichem Preis) entlang eines nach beiden Seiten abgegrenzten Strandes mit Badegästen. Die am Strand zunächst gleichverteilten Badegäste suchen entsprechend des ökonomischen Prinzips und unter Abwesenheit persönlicher individueller Präferenzen jenen Eisverkäufer auf, der ihnen am nahesten gelegen ist. Vor dem Hintergrund dieser Grundannahmen sollen die Schülerinnen und Schüler mittels Illustration dieser Strandsituation folgende Fragen beantworten:

1. Wo positionieren sich beide Eisverkäufer, wenn diese sich untereinander absprechen, um die größtmögliche Zahl der Badegäste zu erreichen und untereinander aufzuteilen?

2. Wo werden sich die Eisverkäufer positionieren, wenn sie untereinander in Konkurrenz stehen?

Die entsprechenden Lösungen lassen sich unter Zuhilfenahme eines Tafelbildes im Sinne von Abbildung 12 erarbeiten:

Abbildung 12: Eisverkäufer-Spiel

(eigene Darstellung in Anlehnung an: Hotelling 1929, S. 45, Fig. 1; Downs 1957/68, S. 113, Abb. 1)

Bei nicht konkurrierenden Eisverkäufern wird entsprechend der ersten Fragestellung der Strand im Mittelpunkt M in zwei gleiche Teile aufgeteilt, und die Eisverkäufer werden sich an den Stellen E1 und E2 positionieren (jeweilige Mittelpunkte der Strandanteile), um damit von dort aus den Weg der Badegäste auf der jeweiligen Seite zu minimieren. [3] Jedoch werden die Eisverkäufer in dieser Situation erkennen, dass mittels einseitigem näher Rücken zur Mitte des Strandes mehr Badegäste für einen abweichenden Eisverkäufer erreichbar wären. Kommt es also, entsprechend der zweiten Fragestellung, zum Wettbewerb untereinander, werden sich beide Eisverkäufer um die Mitte (M) positionieren, da keine verlässliche Aufteilung des Strandes möglich ist und von beiden Seiten so viel wie möglich Badegäste erreicht werden wollen.

Überträgt man die Konkurrenzsituation der Eisverkäufer auf den politischen Wettbewerb, werden die Schülerinnen und Schüler in den Eisverkäufern zwei politische Kontrahenten/konkurrierende Parteien und in den Badegästen deren Wählerschaft erkennen. Weiterhin verkörpert die Entfernung der einzelnen Badegäste zum jeweiligen Eisverkäufer, die Nähe der Wähler zu einem politischen Programm. Unter einer solchen Perspektive werden Schülerinnen und Schüler allein oder mittels Hinterfragen erleichtert zu grundlegenden Erkenntnissen/Einsichten im Rahmen der politischen Sphäre im Allgemeinen und im Verständnis um die Thesen von DOWNS im Besonderen gelangen:

Die Ausrichtung der Programmatik einer Partei/eines Politikers am Medianwähler ist sinnvoll, um die Chancen auf einen Wahlerfolg zu erhöhen. Unter Umständen werden Wähler, die mit ihren Wahlpräferenzen weitab vom Medianwähler entfernt liegen, von einer Politik der Mitte kaum noch erreicht – sie können die Wahlteilnahme verweigern, wie der Badegast im Eisverkäufer-Spiel nicht mehr gewillt ist, den weiteren Weg bis zum Eisverkäufer in der Mitte des Strandes auf sich zu nehmen. Eine solche modellhafte Perspektive kann niedrige Wahlbeteiligungen oder Politikverdrossenheit als aktuelle Probleme einer Demokratie stark vereinfacht, dennoch einprägsam verdeutlicht, veranschaulichen.

Neben der Illustration des Modells für Schülerinnen und Schüler ist also vor allem die gemeinsame Erarbeitung der Übertragung des Modells auf den Bereich der Politik von zentraler Bedeutung. Dieser Vorgang lässt sich zum einen mittels klassischer Äußerungen von Politikern und Parteien im Kampf um die Mitte vollziehen. Andererseits kann aufgrund der Tatsache, dass politische Wahlen bereits einem Vergleich mit dem Eisverkäufer-Spiel unterliegen, der Zugang zur Anwendung des Modells im Politikunterricht über solche Beispielquellen und deren Auszüge ermöglicht werden (siehe z.B. Roll 2008: „Die Sache mit den Eisverkäufern. Wer die Mitte besetzt, hat die Definitionshoheit“ oder FAZ 2004:

„Präsidenten sind auch bloß Eisverkäufer“). Allgemein geht es vor allem darum, Schülerinnen und Schüler mit dem Vergleich zu konfrontieren sowie deren Gehalt analysieren und beurteilen zu lassen. In diesem Zusammenhang ist es unbedingt erforderlich, dass anhand des Eisverkäufer-Spiels auch die Grenzen des Theorems kritisch herausgestellt werden, da der Modellcharakter des Eisverkäufer-Spiels nicht in einer Illusion der vollständigen Erklärbarkeit der politischen Realität münden darf. Insbesondere sollten hierbei nochmals die stringenten Grundannahmen thematisiert werden, mit denen die in diesem Zusammenhang resultierende Aussagekraft erst ermöglicht wird. Die Anwendung dieses Modells führt zu einer Kontrastierung der politischen Realität, die es in provokanter Art und Weise erlaubt, Fragen sowohl an das Modell als auch an das politische System zu stellen (Problematisierung).

  • [1] Zum Beispiel: „In einem Zweiparteiensystem sind die politischen Konzepte der Parteien (a) verschwommener, (b) einander ähnlicher und (c) weniger direkt mit Ideologien verknüpft als in einem Mehrparteiensystem.“ (Downs 1957/68, S. 290, Satz 3)
  • [2] Derartige Aussagen, die in diesem Zusammenhang kritisch auf die „Politik der Mitte“ abzielen, führen unweigerlich zu Resignation und Politikverdrossenheit
  • [3] Badegäste, die sich genau am Mittelpunkt M befinden, werden in ihrer Wahl indifferent sein. Die Zufälligkeit einer solchen Konstellation hindert das Modell jedoch nicht an seiner Aussagefähigkeit
 
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