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4.5 Zwischenfazit

Wie in Abschnitt 3.1 bereits kommentiert, repräsentiert institutionenökonomische Bildung einen eigenen Forschungsstrang im Rahmen der wirtschaftsdidaktischen Theoriebildung (Seeber 2008, S. 309f.). Vor diesem Hintergrund wurden einleitend wesentliche Aspekte zum Forschungsfeld der modernen Institutionenökonomik dargestellt (Definitionsmuster zum Institutionenbegriff, Überblick auf die wichtigsten Gebiete der modernen Institutionenökonomik, Grundannahmen und Postulate des Theoriefeldes sowie Einordnungs-/Abgrenzungsversuche in der Theoriewelt des Rational-Choice). Mit dem Exkurs zur wirtschaftsdidaktischen Implementierung der Neuen Institutionenökonomik und der Neuen Politischen Ökonomie konnten nochmals die inhärenten Verschränkungen von Wirtschaft und Politik sowie der gemeinsame Fokus auf den Untersuchungsgegenstand der Institutionen in Ökonomie und Politik verdeutlicht werden.

Im Anschluss daran galt es, auf theoretisch konzeptioneller Basis einen möglichen Weg zur Verknüpfung von Institutionenökonomik und politischer Bildung zu finden. Über den Ansatz der mehrdimensionalen Institutionenkunde, ausgerichtet am Konzept der mehrdimensionalen politischen/sozialen Realität (Deichmann 1996, S. 17), konnte verdeutlicht werden, dass ein umfassendes institutionenkundliches Lernen in unserer institutionalisierten Welt, die Berücksichtigung der institutionenökonomischen Sphäre erfordert, da Institutionen, ihre Entstehung und Gestaltung, ihr Wesen und ihre Wahrnehmung sowie ihre Interdependenzen und Wirkungen im politischen Prozess in einem eigenen ökonomischen Kontext stehen. Zur strategischen „Überwindung der Distanz zwischen Alltagswelt und politischen Institutionen“ bedienen und bereichern institutionenökonomische Perspektiven vor allem die „rationale Brücke“ (Deichmann 2013, S. 91). Im Hinblick auf die Erweiterung des Perspektiventableaus in der politischen Bildung ergeben sich damit folgende Erfordernisse: die ökonomische Perspektive von Institutionen, einschließlich deren Analyseinstrumentarium (Institutionenökonomik), sind bei der mehrdimensionalen Betrachtung der politisch/sozialen Realität (Deichmann 1996, S. 17) zu berücksichtigen; das Durchdringen (institutionen-) ökonomischer Eigenlogiken von Politik und politischen Institutionen verlangt nach entsprechenden Analysewerkzeugen; die politische Analyse mittels der drei Politikdimensionen Inhalt, Form, Prozess richtet sich unter anderem mit Schlüsselfragen an politische Institutionen (Breit/Frech 2010, S. 18ff.), was hierbei die Einbeziehung institutionenökonomischer Aspekte zur Folge haben muss. Im Hinblick auf ein derart verbreitertes Perspektiventableau ermöglicht die Integration institutionenökonomischer Aspekte nicht nur erweiterte Sachund Wertebezüge für ein verbessertes Verständnis von Politik, sondern bestätigt ebenfalls die Anforderung, politikwissenschaftliche Gegenstände auch unter ökonomischen Aspekten analysieren und beurteilen zu können.

Die Einbindung institutionenökonomischer Aspekte im Rahmen der Institutionenkunde der politischen Bildung ging gleichsam einher mit der Forderung nach einem gemeinsamen Institutionenbegriff und nach harmonisierenden Denkschemata. Aufgrund eines beidseitig homogenen Gerüstes zum Institutionenbegriff gelang es, unter Berufung auf BERGER/LUCKMANNS Theorie der Institutionalisierung (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 56ff.) und NORTHS Institutionenbegriff (North 1990/92, S. 6ff.) ein vereinendes Denkschema zu entwickeln, welches Institutionen übereinstimmend als Ergebnis eines Institutionalisierungsprozesses behandelt und damit jene Vorstellungen der Schülerinnen und Schüler forciert, unter denen die institutionenökonomischen Perspektiven im Rahmen des institutionenkundlichen Lernens im Politikunterricht nachvollzogen werden können.

Vor dem Hintergrund des breiten Spektrums institutionenökonomischer Theorien war es notwendig, sich auf jene Felder zu konzentrieren, deren didaktischer Wert für die Lernprozesse im Politikunterricht deutlich herausragt. Auf Basis expliziter Verweise aus den Fachdidaktiken heraus und aufgrund eigener Erfahrungen des Unterrichts in der Sozialkunde, fiel hierbei die Wahl auf die Neue Politische Ökonomie (Public Choice) und die Gebiete der Neuen Institutionenökonomik. Während Public Choice bereits den interdisziplinären Fokus von Politik und Ökonomie in der institutionenökonomischen Lehre vereint und damit eine unmittelbare didaktische Ableitung möglich war, wurden die Felder der Neuen Institutionenökonomik nach Vorstellung ihrer ökonomischen Grundzüge zunächst auf Politik und politische Institutionen angewandt, bevor der politikdidaktische Fokus gesetzt wurde:

Die Neue Politische Ökonomie als Theoriegebäude öffentlicher Wahlhandlungen (Public Choice) verkörpert in ihren Forschungsfeldern sowohl politikwissenschaftliche als auch wirtschaftswissenschaftliche Inhalte. Sie untersucht im Rahmen bestehender Institutionen das Verhalten der verschiedenen am politischen Prozess beteiligten Akteure und unternimmt den Versuch, diese Verhaltensmuster zu modellieren (Woll 2008, S. 258).

Im Rahmen der ökonomischen Theorie der Demokratie treffen Politiker/ Parteien und Wähler mittels Wahlen auf sogenannten politischen Märkten aufeinander. Ihr Verhalten basiert auf zwei grundsätzlichen Kalkülen: Während sich Politiker/Parteien in ihrem Verhalten gegenüber Wählern am Wahlsieg orientieren, stimmen Wähler für jene Politiker/Parteien, die ihnen den größtmöglichen Nutzen versprechen. Vor dem Hintergrund der Anwendung der Theorie im Politikunterricht wurden zunächst die Wahlakte in einer Demokratie als (ökonomische) Wettbewerbsprozesse auf sogenannten politischen Märkten eingeordnet und dabei die Motive für Wähler und Politiker unter institutionenökonomischen Modellannahmen gekennzeichnet. Im nächsten Schritt sollten Schülerinnen und Schüler derartige Motive auf erlebbare Wahlakte ihres Alltags (Vereinsoder Klassensprecherwahl) beziehen und überprüfen, um zu erkennen, dass politische Prozesse nicht nur gemeinwohlorientiert sind, sondern ebenfalls dem Streben nach Eigennutz und Opportunismus unterliegen – das damit verbundene Ziel konnte darauf reduziert werden, derartige Kalküle in individuelle Wahlhandlungen einzubeziehen. Einen weiteren politikdidaktischen Nutzen verkörpern an dieser Stelle DOWNS 25 Thesen (Downs 1957/68, S. 290ff.). Anhand von beispielhaften Impulsen zu ausgewählten Thesen konnte der didaktische Gehalt für mögliche Diskussionen im Unterricht (z.B. Wahlmotive, Wahlbeteiligung und Partizipation, Verhaltensmuster, Bürgerferne der Politik, Politikverdrossenheit oder Populismus) verdeutlicht werden. Ferner wurden hohe Stellenwerte dem Wahlparadoxon sowie dem Medianwählertheorem zugewiesen. Hierbei ist es notwendig, dem Wahlparadoxon, das heißt, dem scheinbar irrational rein ökonomischen Kosten-Nutzen-Vergleich einer Wahl, kritisch zu begegnen und mit dessen Behandlung das Paradoxon im Politikunterricht aufzuheben, indem innerhalb eines Wahlaktes die höheren Motive des demokratischen Prozesses als Nutzenaspekte ausgewiesen werden. Die Erörterung des Medianwählertheorems erfolgte später gesondert im Rahmen eines konkreten Unterrichtsbeispiels.

Die ökonomische Theorie der Verfassung begründet, ausgehend vom hobbesschen Menschenbild, das Zustandekommen eines ursprünglichen Gesellschafts-/Verfassungsvertrages als rationale Entscheidung der Individuen, welche für das Zusammenleben der Menschen das Abwenden anarchischer Zustände ermöglicht. Damit einher geht die Forderung nach einem idealtypischen Gesellschaftsvertrag, der unter den Einflüssen von Politikern und Bürokraten stets mit dem Willen der Individuen korrelieren muss. Die dementsprechende Anwendung im Unterricht bietet mit Bezug auf BUCHANAN für die politische Bildung zwei geeignete Perspektiven: Der Fokus auf das Wesen und das Zustandekommen des Rechtsschutzstaates unterstreicht zum einen die Vorteilhaftigkeit demokratischer Systeme. Hierbei gelingt es, populistischen Argumentationen sowohl im Hinblick auf anarchische als auch auf autokratische Herrschaftssysteme entgegen zu treten. Inhärentes Eigennutzstreben und Opportunismus der Individuen liefern erkenntnisrelevante Begründungen dafür, warum weder die Flucht in Anarchie, noch die Herrschaft eines „Leviathans“ als systemische Alternativen in Frage kommen, sondern die Lösung in der Einsicht der Gestaltung einer „besser funktionierenden Demokratie“ (Grammes 1994, S. 179) liegen muss. Die Thematisierung der Aspekte des Leistungsstaates lenkt zum anderen den Fokus auf die Forderung zur Schaffung öffentlicher Güter durch das Gemeinwesen. Schülerinnen und Schüler sollen unter Zuhilfenahme der Theorie den Prozess der staatlichen Willensbildung zur Bereitstellung öffentlicher Güter durchschauen, vor allem aber dessen Restriktionen erkennen. [1] In diesem Zusammenhang müssen sie zu der Erkenntnis gelangen, dass das maßgeblich von den Kalkülen der Politiker und Bürokraten bestimmte Spektrum öffentlicher Güter gesamtgesellschaftlich hochgradig ineffizient sein kann, wenn es nicht mit dem Willen der Gesellschaftsmitglieder korreliert. Diesbezüglich liefert die ökonomische Theorie der Verfassung Anhaltspunkte für ausgedehnte öffentliche Leistungsspektren mit aufgeblähten und ineffizienten Strukturen heutiger Staaten. Mit dem Modell zur Wahl der optimalen Zustimmungsrate kann Schülerinnen und Schülern ein Instrumentarium gereicht werden, Regularien zu Mehrheitsentscheidungen auf ökonomischer Basis nachzuvollziehen. Hierbei ist es möglich, im Rahmen von Politikunterricht Grenzen ökonomischer Modellierungen vor dem Hintergrund praktikabler und symbolischer Lösungen des politischen Alltags zu kennzeichnen. Abschließend kann unter Berufung auf BUCHANAN ein möglicher Weg illustriert werden, eine eigene institutionenökonomische Sichtweise auf Politik zur Diskussion zu stellen: Ist Politik ein Prozess, der Idealvorstellungen folgend, eine gute Gesellschaft schaffen soll oder soll der politische Prozess in höchstem Maße mit dem Willen des Volkes korrelieren?

Die Logik des kollektiven Handelns fokussiert im ökonomischen Kontext das Wesen einer demokratischen Gesellschaft, welches durchsetzt ist von gruppenbildenden Aktivitäten in allen gesellschaftlichen Teilbereichen. Gruppen/ Organisationen, die im Dienste ihrer Mitglieder stehen, repräsentieren zum einen unterschiedliche Macht auf politische Prozesse, zum anderen führt die gemeinsame Nutzung von Gütern innerhalb der Gruppe (materielle oder immaterielle Kollektivgüter) zum sogenannten Trittbrettfahrer-Problem. Die Logik des kollektiven Handelns verkörpert geeignete didaktische Brücken, die Besonderheiten gruppenspezifischer Prozesse aus der Alltagswelt der Schülerinnen und Schüler (Familie, Freundeskreis, Klassenverband oder Verein) auf gruppenspezifische politische Prozesse (Regierung, Parlament, Parteien, Volk oder Verbände) zu übertragen. Vor allem die Kenntnisse zum sogenannten Trittbrettfahrer-Problem (Entwicklung von Vermeidungsstrategien für ein Kollektivgut im festgelegten Umfang aufzukommen) und dessen Auswirkungen auf die Bereitstellung des Kollektivgutes (qualitative/quantitative Verluste bis hin zur Einstellung des Kollektivgutes), führen zu zentralen Erkenntnissen in Form von Anerkennung und Forderung institutioneller Schranken (Sanktionen) bei zu erwartendem unkooperativen Verhalten. Die durch das Modell erfahrbare Notwendigkeit der Beteiligung aller Mitglieder, in einem festgelegten Umfang für ein Kollektivgut aufzukommen, führt im politischen Prozess zu der Erkenntnis, Politik inhaltlich, vor dem Hintergrund aktueller Problemlagen und im Hinblick auf eine gerechte Lastenverteilung, für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, einschließlich der Gewähr seiner öffentlichen Güter, durchzusetzen. An dieser Stelle wurde ebenfalls darauf verwiesen, dass auch im Streben nach Vorteilen im politischen Prozess ein Trittbrettfahrer-Problem besteht, wenn hierdurch der Gesellschaft Lasten übertragen werden, die sie sonst nicht zu tragen hätte. Es wurde angeregt und beispielhaft verdeutlicht, anhand konkreter Fragestellungen zu vielfältigen Inhalten von Politik (z.B. im Rahmen der Fiskal-, Sozialoder Wirtschaftspolitik) Diskussionen im Unterricht vor dem Hintergrund der Trittbrettfahrer-Problematik, das heißt, im Sinne der Zurverfügungstellung eines Kollektivgutes und der damit verbundenen gerechten Verteilung der Lasten bzw. der Gestaltung eines anreizkompatiblen Institutionengefüges, zu führen.

Der public-choice-basierte Fokus auf die Verhaltensannahmen politischer Akteure als typisierte Rollenträger verkörpert eine zusätzliche institutionenökonomische Untersuchungsperspektive, die im Einklang und in sinnvoller Ergänzung zu den in diesem Zusammenhang bereits bestehenden politikdidaktischen Zugängen Institutionenkunde und personenbezogener Ansatz stehen. Die hierbei zugrunde liegenden (verhaltensbezogenen) Modellannahmen bilden zum einen ein theoretisches Fundament, vor allem mit Blick auf die Analyse und Beurteilung von Machtund Herrschaftsprozessen in der politischen Bildung, zum anderen sind sie integraler Bestandteil der weiteren theoretischen Modellierungen sowohl im Rahmen der beheimateten Neuen Politischen Ökonomie als auch für die Anwendung der Neuen Institutionenökonomik auf politische Prozesse.

Während die Neue Institutionenökonomik originär auf wirtschaftliche und marktbezogene Institutionen als Untersuchungsgegenstand abzielt, ist ihr Erkenntnisinteresse heutzutage auch im Bereich politischer Institutionen verwurzelt – die zunächst der ökonomischen Institutionentheorie entstammenden Konzepte wurden im Zeitablauf auf politische Aspekte angewandt. Die Bereitstellung und der Unterhalt eines jeden politischen Systems einschließlich seiner öffentlichen Güter verursachen politische Transaktionskosten, die aufgrund von begrenzter Rationalität und vorhandenem Opportunismus der Individuen in Abhängigkeit zu Häufigkeit, Spezifität und Unsicherheit der politischen Transaktionen stehen. Mit der Absage an die „Null-Transaktionskostenwelt“ gilt, politische Transaktionskosten nicht per se zu minimieren, sondern deren Einsatz im Hinblick auf die Gestaltung und den Unterhalt des politischen Systems effizient zu arrangieren.

Mittels politischer Transaktionen (z.B. Wahlen, Gesetzgebungsverfahren, Gesetzesvollzug) werden politische Verfügungsrechte (Property Rights) übertragen, welche deren Inhaber nach Art und Umfang zur Ausübung von politischer Macht legitimieren. Jene Machtinhaber unterliegen wiederum solchen Verhaltensmustern, die beispielsweise unter Public Choice für die am politischen Prozess beteiligten Akteure aufgestellt wurden. Die Errichtung eines transaktionskostenminimierenden und anreizkompatiblen Institutionengefüges steht für politische Verfügungsrechte im Mittelpunkt der Theorie. Die Übertragung von Verfügungsrechten führt auch im politischen Prozess zu einem Principal-Agent-Verhältnis, das von der Theorie der Vertragsbeziehungen erfasst wird. Der klassische Wahlauftrag in einer Demokratie offenbart eine zweistufige Beziehung, bei der in der ersten Stufe der Wähler (Principal) mittels Stimmabgabe Politiker (Agent) zur Durchsetzung seiner Interessen beauftragt und in der zweiten Stufe, Politiker in der Stellung des Principals fungieren, indem sie sich zur Erarbeitung und zum Vollzug der Gesetze der Bürokratie (Agent) bedienen. Als Ausfluss von begrenzter Rationalität und Opportunismus bei den Individuen entstehen aufgrund verborgener Informationen (hidden informations) und des moralischen Risikos (moral hazard) weitere politische Transaktionskosten in Form von Agency-Kosten (z.B. Informationskosten der Wähler, Reputationskosten der Politiker, Kontrollkosten gegenüber der Bürokratie), die mittels geeigneter institutioneller Arrangements (z.B. durch signaling oder self-selection) optimiert werden müssen.

Die Instrumentalisierung der Neuen Institutionenökonomik zur Erweiterung der Perspektiven im Politikunterricht vollzieht sich im Rahmen der Verwertung ihrer theoretischen Modellierung (Transaktionskostentheorie, Theorie der Verfügungsrechte, Theorie der Vertragsbeziehungen) bei gleichzeitiger Übertragung dieser auf politische Institutionen und Prozesse. Der didaktische Nutzen besteht vor allem in der Anwendung der entsprechenden Denkweisen in Bezug auf die Existenz von politischen Transaktionskosten, die bestehende Verteilung von politischen Verfügungsrechten sowie die herrschenden Risiken innerhalb von politischen (Vertrags-) Beziehungen.

Auf Basis der Transaktionskostentheorie sind in der politischen Bildung Kenntnisse über das Wesen, das Vorkommen und die Bedeutung politischer Transaktionskosten zu vermitteln. Das zentrale Erkenntnispotential der Theorie besteht vor allem darin, die Existenz politischer Transaktionskosten zu billigen, ihre Art und ihren Umfang kritisch zu überprüfen und legitime Minimierungsbestrebungen stets vor dem Hintergrund der Schaffung eines effizienten und anreizkompatiblen Institutionengefüges zu führen (Einsicht in die Effizienz zu gestaltender second-best-Lösungen als einzige Antwort auf die Utopie der NullTransaktionskostenwelt mit illusorischen first-best-Lösungen). In diesem Zusammenhang soll Politikunterricht, trotz hoher Reibungsverluste durch politische Transaktionskosten im öffentlich-politischen Sektor, auf die Notwendigkeit der Existenz einer effizienten Bürokratie verweisen, da deren Dasein aufgrund der administrativen Spezifität ihrer Leistungen (Gewaltmonopol des Staates und Hoheitsfunktion) für die zielgerichtete Führung eines Gemeinschaftswesens unabdingbar ist und mit Fokus auf einen damit verbundenen Kosten-NutzenVergleich eine effiziente Antwort sein kann.

Im Hinblick auf die Verwendung der Theorie der Verfügungsrechte in der politischen Bildung ist der Schwerpunkt auf das Durchdringen politischer Institutionen und der damit verbundenen bestehenden Verteilung unterschiedlicher politischer Verfügungsrechte zu legen. Das heißt, die Schülerinnen und Schüler müssen erkennen, dass die unterschiedliche Verteilung der Macht nicht willkürlich im Raum steht, sondern diese aufgrund der Verteilung politischer Verfügungsrechte im Rahmen von politischen Transaktionen zustande gekommen ist. Ein solches Machtspektrum ist nicht als Fixum anzusehen, sondern unterliegt der Gestaltung im politischen Prozess. Vor dem Hintergrund des Wesens und der Funktionalität eines demokratischen Gemeinwesens sind Schülerinnen und Schüler zu der Einsicht zu führen, die Verteilung der politischen Verfügungsrechte zunächst anzuerkennen und dahingehend gewollte Veränderungen über den politischen Prozess auszutragen. In diesem Zusammenhang muss Politikunterricht das Kennzeichnen und die Verteilung politischer Verfügungsrechte sowie deren Übertragungsmöglichkeiten mittels politischer Transaktionen im gegenwärtigen Institutionensystem der Bundesrepublik beinhalten. Gleichsam können in solche Perspektiven die Verhaltensannahmen der am politischen Prozess beteiligten Akteure einbezogen werden, da den Inhabern politischer Verfügungsmacht die Handlungslogiken von Public Choice unterstellt werden dürfen.

Die Anwendung public-choice-basierter Verhaltensannahmen der am politischen Prozess beteiligten Akteure führt hierbei unmittelbar zur Theorie der Vertragsbeziehungen und zu der wichtigen Erkenntnis, dass sich im Rahmen der Übertragung von Verfügungsrechten Beziehungen zwischen politischen Akteuren ergeben, bei denen die sogenannten Principale entsprechende Agenten ermächtigten in ihrem Interesse zu handeln. Opportunismus und Eigennutzstreben der Individuen bedienen die Risiken der Agency-Theorie, die in Form „versteckter Informationen“ (hidden informations) und „verborgener Handlungen“ (hidden actions) im Politikunterricht anhand von Beispielen ausgewiesen werden müssen. Neben dem Erkennen solcher Risikokonstellationen für das politische System gilt es, im Rahmen institutioneller Arrangements mögliche Lösungsstrategien zur Agency-Problematik ausfindig zu machen. Die diesbezügliche Fokussierung politischer Prozesse muss Schülerinnen und Schüler davon überzeugen, dass die Sicherung und der Unterhalt eines funktionierenden demokratischpolitischen Systems durchaus kostenintensive bürokratische Strukturen erfordert, welche jedoch stets im Hinblick auf ihre Zweckdienlichkeit und Effizienz überprüft werden müssen.

Die Einbeziehung institutionenökonomischer Aspekte in der politischen Bildung ist angewandte Ökonomie im Politikunterricht. Nachdem die für Politikunterricht als nutzenbringend erachteten Theoriefelder der modernen Institutionenökonomik und die damit verbundenen besonderen Perspektiven für die politische Bildung vorgestellt wurden, galt es, diesen praktischen Wert anhand konkreter Unterrichtsbeispiele zu vertiefen. Hierzu wurden drei unterschiedlich gelagerte Zugriffspfade für die umfängliche Integration institutionenökonomischer Aspekte im Politikunterricht gewählt (Zugriff im Rahmen der Behandlung eines originär politischen Lernbereichs aus dem Curriculum; Zugriff im Rahmen der Diskussion eines aktuellen politischen Problems/Problemfeldes; Erweiterung des Perspektiventableaus im Politikunterricht durch Fokussierung auf ein spezifisches institutionenökonomisches Modell):

Die Behandlung des bundesdeutschen Föderalismus als Bestandteil schulischer Curricula der politischen Bildung ermöglichte feldübergreifende Anknüpfungspunkte zur Instrumentalisierung der modernen Institutionenökonomik. Den Schwerpunkt bildeten hierbei folgende Perspektiven: das Zustandekommen und die Verteilung der politischen Verfügungsrechte zwischen Bund und Ländern im bundesdeutschen Föderalismus, die sachund wertbezogene Betrachtung politischer Transaktionskosten unter Abwägung von Vorund Nachteilen im föderalistischen Bund Deutschlands, das Kennzeichnen und Problematisieren des wechselseitigen Agency-Verhältnisses zwischen Bund und Ländern, die Konstruktion typischer Verhaltensannahmen zu landespolitischen Akteuren im Rahmen von Public Choice sowie das Aufzeigen von Trittbrettfahrer-Dilemmata zwischen Bund und Ländern sowie zwischen den Ländern untereinander.

Mit der Diskussion über die (Wieder-) Einführung einer Vermögensbesteuerung in Deutschland wurde ein aktuelles Problemfeld öffentlich-politischer Debatten aufgegriffen und der institutionenökonomischen Analyse und Beurteilung unterworfen. Während im Rahmen der Untersuchung zunächst sowohl klassisch institutionenkundliche als auch finanzwissenschaftliche Aspekte zur Vermögensbesteuerung erarbeitet wurden, [2] zielten die institutionenökonomischen Perspektiven einerseits auf die politischen Transaktionskosten einer Vermögensbesteuerung (Beurteilung des Erhebungsaufwands vor dem Hintergrund einer realitätsgerechten, gegenwartsnahen Einheitsbewertung), andererseits auf deren Auswirkung auf steuerliche Gerechtigkeit. Des Weiteren konnte anhand eines realistischen Falles (Bundesverfassungsgerichtsentscheid) im Rahmen der Theorie der Verfügungsrechte die Rolle der Judikative und ihre (Verfügungs-) Macht als policy maker beispielhaft illustriert werden. Im Allgemeinen kann das Bedienen der politischen Debatte durch die politischen Akteure in der Öffentlichkeit als Begründung dafür angesehen werden, unter einem weiteren Blickwinkel die Diskussion um die (Wieder-) Einführung der Vermögensteuer mit den Verhaltensannahmen von Public Choice zu führen.

Die Sinnhaftigkeit der Thematisierung des Medianwählertheorems in der politischen Bildung hat sich schon allein aus dem Wesen dieses institutionenökonomischen Modells ergeben – es verkörpert sowohl politikals auch wirtschaftswissenschaftliche Dimensionen. Im Rahmen der Analyse und Beurteilung der politischen Willensbildung in einer Demokratie kann der politische Trend einer „Politik der Mitte“ in seinen Ausprägungen (ähnliche und verschwommene Wahlprogramme) im Hinblick auf dessen Auswirkungen (Resignation und Politikverdrossenheit) modellhaft begründet und unter Verwendung des „Eisverkäufer-Spiels“ greifbar veranschaulicht werden. Die hierdurch wahrgenommene Kontrastierung der politischen Realität erfüllt dabei nicht nur den Zweck, dem politischen System problemorientiert mit Fragen zu begegnen, sondern schult auch den Umgang mit Modellen im Politikunterricht, indem das Modell, einschließlich seiner stringenten Grundannahmen und den damit verbundenen Aussagen, kritisch zu überprüfen ist (Aussagekraft in Bezug auf die Erklärbarkeit der Realität, Kontroversität usw.).

Sowohl die unterrichtspraktische Integration der als nutzenbringend erachteten Felder der modernen Institutionenökonomik als auch die Auswahl und Bearbeitung der Unterrichtsbeispiele haben unmissverständlich gezeigt, dass Politik und Wirtschaft, hier mittels Fokussierung auf Institutionenkunde und die „Gelenkstelle“ der modernen Institutionenökonomik, untrennbar miteinander verbunden sind und im Rahmen einer umfassenden Analyse und Beurteilung im Politikunterricht nicht losgelöst voneinander behandelt werden können. [3] Mit der Verbindung von theoretischen, normativen und praktischen Erkenntnisinteressen (Mayntz 2009, S. 27) war es möglich, auch dem hermeneutischen Anliegen dieses Kapitels gerecht zu werden, indem im Rahmen bestehender Erkenntnisinteressen Wissensbestände der Bezugstheorien analysiert, interpretiert, miteinander verglichen und für die politische Bildung nutzbar gemacht wurden (Deichmann 2009, S. 175ff.).

„Institutionen sind didaktisch ergiebige Lerngegenstände […]“ (Gagel 1989, S. 398)! Sie sind geeignet, die Distanz zwischen Alltagswelt und Politik zu reduzieren und damit als didaktische Strategie in der politischen Bildung einzubeziehen (Deichmann 1979, S. 108). Sowohl die in der politischen Bildung beheimatete Institutionenkunde als auch die moderne Institutionenökonomik sind zwei mögliche Perspektiven auf ein und denselben Untersuchungsgegenstand. In diesem Zusammenhang eröffnet die institutionenökonomische Betrachtung der (institutionellen) Realität den Lernenden eine Subsinnwelt. „Mit dem Auftreten von Subsinnwelten entwickelt sich eine Vielfalt der Perspektiven, unter denen sich die Gesamtgesellschaft betrachten läßt; sie wird von jeder Subsinnwelt her in anderem Blickwinkel gesehen.“ (Berger/Luckmann 1966/2007, S. 91) Die integrierende Funktion institutionentheoretischer Betrachtungen (Kaminski 1994, S. 23) ist dabei nicht mehr von der Hand zu weisen. Hierdurch wird Institutionenökonomik zu einem unabdingbaren Bindeglied, einer „Gelenkstelle“ zwischen Politik und Wirtschaft, die nicht nur interdisziplinäre Verschränkungen

verdeutlicht, sondern auch ökonomische Eigenlogiken der Politik abzubilden vermag. [4] Politische Bildung, die im Rahmen des institutionenkundlichen Lernens institutionenökonomische Aspekte integriert und damit fokussiert, wird darüber hinaus auch den Qualitätsmerkmalen einer besseren ökonomischen Bildung im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Bildung (siehe auch Abschnitt 3.1.3 dieser Arbeit) gerecht. Das „Leitbild einer sozialwissenschaftlich gebildeten Persönlichkeit“ tritt in den Mittelpunkt und führt zu einem „interfachdidaktischen Konsens“, der „weder die Existenz der sozialwissenschaftlichen Disziplinen und ihrer zahlreichen, oft recht autonomen Subdisziplinen noch die Relevanz dieser Disziplinaritäten für die Fachdidaktiken noch die disziplinär akzentuierten Fachdidaktiken selbst“ aufhebt (Hedtke 2002, S. 46). [5],[6] Die Integration institutionenökonomischer Aspekte in der politischen Bildung ist angewandte Ökonomie im Politikunterricht, was ein verbessertes Verständnis von Politik ermöglicht. Im Rahmen von Kenntnissen, Erkenntnissen und Einsichten (Fischer 1970, S. 91ff.) verbreitern institutionenökonomische Theorien und Modelle das Perspektiventableau im Politikunterricht und schaffen die Möglichkeit, zusätzliche Sachund Wertebezüge herzustellen. Politische Bildung, die institutionenökonomische Aspekte im Rahmen des institutionenkundlichen Lernens berücksichtigt, bietet die Möglichkeit, unterrichtsrelevante Bereiche aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu erschließen. Eine solche Institutionenkunde behandelt hierbei Institutionen als kategorialen Untersuchungsgegenstand und wird zum Schlüssel, die gesellschaftlichen Teilbereiche unter einem gemeinsamen Aspekt zu betrachten, Trennungen aufzuheben und die institutionelle Perspektive als Zugang zu einem Unterricht zu wählen, der in seinen Wurzeln auf Gemeinsamkeiten aufbaut und erst im konkreten Fall spezifische Dimensionen einschlägt.

Anmerkung: Die Integration institutionenökonomischer Perspektiven wurde für die politische Bildung mittels Institutionenkunde erfolgreich vollzogen. Hierfür hat sich die moderne Institutionenökonomik bei der Institutionenkunde der Politikdidaktik „eingeladen“. Man traf auf einen toleranten Gastgeber, bei dem es sich versteht, die Gepflogenheiten des Hauses (z.B. Beutelsbacher Konsens) zu achten. Gegenseitiger Respekt ist der Grundstein für eine „enge Freundschaft“ bei einem gemeinsamen Unterfangen. Auf einer solchen Basis ist ein wechselseitiger Austausch möglich und die anfangs dargestellte Fächerdiskussion kann vorerst in den Hintergrund rücken.

  • [1] Mit anderen Worten zum Beispiel: Politische Entscheidung für die Bereitstellung öffentlicher Güter werden formal durch Politiker und ihre Parteien getroffen, das Zustandekommen solcher unterliegt dem realen Einfluss von Gruppen/Verbänden und der Bürokratie, die Durchsetzung politischer Entscheidungen unterliegt wiederum den Restriktionen von Bürokratie und Judikative
  • [2] Hier zum Beispiel: Wesen, Erhebungsgrundlagen, Inhalte des Bundesverfassungsgerichtsentscheids zur Aufhebung der Steuer sowie Steuerwirkung, -rechtfertigung und -inzidenz
  • [3] Im Hinblick auf das zweite Unterrichtsbeispiel (Abschnitt 5.2.2) konnte auch die wechselseitige Verschränkung der Bereiche Politik und Wirtschaft derart verdeutlicht werden, dass die Notwendigkeit der Einbeziehung politischer Aspekte im Rahmen von Wirtschaftsunterricht (hier vor dem Hintergrund der thematischen Behandlung von Steuern) ebenso besteht.
  • [4] Das Wahlparadoxon kann an dieser Stelle nochmals aufgegriffen werden, um am konkreten Beispiel eine ökonomische Eigenlogik von Politik zu illustrieren: Unter rein ökonomischem Fokus wäre die aktive Beteiligung an einer Wahl zum deutschen Bundestag irrational, wenn man den versprochenen Nutzen unter Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit in das Verhältnis zum notwendigen Aufwand setzt. Fließen politische Bedürfnisse wie Partizipation oder Stärkung der Demokratie in die Nutzenkalküle der Wähler ein, wird der Wahlgang zu einem rationalen Akt, der dann auch ökonomisch nachvollziehbar ist
  • [5] „Die potentiellen Beiträge der Disziplinen, Paradigmen und Theorien können in unterschiedlichem Verhältnis zueinander stehen: eher autonom […], eher identisch […], eher komplementär […], oder eher substitutiv […].“ (Hedtke 2002, S. 46)
  • [6] Die in den Sozialwissenschaften historisch bedingte Trennung der Disziplinen (Reinhardt 1997, S. 14f.) wirkt sich bis heute auf die schulischen Curricula im Rahmen der Fächerdiskussion aus. Schulische Bildung stößt hierbei schon allein ressourcenbedingt an ihre Grenzen, wenn sich Separationsbestrebungen auf Abbilddidaktiken reduzieren lassen
 
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