Sommerakademien als Veranstaltungsform in der Kulturellen Bildung

Anfänge der Sommerakademien

Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die Entstehungsgeschichte von Sommerakademien gegeben werden, da die historischen Entwicklungen immer auch Orientierungen für gegenwärtige Wahrnehmungen und die Gestaltung der Veranstaltungen nehmen können. Das Konzept Sommerakademie als ein sich von den traditionellen Kunstakademien abgrenzendes Unterrichtsmodell lehnte in ihrer Entstehungsphase die für Kunstakademien geltenden Aufnahmeprüfungen und Zugangskriterien wie Geschlecht, Alter und Nationalität sowie genaue Stilund Motivvorgaben strikt ab. Ebenso gab es keine Aufteilung zwischen Anfängern und Fortgeschrittenen, auch Prüfungen wurden nicht abgenommen. Im Gegensatz dazu sollte eine Öffnung für alle kunstinteressierten Menschen stattfinden, die für einige Wochen zusammen verschiedenste künstlerische Erfahrungen machen sollten. Eine der ersten Sommerakademien dieser Art in Europa entstand 1953 mit der Gründung der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst auf der Festung Hohensalzburg (auch „Schule des Sehens“) durch den Künstler Oskar Kokoschka (1886-1980) und den Kunsthändler Friedrich Welz (1903-1980) (vgl. Wally 1993: 5ff.).

Die Kunst Kokoschkas, die dem Expressionismus zugeordnet werden kann, galt ab 1933 unter dem Nationalsozialistischen Regime als „entartet“, sodass der Künstler 1934 nach Prag übersiedelte, später nach London floh und schließlich zwischen 1940 und 1942 mehrere Ausstellungen in den USA hatte. Hier lernte Kokoschka verschiedene alternative Modelle zu den klassischen Kunstakademien kennen. Da viele Künstler während des Zweiten Weltkrieges in die USA flohen, dort aber häufig keine Anstellung an den Akademien finden konnten, entstand ein Modell, nach dem die Künstler über den Sommer hinweg wenige Wochen intensiv unterrichteten und damit die Pause während der allgemeinen Urlaubszeit füllten. Als Kokoschka schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg nach Österreich zurückkehrte, ihm in Wien jedoch eine Anstellung an der Kunstakademie verwehrt blieb, begab er sich schließlich mit der Idee „einer pädagogischen Tätigkeit im Rahmen eines zu gründenden Seminars für bildende Künste“ (ebd.: 14) nach Salzburg, wo er letztendlich die Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst gründete. Kokoschka hatte nicht die Berufsausbildung zum Künstler im Sinn, sondern eine in Auseinandersetzung mit Kunst stattfindende umfassende Persönlichkeitsentwicklung. Dafür wurde ein interdisziplinäres Programm zusammengestellt, was neben der Malerei auch Bildhauerei, Architektur, Lithographie und Kunstgeschichte anbot.

Ausgangspunkt für Kokoschkas Lehren war das „Seherlebnis“, womit er eben nicht das Erlernen technischer Fertigkeiten meint, sondern die Auseinandersetzung des Individuums mit sich selbst in Zusammenhang mit dem Gesehenen, was eine Form des Begreifens und der Teilnahme an der Welt sei. In Anlehnung an die Vorstellungen des Humanisten Johann Amos Comenius (15921670) beschreibt Kokoschka seine Tätigkeit an der Sommerakademie auch als

„Seherziehung“ und beschreibt damit einen von Drill und Zwang befreiten Unterricht, der allen Menschen ermöglicht werden und zur Ausgestaltung ihrer vorhandenen Anlagen dienen soll (vgl. ebd. 163ff.).

Die erste Sommerakademie fand vom 20. Juli bis 15. August 1953 mit 44 Teilnehmenden statt, wobei wie folgt für die Akademie geworben wurde:

„Der Akademiebetrieb als solcher sieht eine enge Zusammenarbeit zwischen Lehrern und Schülern vor: Die Hörer sollen die von den Professoren gestellten Probleme praktisch behandeln, die erzielten Ergebnisse werden sodann der unterweisenden Kritik der Lehrer unterworfen. Round-Table-Diskussionen werden Gelegenheit zu freier Meinungsäußerung und zur gedanklichen Untermauerung der schöpferisch-künstlerischen Tat bieten. Es ist ein ausreichendes Maß an Zeit zu freier Arbeit und gegenseitigem menschlichen Sichnäherkommen vorgesehen“ (zitiert nach Wally 1993: 20).

Trotz einiger Begrifflichkeiten wie „Hörer“, die auf einen passiven Status der Teilnehmenden hinweisen könnten, wird hier die Ausrichtung der Sommerakademie als partizipatives Unterrichtsmodell deutlich. Die Salzburger Sommerakademie verzeichnete daraufhin jährlich wachsende Teilnehmerzahlen und zog zahlreiche weitere Gründungen in Europa nach sich.

 
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