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5.2 Die Datenerhebung

5.2.1 Das leitfadengestützte Expert/innen-Interview

Die Datengewinnung in einer qualitativen Untersuchung findet typischerweise in einem kommunikativen Prozess zwischen den Forschenden und den Untersuchungsteilnehmenden statt. Die Befragung, z.B. in Form eines Interviews, ist dabei eine häufig genutzte Datenerhebungsmethode, bei der sich Interviewer/in und Befragte/r in einer meist unidirektionalen Frageund Antwortbzw. ErzählSituation befinden mit dem Ziel der Erhebung von Auskünften und Beschreibungen der Befragten (vgl. Friebertshäuser, Langer 2013: 438). Dabei kann je nach Erkenntnisinteresse auf eine Vielzahl an Interviewtechniken zurück gegriffen werden, die grob in vorstrukturierende und offene Befragungsformen sowie diverse Mischformen unterschieden werden können. Leitfaden-Interviews begrenzen und strukturieren durch eine gezielte Auswahl an Fragen und deren variable Reihenfolge in einzelnen Themenkomplexen den Antworthorizont. Für die Generierung des Leitfadens muss deshalb ein gewisses Vorverständnis bezüglich des interessierenden Themas vorhanden sein, was sich aus der Auseinandersetzung mit theoretischen und/oder empirischen Vorüberlegungen sättigt. Darüber hinaus sollte den Interviewten aber auch die Möglichkeit gegeben werden, Themen zu ergänzen oder zu vertiefen, um die Bandbreite relevanter Inhalte nicht zugunsten einer strikten „Leitfadenbürokratie“ zu beschneiden. Der Leitfaden ermöglicht letztlich trotz eines situationsbedingten Einsatzes die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zwischen den einzelnen Interviews (vgl. ebd.: 439f.).

In der vorliegenden Arbeit wurden mit Hilfe eines solchen das Gespräch strukturierenden, aber flexibel handhabbaren Leitfadens sogenannte Expert/innen-Interviews durchgeführt. Das leitfadengestützte Expert/innen-Interview dient der „Rekonstruktion komplexer Wissensbestände“ (Meuser, Nagel 2013: 457), die sich auf bestimmte Entscheidungsstrukturen, Handlungsmaximen und -routinen sowie (implizites) Erfahrungswissen beziehen. Eine solche „Erfassung von praxisgesättigtem Expertenwissen“ (ebd.) wird oft zu explorativen Zwecken eingesetzt, um erste systematische Einblicke in diverse Wirkungszusammenhänge von gesellschaftlichen Anforderungen, organisatorischen und institutionellen Kontexten sowie individuellem Handeln zu erhalten (vgl. ebd.: 458). Die Expertin oder der Experte verfügt also über ein aufgrund der arbeitsteilig organisierten Gesellschaft notwendiges „Sonderwissen“ in Abgrenzung zum Allgemeinwissen, welches sich über bestimmte institutionelle Kontexte generiert, also an eine bestimmte Berufsrolle oder gar Profession gebunden ist. Der „geteilte institutionell-organisatorische Kontext der Expertinnen“ (ebd.: 466) spielt demnach eine wichtige Rolle sowohl für die individuellen als auch kollektiven Erfahrungsund Handlungsmuster, die das Wissen und die Praxis der Akteure prägen. Die biographische Motiviertheit tritt also stärker in den Hintergrund zugunsten einer Perspektive auf den Funktionsund Handlungskontext des Akteurs. Dieses Sonderwissen liegt den Expert/innen sowohl in bewusster Form vor, auf das sie reflexiv zurückgreifen können, als auch in impliziter Form, was das (Entscheidungs-)Handeln zwar beeinflusst, aber nicht unbedingt bewusst ist (vgl. ebd.: 462f). In diesem Kontext und mit Verweis auf den modernisierungstheoretischen Diskurs um eine sich entwickelnde Wissensgesellschaft, rückt aber auch der Umgang mit Nicht-Wissen und der ständig geforderten Wissenserweiterung in den Fokus. Auch die in vielen Bereichen für Expert/innen geforderte interdisziplinäre Auseinandersetzung mit diversen Thematiken und damit das Zurechtfinden bei einem solchen „Streifzug durch fremdes Terrain“ (Mollenhauer 1986: 38), rahmt in der vorliegenden Arbeit das Interesse am Handeln der Expert/innen. So befinden sich auch die Kursleitenden einer Sommerakademie, wie schon in Kap. 3.3.2 beschrieben, in einem Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer und pädagogischer Profession, was ihre Denk-, Wahrnehmungsund Handlungslogiken als Expert/innen mitprägt.

Die durchgeführten leitfadengestützten Expert/innen-Interviews sollen also zugleich das Abrufen der für die Beantwortung der Forschungsfrage relevanten Informationen gewährleisten, als auch die Möglichkeit bieten, unerwarteten relevanten Inhalten und damit der Expertise der Interviewten Raum zu geben.

 
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