Arbeiten in und mit der Gruppe als Interaktionsgemeinschaft

Das Arbeiten in und mit der Gruppe, die in der Regel 14 bis 18 Teilnehmende umfasst, zeigt sich als das meist diskutierte Charakteristikum der Sommerakademie mit vielfältigen Auswirkungen für das Handeln der Kursleiter/innen. Zunächst einmal beschreiben die Befragten die Gruppen als in der Regel sehr heterogene Gruppen, sowohl in Bezug auf die Erfahrungen der Teilnehmenden als auch mit Blick auf deren Bedürfnisse und Ansprüche (vgl. B1: 56/B3: 25/B5: 25). Erfahrungen mit der eigenen künstlerischen Produktivität fehlen bei einigen Teilnehmer/innen ganz, während andere diese über eine entsprechende Freizeitgestaltung sporadisch bis regelmäßig sammeln konnten oder diese gar über ihren beruflichen Kontext eingeworben haben (vgl. B2: 9/B:25). Dies wird als „riesen Spanne“ (B3: 33) und „großes Spektrum“ (B5: 25) wahrgenommen: „wenn man 17 Leute hat, sind es 17 verschiedene Charaktere, 17 verschiedene Lösungen“ (B1: 16). Dementsprechend gestalten sich auch die Absichten sehr individuell und unterschiedlich: Zwar würden viele der Teilnehmenden in erster Linie über die Sommerakademie ihre Urlaubsund Freizeit gestalten [1], dennoch streben einige Teilnehmer/innen auch eine Professionalisierung in dem jeweiligen Bereich an, um diese wieder beruflich fruchtbar zu machen (vgl. B1: 56). Die Bedürfnisse und konkreten Ansprüche an das Vorgehen der Kursleitenden sind folglich in dieser Spannweite wiederzufinden – so müsse den Teilnehmenden vom spielerischen Zugang bis hin zum strengen akademisch orientierten Vorgehen verschiedene Möglichkeiten der künstlerischen Auseinandersetzung geboten werden (vgl. B3: 25). „Das ist natürlich dann ein großer Spagat, der in so einer Gruppe natürlich für den Lehrenden, das muss er machen“ (B5: 25). So sei es notwendig die Gruppe nicht als homogene Teilnehmerschaft zu betrachten, sondern innerhalb der Gruppe auch auf die unterschiedlichen und individuellen Wünsche und Vorstellungen einzugehen (vgl. B2: 13/B3: 27). Die Auseinandersetzung mit dem einzelnen Teilnehmenden findet beispielsweise im Bereich der Bildenden Kunst über den sogenannten Einzelkorrekturunterricht statt. Dieser sei aber pro Person nur knapp bemessen und die gerechte Verteilung an Aufmerksamkeit bei großen Gruppen nur schwer umzusetzen (vgl. B1: 18). Der Umgang mit dieser Herausforderung wird deshalb auch als „Spinnenwerk“ (B1: 18) empfunden. Ein solches – wie es die Assoziation hervorruft – systematisch geplantes und durchgeführtes Vorgehen (zum Beutefang), wiederspricht auf den ersten Blick der durch die Befragten zuvor gemachten Schlussfolgerung der unbedingten Planungsoffenheit [2]. Doch schließt sich dies bei einem genaueren Blick nicht aus. Während die Netzkonstruktion zum Beutefang sowohl stabile Fäden für das Grundgerüst als auch elastische Achsenfäden benötigt, muss auch der Kursleitende ein Grundgerüst an Inhalten, Zugängen und Methoden parat halten, welches jedoch die Partizipation der Teilnehmenden zulässt. Diese müsse, eben auch aufgrund der knapp bemessenen Zeit für den Einzelkorrekturunterricht, aber zum größten Teil über die gruppendynamischen Prozesse und Effekte eingefangen und ermöglicht werden. So sei es von einigen Befragten insbesondere das Ziel, die Teilnehmenden untereinander in Interaktion treten zu lassen, damit diese auch unabhängig vom Kursleitenden in einen (künstlerischen) Austausch treten können (vgl. B2:13/B4:15/B5:37). Ein in diesem Zusammenhang am meisten genutztes Format ist die gemeinsame (meist abendliche) Präsentation der entstandenen Werke innerhalb der Gruppe, die einen Vergleich zwischen den Teilnehmenden und einen Austausch zwischen diesen anregt (vgl. B1: 18/B3: 59/B5: 13): „Und dann lernen die (...) auch Dinge zu sehen, die sie eigentlich, wenn sie alleine arbeiten würden, höchstwahrscheinlich nie entdeckt hätten“ (B1: 16). Darüber hinaus führe aber auch schon das Zusammenstoßen gleichartiger Interessen trotz der beschriebenen Heterogenität innerhalb der Gruppe unweigerlich zu einem sozialen Austausch, der nicht nur unbewusst stattfindet, sondern auch gezielt mit der Teilnahme angestrebt wird:

„Die [gemeint sind die Teilnehmenden, C.S.] haben auch diese Marke auch ein bisschen mehr genutzt, um so mal Leute kennen zu lernen und so ein bisschen so, so was Kommunikatives als mehr als sage mal das Künstlerische zu benutzen“ (B1: 22). So spielt auch das Knüpfen sozialer Kontakte über das Arbeiten in Gruppen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung für die Teilnahme an einer Sommerakademie. Zudem führe eine kontinuierliche Teilnahme auch zu dem Entstehen von Freundschaften zwischen Teilnehmenden, die das Format auch nutzen, um diese zwischenmenschlichen Beziehungen zu pflegen (vgl. B5: 41). Es würden jedoch nicht nur Freundschaften entstehen (vgl. B5: 41), sondern auch ein spezifisch künstlerischer Austausch, der teilweise sogar Arbeitsgemeinschaften hervorrufe (vgl. B5: 23). Bei solchen Gruppierungen ginge es auch nicht „um eine Form von Kaffeeklatsch (...), sondern halt auch wirklich um einen intensiven Austausch über das Thema als solches“ (B4: 15). Im Bereich der Darstellenden Kunst seien solche Überlegungen seitens der Kursleitenden sogar in verstärktem Maße notwendig, da die Arbeit in der Gruppe elementarer Bestandteil der Kunstform sei: „die Hauptaufgabe besteht auch darin, sie miteinander ins Spiel zu bringen, weil Theater ist ja eine soziale Kunst“ (B2:11). So stehe die künstlerische Produktion, also das Schaffen von Kunst, in Abhängigkeit von den Spielpartner/innen und letztendlich dem Publikum – wird also durch die Gruppe bedingt (vgl. B2: 13).

Über solche durch die Lehrenden angeregten und natürlich entstandenen gruppendynamischen Prozesse könne der Widerspruch, trotz der knapp bemessenen Zeit für Individualunterricht jeden Einzelnen mit seinen Bedürfnissen in das Kursgeschehen einzubinden, bearbeitbar sein. Auch Spannungen und Diskrepanzen, die über das Arbeiten in und mit der Gruppe unweigerlich auftreten – „unterhalb der Leute, ne so Anschauungen, die völlig konträr sind und dann auch Lösungen, die völlig konträr sind“ (B1: 18) – werden von den Befragten als fruchtbar und lernförderlich wahrgenommen: „Das ist ja nicht negativ, also es ist ja immer positiv“ (B1:18), da darüber auch (künstlerische) Vorüberlegungen, Ideen und Herangehensweisen neu überdacht und reflektiert werden können – soweit dies auch vom Kursleitenden aufgefangen und in diese Richtung gelenkt würde (vgl. B1: 76/B2: 13).

  • [1] Vgl. auch Unterkategorie „Sommerakademie als Urlaubsgestaltung und Abgrenzung vom Alltag“
  • [2] Vgl. Unterkategorie „Der Teilnehmende als freiwilliger Partizipant und aktiver Mitgestalter des Kursgeschehens“
 
< Zurück   INHALT   Weiter >