Professionalisierung zwischen Ausbildung und Erfahrung

In Anlehnung an das beschriebene Spannungsverhältnis thematisieren die Befragten eine Professionalität und Professionalisierung, die über verschiedene berufsbiographische Erfahrungen resultiert und wächst. Da nur in einem Fall auch Pädagogik Bestandteil der künstlerischen Ausbildung war, diskutieren die Befragten ihre Professionalität weniger über ihren beruflichen Abschluss oder etwaige Zertifikate als vielmehr über die aus der beruflichen Praxis gewachsenen Erfahrungen. Auch bei der Auswahl der Kursleitenden einer Sommerakademie würden die Bildungsabschlüsse nur eine gleichwertige Rolle neben der eigentlichen, individuellen künstlerischen Praxis und den Vermittlungskompetenzen einnehmen (vgl. B1: 62/B5: 45).

Insbesondere die als pädagogische Fertigkeiten und Kenntnisse eingestuften Fähigkeiten zum Umgang mit Gruppen und Methoden der Vermittlung würden hauptsächlich über die eigenen Lehrerfahrungen eingeworben werden. Diese setzen bereits bei der Orientierung an der eigenen Ausbildungszeit und das damalige Vorgehen der Lehrenden an: „Man verbindet ja mit der Lehre immer das, was man selbst mal empfangen hat während eines Hochschulstudiums oder der vorherigen Ausbildung“ (B1: 14). So kann man auch aus den eigenen Lernerfahrungen schöpfen und diese in die eigene Vermittlungsarbeit einfließen lassen (vgl. B2: 17). Den größten Erfahrungspool biete jedoch die eigene Lehrtätigkeit an der Sommerakademie. Insbesondere langjährige Dozent/innen berichten von einer permanent stattfindenden Aneignung didaktischer Kenntnisse, auf die situationsbedingt zurückgegriffen werden könne (vgl. B1: 36/B2: 43/B5: 33). Diese Kenntnisse würden zudem helfen, auch auf neue und unbekannte Situationen entsprechend reagieren und sich auf die eigene Intuition verlassen zu können: „Inzwischen ist es doch so, dass ich darauf vertrauen kann, es fällt mir was ein“ (B2: 43). Über diese didaktischen Fertigkeiten und Kenntnisse hinaus würde durch die Lehrtätigkeit außerdem die eigene künstlerische Arbeit an Qualität gewinnen. So würde durch die Vermittlung auch seitens der Lehrenden noch mal eine Vertiefung stattfinden – „Meine Zeichnungen werden besser dadurch (...) ich habe sehr davon profitiert, dass ich an der Sommerakademie (Fach) unterrichtet habe“ (B3: 17). Hinzu komme, dass durch die sehr individuellen Herangehensweisen der Teilnehmenden immer wieder auch neue Impulse entstehen, die die Kursleitenden auch für ihre eigene Arbeit wieder aufnehmen können (vgl. B5: 29). Darüber hinaus biete die Sommerakademie durch das Rahmenprogramm auch noch mal die Möglichkeit, sich als Künstler/in zu profilieren, indem z.B. Ausstellungen für die Kursleitenden organisiert würden (vgl. B3: 41/B2: 53). In diesem Zusammenhang wird auch der Austausch mit anderen Lehrenden der Sommerakademie als Möglichkeit zur Professionalisierung wahrgenommen. So gewinne man viele Anregungen zu neuen Methoden, Inhalten, Themen und Herangehensweisen oft über Gespräche mit Kolleg/innen oder über Besuche der anderen Werkstätten (vgl. B2: 87/B5: 29):

„Und ich habe dann angefangen irgendwann so, weil ein Freund von mir (...) der hat auch Vorträge angeboten (...) mit Dias, über Farbe, Bildkomposition. Und ich dachte dann, das wäre natürlich auch gut“ (B1: 36). Das Lernen seitens der Kursleiter/innen findet also durch die Lehre und den dort stattfindenden Austausch mit den Teilnehmenden als auch Kolleg/innen statt.

Außerhalb der Sommerakademie wird auch das Lehren in anderen Bildungssettings für die Arbeit als Kunstvermittler/in als sehr profitabel eingeschätzt: „Meine mehr oder weniger Fortbildung besteht dann oft darin, dass ich in völlig anderen Bereichen arbeite“ (B2: 41). Viele der dort angewandten Techniken, Herangehensweisen und/oder Themen seien in modifizierter Form auch für die Sommerakademie relevant und könnten dort wieder zum Einsatz gebracht werden. Die Lehre in anderen Veranstaltungen unterstütze außerdem dabei, eine Kontinuität bezüglich der Erfahrungen herstellen zu können, da die Sommerakademie selbst ja nur ein Mal im Jahr stattfinde (vgl. B3: 29/B1: 34).

Nicht zuletzt sei eine kontinuierliche Anfrage durch die Sommerakademie auch ein wichtiger Ausdruck für die eigene Professionalität, die durch die jährliche Wiedereinstellung als Kursleiter/in ihre Bestätigung findet (vgl. B1: 64).

 
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