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6.5 Entwicklungsperspektiven von Künstler/innen in Sommerakademien

Im Zuge eines abschließenden Blicks auf die Entwicklungsperspektiven von Künstler/innen, die in Sommerakademien tätig sind, greifen die Befragten noch mal auf die bereits diskutierten Aspekte der Folgen bestimmter gesellschaftlicher Entwicklungen wie den demographischen Wandel zurück. In diesem Zuge nehmen die Befragten sowohl hemmende als auch förderliche Auswirkungen für die weitere Entwicklung der Veranstaltungsform Sommerakademie wahr. Auch die teilweise als prekär empfundenen sozialen Lagen gegenwärtiger Künstler/innen werden in diesem Zusammenhang ein zweites Mal aufgeworfen und die Möglichkeit, sich stärker als Cultural Entrepreneur im Bereich der Kunstvermittlung aufzustellen, diskutiert.

Sommerakademien im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen

Die Sommerakademie ist mit den Folgen verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen konfrontiert, die sowohl Potenziale als auch Herausforderungen für die Veranstaltungsform bedeuten. Bereits in den Ausführungen zu den prägenden Rahmenbedingungen von kultureller Bildung, die sich als Spannungsfelder der Sommerakademie offenbarten, wurde dies anhand der sich verändernden Altersstruktur in Deutschland und der daraus resultierenden zunehmend alternden Teilnehmerschaft rekonstruiert.[1] Die derzeit hohe Finanzkraft (vgl. B1: 68) stünde hierbei der Prognose einer steigenden Altersarmut (vgl. B5: 55) entgegen und die „Sehnsucht“ nach „Sinnerleben“ (B3: 93) im Alter durch künstlerische Auseinandersetzung wird durch abnehmende körperliche Ressourcen begrenzt, sodass früher oder später das Fernbleiben dieser Generation wahrscheinlich sei (vgl. B3: 53). Die Akquise jüngerer Teilnehmender wird deshalb als dringende Aufgabe formuliert (vgl. B1: 68/B2: 81/B5: 13). Um dies zu erreichen, müsse zum einen die künstlerische Sozialisation im Kindesund Jugendalter gestärkt werden (beispielsweise über Zeichenunterricht), sodass Hemmschwellen gegenüber den verschiedenen Kunstformen abgebaut werden (vgl. B3: 109). Diese Aufgabe könne jedoch nicht von der Sommerakademie geleistet werden, die deshalb andere Wege der Akquise finden müsse. In diesem Zusammenhang wird von den Befragten eine starke Bedürfnisund Nachfrageorientierung als wichtiger Bestandteil der Angebotsplanung diskutiert. Dabei müssten auch „kulturelle Entwicklungen“, spezifischer „Veränderungen innerhalb dieser künstlerischen Artikulation“ (B4: 91-93), also auch neue Kunstformen wie Improvisationstheater, Performance oder Animationskunst berücksichtigt werden. Auch der Einbezug von Neuen Medien wird nicht mehr ausgeschlossen, da „ viele irgendwie gar keine Lust mehr am Bleistift haben“ (B1: 70; vgl. B2: 71). Gleichzeitig dürften die klassischen Kunstformen nicht aus dem Blick geraten, da viele aktuell Teilnehmende diese Zugangsformen (noch) nicht für sich akzeptieren und eher tradierten Ausdrucksformen nachgehen (vgl. B4: 91/B5: 25). Beide Bedürfnislagen sollten befriedigt und die Teilnehmenden darüber hinaus auch für die jeweils anderen Zugänge sensibilisiert werden (vgl. B5: 29).

Auch die von den Befragten als Boom identifizierte Entwicklung von Sommerakademien – „momentan sprießen diese Sommerakademien ja so ein bisschen aus dem Boden“ (B1: 65) mit „diesen vielen, vielen Angeboten, die da überall sprießen“ (B2: 31) – wird als Herausforderung wahrgenommen. So stellt sich bei vielen Veranstaltungen die Frage der Qualität in der Lehre und der Professionalität seitens der Kursleitenden, die nicht immer gegeben sei – „da fehlt einfach ein ja eine fachliche Kompetenz darunter“ (B2: 31). [2] So sei es notwendig, eine Abgrenzungsmöglichkeit zur dieser aufkommenden Konkurrenz zu finden. Diese entwerfen die Befragten entlang der eigenen Professionalität – „die Werkstattleiter sind ja alle, haben ja alle einen fundierten professionellen Hintergrund“ (B2: 31) – und der gezielten Auswahl weiterer Dozent/innen, die sowohl in der eigenen künstlerischen Praxis überzeugen, als auch entsprechende Lehrerfahrung vorweisen sollten (vgl. B5: 45). In diesem Zuge verweisen die Befragten auch auf den institutionellen Kontext der Marburger Sommerakademie, die sich schon durch ihre historische Verwurzelung als älteste Sommerakademie Marburgs abhebt und im Feld der Kulturellen Bildung etabliert habe (vgl. B1: 48/B4: 91/B5: 49). Dennoch sei auch hier ein entsprechendes Marketing notwendig, welches die Angebote immer wieder bewirbt, wobei dies klar als Aufgabe des Bildungsmanagements betrachtet wird, was dem Fachdienst Kultur unterliege (vgl. B1: 72).

Nicht zuletzt bewerten die Befragten auch die Entwicklungen hin zu einer stark rational handelnden Gesellschaft, in der Wissen zur wichtigsten Ressource wird und „auf Kopftätigkeit fokussierte Tätigkeiten“ (B3: 93) im Vordergrund stehen, recht zwiegespalten. So sei die Gefahr groß, dass die auf einer leiblichen Ebene stattfindenden und „zweckfreien“ (B4: 77) künstlerischen Auseinandersetzungen marginalisiert würden. Hinzu komme, dass auch der Alltag immer stärker durch ein straffes Zeitmanagement geprägt wird, sodass eine Work-LifeBalance immer schwieriger zu realisieren sei. In diesem Kontext wird es auch für die Sommerakademie schwieriger, Teilnehmende zu finden, die bereit sind, auch die hohen zeitlichen Ressourcen aufzubringen (vgl. B1: 68/B3: 93). Gleichzeitig verweisen die Befragten aber auch auf den weiter oben ausgeführten urmenschlichen Drang nach künstlerischer Entfaltung (vgl. B3: 93) und den Wunsch, „weg von dieser Funktionalität“ einen „Freiraum“ (B4: 77) zu finden, in dem diese Bedürfnisse ausgelebt werden könnten: „Und das bietet halt eine Form von Sommerakademie“ (B4: 77).

  • [1] Vgl. Unterkategorie „Kulturelle Bildung im Kontext des Demographischen Wandels“
  • [2] Vgl. auch Unterkategorie „Intensivkurse in der angebotsarmen Zeit des Sommers“
 
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