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1. Einleitung

Wenn es um die Ideengeschichte des Subjekts geht, geht es um eine Geschichte voller Höhen und Tiefen. Einst inthronisiert als Möglichkeit einer autonomen Gesellschaftsgestaltung hat das Subjekt seinen Glanz eingebüßt, ist zwischenzeitlich für Tod erklärt worden und hat sich schließlich im Dickicht unterschiedlichster Interpretationen verloren. Unter dem Begriff Subjekt werden inzwischen die unterschiedlichsten Konnotationen subsumiert, und wenn zwei Diskurspartner über das Subjekt debattieren, ist es keineswegs eine ausgemachte Sache, dass beide gleiche oder zumindest annähernd ähnliche Subjektbegriffe ihren jeweiligen Äußerungen zugrunde legen. Nochmals komplizierter wird die Situation, wenn – wie hier beabsichtigt – die Diskurspartner aus unterschiedlichen Jahrhunderten stammen. Ein grober Blick auf die Ideengeschichte zeigt nämlich, dass der Begriff des Subjekts im Laufe der Zeit unterschiedliche Bedeutungen erhalten hat. Im Zeitalter der Aufklärung stand vornehmlich das Erkenntnissubjekt (vgl. Musgrave 1995; Gabriel 1998) im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Im 19. und 20. Jahrhundert wird das Erkenntnissubjekt abgelöst vom Handlungssubjekt (Beer 2004), und schließlich wird ‚entdeckt', dass das Subjekt möglicherweise gar nicht über jene Autonomie, die ihm einst zugeschrieben wurde, verfügt, weil es über die Sprache konstituiert wird, über die es (zumindest vor seiner Konstitution) keine Verfügung hat (vgl. dazu Thomann 2004). Aber nicht nur diese Differenzen bezüglich der theoretischen Subjektbezüge würden unsere beiden Diskurspartner aus unterschiedlichen Jahrhunderten zu überwinden haben. Hinzu kommen die praktischen Subjektbezüge. Die aufklärerische Hoffnung auf das autonome, couragierte und moralisch integere Bürgersubjekt (vgl. dazu Beer 2002) erlitt durch die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts (Kriege, Holocaust, …) eine schwere Ernüchterung und sowohl linke Autoren (Frankfurter Schule), als auch eher konservative Autoren (Luhmann) mögen vom Subjekt schließlich nicht mehr so recht sprechen. Aber selbst wenn unsere Diskurspartner auch diese unterschiedlichen Vorstellungen und Kontexte überbrücken können, bliebe immer noch die explosionsartige Vervielfältigung des Subjektbegriffes durch dessen Verwendung in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen. Die Soziologie etwa hat es sich zu Eigen gemacht, auf das Subjekt durch die Brille der Gesellschaft zu schauen und damit dazu beigetragen, die aufklärerischen Hoffnungen auf das Subjekt zu desillusionieren (vgl. Schroer 2001). Und selbst in der Philosophie, der einstigen Heimatdisziplin des Subjekts, hat sich die Sache des Subjekts bis zur Unübersichtlichkeit ausdifferenziert. Hier treffen metaphysisch anmutende Subjektkonzeptionen (etwa Henrich 2007) auf die analytische Dekonstruktion des Subjekts (etwa Frank 1994) und liberalistisch gedachte Bürgersubjekte (Rawls 1971/1998) auf neomarxistische Theorieentwürfe, die von der Subjektivität auf den Diskurs als theoretischen Leitbegriff umstellen (etwa Laclau/Mouffe 2006).

Kurzum: Der Begriff des Subjekts ist keineswegs ein einheitlich definierter oder verwendeter Begriff, und der Versuch, die wechselvolle Geschichte des Subjektdiskurses darzustellen, kommt nicht umhin, zum einen grob fahrlässig vorzugehen, und zum anderen zu selektieren. Grob fahrlässig' meint im vorliegenden Zusammenhang, dass nicht exegetisch auf Theorieparadigmen oder einzelne Autoren zugegriffen werden soll. So würde beispielsweise die Deklaration des Rationalismus als einer Theorie des autonomen Subjekts fehlschlagen, wenn etwa die Autoren Descartes und Leibniz verglichen werden. Beide werden diesem Paradigma zugeordnet. Und auch beide gehen von einem unhintergehbaren Cogito (bei Leibniz (1714/1997): Monade) aus. Während jedoch Descartes (s. u.) aufgrund seines Dualismus mit dem Bewusstsein eine Entität benennt, die der (mechanistisch-)kausalen res extensa kategorial entgegengesetzt und damit einzig dem Willen unterworfen ist, ordnet Leibniz (1710/1985) sein Subjekt in eine göttlich sanktionierte und vor allem: prädestinierte Ordnung ein, die die Vorstellung eines autonomen Subjekts fraglich werden lässt. Selbst bei Descartes findet sich der Gedanke der göttlichen Vorsehung, die es unmöglich macht, „dass irgendetwas in anderer Art eintreffen wird, als es von der Ewigkeit von der Vorsehung bestimmt ist.“ (Descartes 1649/1996: 227) Zwar relativiert er diesen Gedanken, indem er der göttlichen Vorsehung attestiert, beschlossen zu haben, dass es Dinge gibt, die vom freien Willen abhängen. Aber auch in seiner Metaphysik kommt das Subjekt ohne Gott nicht aus, wenn es sowohl die logisch-mathematischen Wahrheiten, als auch die Außenwelt erkennen soll. Ob also Descartes tatsächlich dem Subjekt eine unumwundene Autonomie zugesteht, kann bezweifelt werden. Es sind unter anderem Zweifel dieser Art, über die im Folgenden „grob fahrlässig“ hinweggesehen werden soll. Anders formuliert: Es wird im Folgenden die Methode der Übertreibung oder Zuspitzung zugrunde gelegt, um so trennscharfe Begrifflichkeiten generieren zu können.

Dies bezieht sich dann auch auf die um den Subjektbegriff herumgelagerten Begriffe wie Individuum, Person oder Mensch. In der Literatur kommen alle diese Begriffe mit unterschiedlichen Bedeutungsgehalten vor. Im Kontext der folgenden Überlegungen werden diese Unterschiede ignoriert, es sei denn, es werden spezifische Konnotationen explizit verfolgt. Ansonsten sollen die Begriffe wie Individuum oder Mensch hier als Subjekt gelesen werden.

Ähnliches gilt für den selektiven Zugriff. Nicht alle Autoren, die sich (mehr oder weniger) prominent zum Subjekt geäußert haben, sollen im Folgenden zu Wort kommen. Einerseits ist dies eine Selbstverständlichkeit, da ansonsten ein Werk geplant wäre, dessen Vollendung zweifelhaft wäre. Andererseits werden durch die Selektion Autoren unberücksichtigt bleiben, die mit guten Gründen verdient hätten, problematisiert zu werden. Der Sinn der folgenden Ausführungen ist es jedoch, Begrifflichkeiten zu ‚entdecken', die mit dem Begriff des Subjekts verbunden sind oder verbunden sein können. Zu diesem Zweck scheint es redundant, tatsächlich alle relevanten Autoren oder Theorieparadigmen zu benennen, die sich um den Begriff des Subjekts bemüht haben.

Allein, trotz dieser Einschränkungen bleibt die Landschaft der Subjekttheorie unübersichtlich. Um eine erste Bresche in den Wald der Subjekttheorien zu schlagen, soll daher zwischen Form und Inhalt des Subjektiven getrennt werden. Diese Trennung hat einen rein analytischen Charakter und bezeichnet einen eher theoretischen (Form) und einen eher praktischen Zugang zum Subjekt (Inhalt). Unter der Form des Subjekts wird im Folgenden der erkenntnistheoretische Status des Subjekts verstanden. Inhalte des Subjekts sollen Attribute oder politisch-moralische Dispositionen bezeichnen, die sich sinnvollerweise dem Begriff des Subjekts zuschreiben lassen. Im Sinne des Differenzdenkens (Baetson 1987; Luhmann 1987; Clam 2002) sollen beide Analysemomente jeweils mit Unterscheidungen operieren, die freilich arbiträr gesetzt sind. Im Falle der Form soll die Differenz aktiv vs. passiv zugrunde gelegt werden, mit der untersucht werden soll, ob das Subjekt im Erkenntnisprozess als aktives Subjekt vorgestellt wird oder als passiv, d. h.: bloß auf Sinnesdaten reagierend. Eine genauere Bestimmung der beiden Differenzpole wird am Ende der Rezeption einschlägiger Autoren und Paradigmen erfolgen, wobei auch hier die Methode des Übertreibens Anwendung finden soll, weil beide Pole kaum in ihrer „Reinheit“ (vielleicht abgesehen vom Solipsismus, der dem Subjekt eine absolute Aktivität zuspricht) zu finden sind. Im Fall der Inhalte sollen die Differenzpaare Autonomie vs. Heteronomie, Individualisierung vs. Kollektivorientierung und Moralität vs. Nutzenkalkül als Leitfäden der Analyse fungieren.

Um den Zugriff auf den Subjektbegriff zu erleichtern und den angestrebten Rekonstruktionsversuch zu strukturieren, soll mit der Idee der Emanzipation operiert werden. Das damit verbundene praktisch-philosophische Ziel ist es, an die einstigen Ideale der Aufklärung anzuknüpfen, und zu eruieren, inwieweit diese noch Bestand haben können. Das Subjekt hatte in der Aufklärungsepoche eine triumphale Zeit erlebt und ist seitdem immer weiter in die Defensive geraten, bis schließlich sogar sein Tod erklärt wurde. Diese Entwicklung hat ihre nachvollziehbaren Gründe. Die Gesellschaften, die seit der Aufklärung im europäischen Raum entstanden sind, haben sich nicht so gestaltet, wie es die einstigen Ideale vorgesehen hatten. Das Subjekt als Anhängsel einer Maschinerie zu beschreiben und unter den Verdacht zu stellen, es könne seine triumphale Stellung nicht länger behaupten, sind sicherlich keine Beschreibung und kein Verdacht, die umstandslos negiert werden könnten. Modernen Gesellschaften wohnt die Tendenz inne, das Subjekt zu entmachten und diejenigen Theorien, die dies konstatieren, reflektieren einen gesellschaftlichen Zustand, der es nicht zu erlauben scheint, weiterhin mit einem emphatischen Subjektbegriff zu operieren. Der anvisierte Rekonstruktionsversuch soll dieser Reflexion nicht als Gegenentwurf gegenüber gestellt werden. Er soll aber deren pessimistische Attitüde korrigieren und daran erinnern, dass das Subjekt einst anders gedacht war: als Träger eines Emanzipationsprozesses.

Die vorliegende Arbeit ist im Rahmen der Mitarbeit an dem von der VW-Stiftung gefördertem Forschungsprojekt „Subjektkonstruktionen in der Digitalen Kultur“ (siehe dazu Carstensen et al. 2014) entstanden. Ich bedanke mich daher bei Christina Schachtner, Heidi Schelhowe und Gabriele Winker, die mir die Möglichkeit zur Verfügung gestellt haben, an dem Projekt mitarbeiten zu können. Für umfangreiche orthographische und sachliche Hilfestellung bedanke ich mich bei Eva Reichelt. Schließlich gilt mein besonderer Dank Anja Zurstegge, ohne deren Unterstützung die Arbeit wohl nicht in der Form hätte geschrieben werden können.

 
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