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2. Formen des Subjekts

Wie bereits angedeutet, soll unter der Form des Subjekts dessen erkenntnistheoretischer Status verstanden werden. Dies ist insofern begründet, als das (moderne) Subjekt vornehmlich als „Produkt“ erkenntnistheoretischer Überlegungen konstituiert wurde. Gemeint ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich René Descartes, der mit seinen „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“ nicht nur den Ausgangspunkt der aufklärerischen Epistemologie gesetzt hat, sondern mit seinem „Cogito“ zugleich das (moderne) Denken über das Subjekt, so dass die Betrachtung der Subjektdiskurse auch nicht zufällig mit Descartes beginnt.

Zu berücksichtigen ist nun freilich, dass – wie ebenfalls bereits kurz angedeutet – im 20. Jahrhundert die Epistemologie zwar nicht vollständig aufgegeben wurde, wie Jürgen Habermas (1981) einst gefordert hatte, mit der Handlungstheorie (oder: dem Intersubjektivitätsparadigma) und der Gesellschaftstheorie aber eine Konkurrenz bekommen hat, die nicht mehr in der klassischen Subjekt-Objekt-Dichotomie wurzelt, sondern in der interaktiven Subjekt-Subjekt-Konstellation oder in der Dualität Subjekt-Gesellschaft. Dies hat einerseits Konsequenzen für das Verständnis des Subjekts, die nachstehend genauer zu problematisieren sind. Dies hat andererseits Auswirkungen, auf den Versuch, die Form des Subjekts als erkenntnistheoretischen Status zu begreifen. Streng genommen müssten bei der Formbetrachtung dann handlungsund gesellschaftstheoretische Modelle schlichtweg ignoriert werden. Um dies zu umgehen, wird die Form des Subjekts konkretisiert mit dem Differenzpaar aktiv vs. passiv. Auf diese Weise können Erkenntnis-, Handlungsund Gesellschaftstheorie gleichermaßen in den Fokus genommen werden, wobei sich die Begriffe der Aktivität und der Passivität ihrerseits noch einmal binnendifferenzieren. Genuin erkenntnistheoretisch bezieht sich die Differenz dann darauf, wie das Subjekt gegenüber seiner Außenwelt positioniert ist, genuin handlungstheoretisch darauf, wie das Subjekt in interaktiven Bezügen gesehen wird und genuin gesellschaftstheoretisch wie sich das Verhältnis Subjekt und Gesellschaft beschreiben lässt..

Um einen Wandel innerhalb der Formbestimmungen abzubilden, würde es zwar ausreichen, allein die unterschiedlichen Diskurse aufzuarbeiten. Es kann jedoch vermutet werden, dass Diskurse nicht autark gegenüber anderen gesellschaftlichen Feldern und zugleich in historische Kontexte eingebettet sind. Diese These soll hier nicht im Sinne einer marxistischen Geschichtsphilosophie als Determinationsoder Präjudizierungsthese verstanden werden, weil es zweifelsohne gute Gründe gibt, ein derartiges Geschichtsverständnis zu kritisieren oder abzulehnen (vgl. etwa Popper 1960/2003 aus liberalistischer und Castoriadis 1984 aus neo-marxistischer Sicht). Dennoch bleibt an der marxschen Einsicht richtig, dass sich Zusammenhänge zwischen verschiedenen Diskursen oder gesellschaftlichen Feldern konstatieren lassen. Diese sind dann allerdings dem Anspruch nach nicht objektiv, sondern ihnen haftet das Moment der Arbitrarität und Selektivität an. Dies kann jedoch für jegliche Geschichtsbeschreibung gelten oder wie Egon Friedell einst anmerkte: „Wir gelangen demnach zu dem Resultat: sobald die referierende Geschichtsschreibung versucht, eine Wissenschaft zu sein, hört sie auf, objektiv zu sein, und sobald sie versucht, objektiv zu sein, hört sie auf, eine Wissenschaft zu sein.“ (Friedell 1927-31/2009: 26; vgl. auch Rusch 1987). Ob dieser Skeptizismus in Bezug auf die Geschichtswissenschaft berechtigt ist oder nicht, kann hier nicht erörtert werden. Er soll allerdings insoweit übernommen werden, als im Folgenden kein exaktes und umfassendes historisches Wissen ausgebreitet, sondern anhand einiger (ausgewählter) Stichworte über die historischen Kontexte der jeweiligen Autoren oder Paradigmen informiert werden soll, um eine Einordnung dieser Autoren und Paradigmen zu vereinfachen. Der besondere Fokus liegt dabei auf der seit dem 17. Jahrhundert mit der Aufklärung einsetzenden Demokratieentwicklung oder stärker auf das Subjekt bezogen: Auf dessen Möglichkeiten einer aktiven Bezugnahme auf die materielle und soziale Umwelt, und damit: dessen Möglichkeiten der Emanzipation. Wie sich dann zeigen wird, lassen sich insbesondere im 20. Jahrhundert die gesellschaftstheoretischen Subjektmodelle als pessimistische Variante einer historischen Entwicklung lesen, die triumphal in der Aufklärung begann, mit der Französischen Revolution aber in einer Gesellschaft endete, die den einstigen Versprechen auf Freiheit und Gleichheit nicht stand hält. Das Subjekt als Legitimationsquelle modernen Wirtschaftshandelns und politischer Entscheidungen scheint eine gesellschaftliche Ordnung etabliert zu haben, die sich seiner Kontrolle entzieht. Dennoch ist ein pessimistischer Blick auf das 20. Jahrhundert nicht die einzige Möglichkeit, die Geschichte des Subjekts zu erzählen. Vielmehr ist ein Diskurs um das Subjekt entfacht worden, der dieses auf der einen Seite durch die Gesellschaft entmündigt sieht. Auf der anderen Seite wird daran festgehalten, dass das Subjekt es ist, das für diese Gesellschaft aus freier Entscheidung verantwortlich ist und seinen aktiven Gestaltungsraum trotz der Schreckenserfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht verloren hat. Die nachfolgenden Seiten treten den Versuch an, diesen Diskurs innerhalb der verschiedenen Diskursregien der Epistemologie, der Gesellschaftstheorie und der Handlungstheorie und dessen wesentliche Argumente nachzuzeichnen.

 
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