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2.1 Das 17. Jahrhundert

Der chronologische Ausgangspunkt der Untersuchung ist das 17. Jahrhundert. Dies ist zum einen ideengeschichtlich dadurch begründet, dass im 17. Jahrhundert mit René Descartes das Subjekt der Moderne (einschließlich der damit verbundenen Probleme) die Agenda des philosophischen Denkens betritt. Dies lässt sich aber zum anderen historisch begründen, weil das 17. Jahrhundert erstaunliche Parallelen zur Gegenwart aufweist. Wie Timothy Brook (2009) nachweist, fällt erstens in das 17. Jahrhundert der Beginn des Prozesses, der ab dem 20. Jahrhundert als Globalisierung bezeichnet wird. Brook konzentriert sich bei seinen Recherchen hauptsächlich auf die Niederlande, die zu dem Zeitpunkt ihre Unabhängigkeit von Spanien erlangt haben, und zeigt auf, welche globalen Handelsvernetzungen sich von dort über den gesamten Erdball erstrecken. Haupthandelspartner war damals China bzw. der asiatische Kontinent. Und wenngleich die chinesische Politik stärker protektionistische Züge annahm, als dies in der Gegenwart der Fall ist, so fand dennoch nicht nur ein Handelsaustausch statt, sondern auch ein kultureller, der sich vornehmlich in einer Adaption chinesischen Lebensstils in Europa und der Aufnahme chinesischer Motive in die Malerei (an der Brook seine Untersuchung aufhängt) kristallisierte. Während die Europäer unter anderem stark an chinesischem Porzellan interessiert waren, richteten die Chinesen ihr Hauptaugenmerk auf Silber, was die Bezeichnung „Globalisierung“ für die in Frage stehende Epoche rechtfertigt. Silber wurde insbesondere auf den amerikanischen Subkontinenten abgebaut – bekanntermaßen einhergehend mit brutaler Unterdrückung und Ausbeutung der indigenen Bevölkerung –, so dass tatsächlich Handelsgüter rund um den Globus verschifft wurden. Nun hatte es überregionale Handelsbeziehungen freilich auch schon vor dem 17. Jahrhundert gegeben (zu denken ist etwa an das Handelsnetz der Medici). Timothy Brook (Ebd.: 27) urteilt jedoch: „Immer mehr Menschen betrieben Geschäfte mit anderen, deren Sprache sie nicht kannten und deren Kultur ihnen völlig fremd war. […] Die Zeit der flüchtigen Bewegungen war weitgehend vorbei. Im 17. Jahrhundert verstetigten sich die Kontakte zwischen den Kontinenten.“

Eine zweite auffällige Parallele ist die Ausbreitung von Kommunikationsmedien im 17. Jahrhundert (vgl. Würgler 2009). Gemeint sind hiermit die Entfaltung eines Zeitungsund Zeitschriftenmarktes und die zunehmende Bedeutung von Büchern, die nicht zuletzt durch die Erfindung der Buchpresse bereits im 15. Jahrhundert durch Johannes Gutenberg ermöglicht wurde. Besonders interessant sind die Zeitschriften, die vielfach Zuschriften der Leserschaft abdruckten und die dadurch – wie Würgler (Ebd.: 49) anmerkt – „zweifellos das interaktivste Medium vor dem Internet“ waren. Für die gesellschaftliche und politische Entwicklung spielte freilich die wachsende Buchkultur eine bedeutende Rolle. Nicht nur zirkulierten durch die Rezeption von Büchern philosophische, wissenschaftliche, theologische und politische Ideen, es entstanden quasi um die Bücher herum Institutionen, die zu einem wesentlichen Träger aufklärerischen Gedankenguts wurden: Salons, Debattierclubs, Lesegesellschaften und Kaffeehäuser (letztere nicht unabhängig von globalen Handelsbeziehungen) (vgl. Körber 2006: 185 ff.). Diese Institutionen zeichneten sich durch eine (dem Anspruch nach) ständeübergreifende (weniger: geschlechterübergreifende) Zusammensetzung und eine hohe Diskussionskultur aus. Sie bildeten den Kern einer bürgerlichen Öffentlichkeit, von der Jürgen Habermas (1962/1996: 119) behauptet: „In der bürgerlichen Öffentlichkeit entfaltet sich ein politisches Bewusstsein, das gegen die absolute Herrschaft den Begriff und die Forderung genereller und abstrakter Gesetze artikuliert, und schließlich auch sich selbst, nämlich öffentliche Meinung, als die einzig legitime Quelle dieser Gesetze zu behaupten lernt.“ Und wenngleich das Ideal der ständeübergreifenden Zusammensetzung der oben genannten Institutionen der Realität nicht standhält, so kann doch behauptet werden, dass im Zusammenspiel zwischen der Ausbreitung von Kommunikationsmedien und Institutionen, die sich um diese Medien herum konstituieren, tatsächlich der Gedanke einer öffentlich-demokratisch kontrollierten Machtausübung entsteht, der die politische Entwicklung Europas im weiteren Verlauf entscheidend beeinflussen wird.

Flankiert wird dieser Prozess durch einen bürgerlichen Lebensstil, der sich durch Privatheit und Individualisierung charakterisiert und der sicherlich mit der liberalistischen Idee eines autonomen Staatsbürgerpublikums korrespondiert. Manifestiert wird dieser Lebensstil unter anderem in einer Veränderung des Wohnsituation: „Es handelt sich hier um einen fundamentalen Vorgang in der Entwicklung des bürgerlichen Wohnens: um die Trennung von Wohnund Arbeitsbereich als Ausdruck einer spezifischen Privatheit, die sich gegenüber den profanen, notwendigen Dingen der Ökonomie abgrenzt und einen eigenen Raum gegenüber dem öffentlichen und der mit ihm verbundenen sozialen Kontrolle beansprucht.“ (Roeck 1991: 21) Gleichzeitig findet, wie Norbert Elias (1969/1994) herausgearbeitet hat, eine Internalisierung von Verhaltenskontrollen statt, die sich im Lebensstil niederschlägt und die zu einem verändertem Verhältnis der Menschen untereinander führt: „es wird freier von momentanen Emotionen: es psychologisiert sich.“ (Ebd. Bd.2: 372) Zusammengenommen können die Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit und eines Individualisierungsprozesses als begünstigende Hintergrundfolie für die Thematisierung des Subjekts begriffen werden. Dieses sollte schließlich erstens dem autonomen Bürger zugrunde liegen (oder anders herum: der autonome Bürger drängt auf eine Subjektphilosophie) und zweitens macht die Entdeckung der Privatheit das Subjekt zu einem neuartigen Untersuchungsgegenstand, an dem ausgewiesen werden muss, dass es tatsächlich zu einem individualistischen Lebensstil jenseits sozialer Kontrolle befähigt ist, ohne dass es zu (bürger-)kriegsähnlichen Zuständen kommt, die im 17. Jahrhundert Thomas Hobbes in seinem Naturzustandsmodell thematisiert.

Die Kontrastfolie für einen solchen Zustand waren die Religionskriege dieser Zeit, allen voran der Dreißigjährige Krieg (vgl. Kampmann 2008). Wenngleich es in diesem Krieg auch um Erbfolgen, Rechtsansprüche, territorialen Einfluss und Besitztümer ging, war dieser Krieg oberflächlich religiös motiviert. Als Hauptkontrahenten traten der Protestantismus und die katholische Kirche auf. Und noch etwas charakterisiert diesen Krieg. Wenngleich er hauptsächlich auf dem Gebiet des damaligen deutschen Reichs ausgetragen wurde, war es ein europäischer Krieg, der sich aus diversen Konflikten an unterschiedlichen Orten Europas entwickelt hat und schließlich in einer Katastrophe endete, die Egon Friedell (192731/2009: 487) mit den Worten zusammengefasst hat: „Unter den vielen langen und sinnlosen Kriegen, von denen die Weltgeschichte zu berichten weiß, war der Dreißigjährige Krieg einer der längsten und sinnlosesten, wahrscheinlich gerade darum, weil er so sinnlos war.“ Das 17. Jahrhundert hat nun allerdings auch einen gravierenden Unterschied zur Gegenwart: Es ist, trotz der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, ein optimistisches Jahrhundert, das sich – wohl auch als Reaktion auf den Krieg – von religiösem oder kirchlich-dogmatischem Denken zu emanzipieren beginnt und religiöse Toleranz einfordert (etwa Locke 1685/1957). An die Stelle der göttlichen Offenbarung tritt „das natürliche Licht der Vernunft“, so dass dieses Zeitalter auch als „enlightenment“, „l'âge des luminières“ oder als „el siglo des luces“ (vgl. Schneider 2004: 16) bezeichnet wurde bzw. wird. Dies betrifft natürlich die Stellung religiösen Denkens, trifft aber im Zusammenhang damit auch auf andere Bereiche zu: Naturwissenschaften, Menschenbild, Moral und Politik. In den Naturwissenschaften dominiert ein mechanistisches Weltbild, das unter anderem Descartes stark mitgeprägt hatte und das dazu führte, den menschlichen Körper oder die Dinge der Außenwelt mit einem rein medizinischen oder physikalischen Blick zu betrachten. Weder der Mensch als Naturwesen noch die Natur galten länger als zweckgerichtet und konnten so mittels wissenschaftlicher Methoden beschrieben werden, die auf die Annahme animistischer oder spiritueller Kräfte verzichteten. Für die Entwicklung der Medizin zweifelsohne ein gewichtiger Fortschritt, der allerdings den Preis zu zahlen hatte, dass mit ihm das berühmte Leib-Seele-Problem die Agenda philosophischen Denkens betrat, das die Diskussionen im 17. Jahrhundert beschäftigte: Wenn der Mensch als Naturwesen rein mechanistisch zu beschreiben und erklären ist, wie ist dann das Verhältnis dieses Wesens zu mentalen Eigenschaften (Bewusstsein) zu verstehen? Dass diese mentalen Eigenschaften das 17. Jahrhundert bewegt haben, macht der Terminus „natürliches Licht der Vernunft“ deutlich, der moralisch und politisch impliziert, dass grundsätzlich alle Menschen unabhängig ihres Standes vernunftbegabt sind und damit auch gleichermaßen Anspruch auf politische Teilhabe einfordern können. Nun ist die Demokratie zwar keine Erfindung des 17. Jahrhunderts, das philosophische Weltbild dieser Zeit drängte jedoch dahin, sich die Demokratie neu anzueignen. Und dieses Drängen kann als einer der starken Impulse für die Hinwendung zur Subjektphilosophie gelesen werden, denn, so kann vermutet werden: Ohne Subjekte macht die Demokratie keinen rechten Sinn.

 
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